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Gladius21. Ekel oder: der Fall Polanski

Von | 04.10.2009, 14:18 | 8 Kommentare

Die Debatte um die Auslieferung des Filmemachers Roman Polanski scheidet die Geister. Warum eigentlich? Es gibt Menschen, über die wir uns eine Meinung erlauben, obwohl wir ihnen nie begegnet sind und über die jeder anders denkt, je nachdem was man von ihm erfahren hat und für wichtig erachtet. Dem ist umso mehr so, je öffentlicher […]

Roman Polanski & „Tess“. Foto: nastassja78

Roman Polanski on location mit „Tess“ (1979). Foto: nastassja78

Die Debatte um die Auslieferung des Filmemachers Roman Polanski scheidet die Geister. Warum eigentlich?

Es gibt Menschen, über die wir uns eine Meinung erlauben, obwohl wir ihnen nie begegnet sind und über die jeder anders denkt, je nachdem was man von ihm erfahren hat und für wichtig erachtet. Dem ist umso mehr so, je öffentlicher diese Menschen sind, also je mehr sie zu Medienereignissen werden.

Dieser Tage sitzt in der Schweiz ein Mann in Haft, der die westliche Welt im wesentlichen in zwei Meinungslager zu teilen scheint, nämlich die „Freiheit Fürs“ und die „Gerechte Strafe Fürs“ (die „Weißnichts“ und die „Niegehörts“ wollen wir hier einmal vergessen). Dieser Mann ist öffentlich, seit ich denken kann, außerdem ist er sowohl ein Verbrecher – das steht einmal fest – als auch ein begnadeter Filmschaffender – auch das steht außer Zweifel. Aber für einen Mann Gottes muss das egal sein. Für einen Mann wie mich zählt bzw zählen zunächst einmal seine Sünde(n) und wie er damit umgeht oder – ging; ob der Mann also respektable Akte der Reue und Buße setzte, die ihn in die Lage setzen, vor den Allmächtigen zu treten, ohne sich dabei von schlechtem Gewissen zerrüttet in die Hosen zu machen.

Liebe Lesergemeinde, Ihr wisst natürlich, dass hier von einem Mann die Rede ist, den wir unter dem Namen Roman Polanski kennen und je nachdem, wie weit Eure Erinnerung in die Vergangenheit reicht, ist er bei Euch dort irgendwo zwischen „Genie“ und „faulender Apfel“ angesiedelt, ich selbst bin alt genug, um ihn einmal bewundert, andermal wieder verachtet zu haben. Im Kern aber ist meine Erinnerung an ihn unauslöschlich mit den Sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts verknüpft.

Polanski wurde 1933 als Rajmund Roman Liebling in Paris geboren. Sein Vater war ein polnischer Jude, seine Mutter eine Katholikin mit jüdischem Vater, und beide hatten 1936 beschlossen, die Familie in Krakau anzusiedeln. Diese paar Daten allein sollten reichen, um zu wissen, dass ihn das Schicksal bald mit allen Gräueln überhäufen würde, zu denen die menschliche Spezies fähig ist und mit denen einst (auf persönlicher Ebene) auch der biblische Hiob konfrontiert wurde, weil zwischen Gott und dem Satan eine bizarre Wette lief. Die Mutter des kleinen Liebling starb in Auschwitz, der Vater litt in Mauthausen, Roman selbst überlebte in Polen, wo ihm vier Jahre nach Ende des Krieges auch noch die Schmach einer Vergewaltigung widerfuhr.

Dass er sich in den Fünfziger Jahren einen exzellenten Ruf als Filmemacher erwarb, spricht für sein begnadetes Talent ebenso wie für seinen Lebenswillen, den zu brechen er niemandem gestattete, aber auch in diesem Zusammenhang erinnert ein Geistlicher außerdem anderes, etwa AT Hesekiel 16, jene Überlieferung des treulosen Weibes, das eine schreckliche Kindheit hatte, von allen Mitmenschen verachtet wurde und im Staube Jerusalems „in seinem Blute“ dalag, ehe der Allmächtige beschloss, dass sie leben und zu einer schönen und begüterten Bürgerin Jerusalems gedeihen solle. Und so geschah es denn, allerdings erwies sie sich als G´frast, das „die Beine für alle (spreizte), die vorübergingen“ und sogar „Hurerei mit den Ägyptern“ trieb (Hes.16.26).

Ich erinnere Hesekiel, weil auch über Polanski (so nannte er sich nun), kaum war er bewundert und etabliert, mit den Sechziger Jahren eine vergleichbare Epoche herein brach, ein Jahrzehnt der Promiskuität, das mit der Erfindung der Pille (1960) begann und sich im August 1969 in einem entsetzlichen Attentat entlud, das die Welt erschütterte und den damals 36jährigen Polanski offenbar nicht läuterte.

Bekanntlich war Polanski seit 1968 mit der bezaubernden Schauspielerin Sharon Tate verheiratet und sie waren ein öffentliches Paar und er war ausreichend auf sein freigeistiges „Sixties-Image“ bedacht, um trotzdem weiterhin der Vielweiberei zu frönen, und das ist gut und schön, solange beide damit glücklich sind. Am 8. August 1969 aber war sie im neunten Monat schwanger und wurde im Zuge eines kollektiven Blutrausches ermordet, der bis heute als „The Manson Murders“ über jenem Jahrzehnt lastet. Und der Umstand, dass Polanski gleichzeitig in London sein hedonistisches Leben lebte anstatt schützend an der Seite seiner hochschwangeren Gattin zu sein, wie es der Instinkt eines Lebenspartners befehlen sollte, brachte ihn weltweit in Verruf.

Es war dies ein Schicksalsschlag, der auch den härtest gesottenen Lebemann insofern läutern sollte, dass irgendwas am persönlichen Lifestyle nicht in Ordnung ist und der radikalen Änderung bedarf. Klerikal gesehen hatte er Jahre lang „in Sünde“ gelebt, er wurde seiner zwei großen Lieben (die Gattin und das Ungeborene) beraubt, und er brachte es nicht zu Stande, daraus eine „gottgefällige“ Konsequenz zu ziehen. Das Büßergewand war eine Tracht, die weiterhin in seiner Garderobe Staub ansetzte.

Dass er sich acht Jahre später jenen Eklat leistete, der nun die Welt in zwei Lager zu spalten scheint, kann ich eigentlich nur als entartetes „Dacapo“ sehen, allerdings überschreitet diese „Gespaltenheit“ die Grenzen meiner Fassbarkeit. Es gilt als manifest, dass Polanski ein 13jähriges Mädchen für eine „Fotosession“ in eine ansonsten leere Luxusvilla lockte, dass sie sich dort für Badewannenfotos zu entblättern hatte, dass er die Minderjährige unter Alkohol und Drogen setzte, dass er die flehentlichen Bitten der Kleinen um Gnade ignorierte, dass er sie vergewaltigte, dass er sie sodomierte. Werte Leser, was gibt es bei so einem Sachverhalt gegen die Auslieferung eines Mannes, der sich seither Jahrzehnte lang einer „Buße“ widersetzte, einzuwenden? Versteh ich da etwas nicht?

Es ist egal, dass das Verbrechen 32 Jahre zurück liegt. Es ist egal, dass er sich mal ein paar Wochen in psychiatrische Behandlung begeben hatte und dem Opfer etwas Geld überwies. Es zählt nicht, dass er unvergessliche Filme schuf, es zählt nicht, dass seine Kindheit eine schreckliche war, es zählt nicht, dass die Badewannenkulisse eventuell eine „Austreibung seiner Dämonen“ darstellte (weil die Badewanne in einem seiner Filme mit Sharon Tate mal eine Rolle spielte, siehe Video weiter unten) und es ist vollkommen egal, ob hinter der nun fälligen Auslieferung des alten Regisseurs tatsächlich ein Kleinkrieg tobt, den sich die USA mit der Schweiz gestattet. Ein erwachsener Mann hat das Vertrauen eines minderjährigen Mädchens entsetzlich missbraucht. Seine persönliche Geschichte legt nahe, dass er daraus nie gelernt hat und der Umstand, dass er ein begnadeter Künstler ist, ist kein Minderungsgrund für den Dreck an seinem Stecken, ganz im Gegenteil. Dieser Mann hat Buße verdient. Jene Buße, der er ein halbes Leben lang zu entfliehen trachtete. Das ist er schuldig, nämlich  sich selbst. Angenehmen Sonntag – und möge Euch bei neuerlichem Genuss eines Polanski-Filmes nicht der Ekel packen. Es folgen: Sharon Tate und Roman Polanski in Tanz der Vampire.

8 Kommentare »

  • karotterl sagt:

    http://www.youtube.com/watch?v=oh48I7YhIyY
    http://www.youtube.com/watch?v=ivgXVVNK3kI&feature=channel_page

    :D
    wenns weiter nix ist, da freut sich das grünzeugs, wenns a paar meilenstiefeln ersparen kann.

  • Kirsch sagt:

    Sehr geehrter Frater,
    interessanter Kommentar. Ich bin etwas jünger und habe Polanski erst in den 80er Jahren bewusst wahrgenommen „Frantic“, künstlerisch nicht seine beste Zeit. Heute bin ich der Meinung die frühen Filme „Messer im Wasser“, „Rosemarys Baby“, „Chinatown“ „Macbeth“ sind die besten. Das Dunkle, Gewalt, Zynismus bestimmen all seine Filme, der Zynismus der Gewalt, macbeth ist ein unerträglich zynischer Film. Die privaten Probleme des Roman Polanski müssen natürlich auch in diesem Kontext (Polnischer Jude Jahrgang 1933, Vergewaltigung, Mord an Sharon Tate)gesehen werden. Der Roman „Der bemalte Vogel“ des polnischen Autors Jerzy Kosinsky soll übrigens von den grauenhaften Kindheitserlebnissen Polanskis inspiriert sein.
    Schönen Gruß
    Kirsch

    • Frater Gladius sagt:

      Sehr geehrte(r) Kirsch,
      danke für die Zuwendung. In der Tat mag die Kindheit des Herrn Polanski in seinem Gemüt schrecklich weiter gelebt haben. Weiters war er auch mit einem künstlerischen Talent begnadet, das ihn in den Fünfziger Jahren als großen Filmemacher Polens etablierte. Seine Werke erstellten nicht nur bloß einen Kontext zur Kindheit. Da passierte eine Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit und also seiner Zeit, die Werke wurden gesellschaftlich gewürdigt, er hatte das Rüstzeug, um aus seinen Erfahrungen positive Konsequenzen zu ziehen. Die Fünfziger Jahre waren ihm gnädig. Die Sechziger Jahre, würde ich mal sagen, haben ihn um die Früchte daraus gebracht. Die Pille brachte einen Freibrief für tabubrechende Experimente. Ich erinnere noch den Film „Helga“, den wir Minderjährige uns ansehen durften, und da saßen wir Girls und Boys also drinnen und zwinkerten einander zu und wussten sofort, dass uns in nächster Zukunft nicht langweilig werden würde.
      Bereits anlässlich des Todes von Sharon Tate (die ich anhimmelte) trat aber bei Herrn Polanski ein radikal anderer Wesenszug zutage, jenseits aller Angemessenheit. Bereits 24 Stunden nach dem Mord an seiner Gattin ließ sich Polanski direkt am Tatort interviewen, das neben ihm sichtliche Blut von Frau Tate war noch nicht trocken. Im Rückblick erscheint das für mich heute wie die Aktion eines radikalen Existenzialisten, der aus derlei Überschreitungen der humanen Grenzbereiche seine Kicks bezieht, ob zum Zwecke der künstlerischen Inspiration oder nicht, tut nichts zur Sache. Sache ist, dass so einer keine Läuterung will. Er will nur weitere Kicks. Der um Nachsicht heischende Hinweis, dass ihm als 16jährigen widerfuhr, was er an einer 13jährigen verbrach, ist in meinen Augen eine Perversion des Kant´schen Imperativs. Verbindlichst, Ihr FG

      • Kirsch sagt:

        Sehr geehrter Frater,
        ich weiß nicht, wie sie zu diesem fast vernichtenden Urteil kommen. Kicks, immer mehr Kicks? Die Vergewaltigung einer 13-Jährigen ist durch nichts zu rechtfertigen, aber ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist und was ihn dazu gebracht hat. Jedenfalls würde ich nicht sagen, dass dieses Vergehen symptomatisch ist für sein ganzes Leben. Das ist schon ein sehr hartes Urteil, das ich mir nicht erlaube, weil ich dazu zu wenig über den Fall weiß. Jedenfalls beschäftigen sich seine Filme aufrichtig mit dem Phänomen Gewalt und auch sexueller Gewalt (Chinatown ist genau wegen Inzest-Thema bis heute so aktuell, damals war das ein Skandal). Er hat eine Reihe von großartigen weiblichen Figuren in seinen Filmen erschaffen. Ich würde ihn nicht als typischen Macho bezeichnen, wie dies zum Beispiel Oliver Stone meiner Meinung nach ist. Trotz oder gerade wegen seiner Vergehen ist mir Polanski sehr nahe, ich kann mich gut mit ihm identifizieren und ob er das Rüstzeug hatte, um zu läutern, kann ich nicht beurteile, weil es da um psychische und emotionale Ressouren geht. Vieleicht kennen Sie den Film mit Signourey Weaver „Der Tod und das Mädchen“, da wird das Thema Folter und sexuelle Gewalt ganz vordergründig (im positiven Sinn) behandelt. Ich – als Frau, die durchaus feministisch denkt – kann mich mit Polanski identifizieren. Gerade wegen dieser dunklen Seiten, die ich niemals entschuldigen oder schön reden würde.
        Alles liebe
        Kirsch

        • Frater Gladius sagt:

          Sehr geehrte Kirsch,
          gestatten Sie mir, die Floskel „Kicks“ in ein eventuell besser verständliches Umfeld zu stellen. Ich kann Sie verstehen, wenn Sie sagen, Herr Polanski habe sich in seinen Filmen „aufrichtig“ mit dem Thema (sexuelle) Gewalt beschäftigt. Aber das Wort „aufrichtig“ inkludiert meiner Meinung nach einiges: erstens ein „sich selbst mit einbeziehen“. Dass er das, was in meinen Kreisen „Versuchung“ genannt wird, in sich spürte, sollten wir annehmen dürfen. Zweitens sollte „aufrichtig“ den Versuch bedeuten, seine „Versuchbarkeit“ (wir nennen es gern „Schwäche“) in einen sozialen Konsens zu betten. Womit ich meine: Es gibt einen Punkt, der die Grenze ist. Dahinter beginnen das „Unerhörte“, die Tabuzone, das Verbotene, das konsensgemäß Unakzeptable. Die Versuchung ist wie eine mehr oder minder nervende Flamme, die sich je nach psychischer Verfassung des Versuchten zu einem „Brand“ entwickeln mag, den zu dämmen es ihn drängt, nämlich durch ein Überschreiten der Grenze. Jenseits der Grenze mag er das finden, was ich als „kick“ bezeichnete. Ich sehe es als Grenzüberschreitung, wenn ein Mann an der Stelle, wo seine hochschwangere Frau kurz zuvor ihren Wunden erlag, ein Interview (!) gibt. (Ein Mann, dessen Kopf richtig sitzt, nimmt sich Auszeit für den spirituellen Abschied von seiner Liebe und lässt die Presse eine solche sein). Das war unerhört. Und ich mutmaße (nicht mehr), dass er sich das leistete, um in den Besitz der Erfahrung dieser Unerhörtheit zu gelangen. Das verstehe ich als Kick.
          Im übrigen finde ich, dass Sie – der Sie sich mit ihm identifizieren – gerade deswegen dem alten Filmemacher etwas Buße ruhig gönnen sollten. Aber es mag durchaus sein, dass ich bei Themen, die in Zusammenhang mit Misshandlungen von Minderjährigen stehen, ein wenig empfindlich bin. Meine Zunft hat sich auf diesem Sektor genug skandalöse „Kicks“ besorgt, um mir die Freude an meiner Berufung zu vergällen.
          Allerdings verstehe ich nicht ganz, dass Sie die Belange der 13jährigen mit einer knappen Zeile würdigen, während Ihr Verständnis für Polanski so unproportional massiv erscheint. Waren Sie nie 13?
          Ihr FG

  • […] This post was mentioned on Twitter by zeitimblog21. zeitimblog21 said: empfihet viel zu spät unser Wort zum Sonntag. Ekel oder: der Fall Polanski http://bit.ly/8L4AK […]

  • karotterl sagt:

    we(h)rtester frater!
    wie trefflich, wie unbeugsam ihr doch in eurer predigt seid. wunderbar.
    nicht, dass ein karotterl sich dazu unbedingt eine meinung machen oder haben müsste. aber wenn – dann diese.

    mein grünschopf beutelte sich angeekelt bei den anbiedernden künstler-for-free statements der „freiheit_fürs“, aber grünzeug das ich bin gönnte sich mal grundsätzlich eine denkfreiheit.

    drum umso mehr dank, weil die erinnerung daran, dass die position des menschen (mann) nicht ident ist mit der position seiner erscheinung (künstler)und deshalb auch unterschiedlicher konsequenzen bedarf ist auch eine erinnerung an grünzeugs, faulen vierbeinern und saxofonspielern.

    herzlichst
    ihr
    karotterl

    • Frater Gladius sagt:

      Liebes Karotterl,
      freut mich, meinen Teil zu Ihren Gedanken beigesteuert zu haben. Interessant, dass Sie Saxofon spielen und also im Stande sind, sich zu Herrn Polanski sozusagen von Künstler zu Künstler zu beziehen. Ich selbst fühle mich ja eher beim Piano heimisch. Für Dollar Brand, zum Beispiel, ginge ich Meilen. Herzlichst, Ihr FG

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