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Sex für (blutige) Beginner 06. Daisy-chaining

Von | 24.09.2009, 15:14 | 3 Kommentare

Schon mal den Stiel einer Gänseblume entzweit und eine zweite eingefädelt? So entsteht eine Gänseblumenkette. Und Sex unter jungen Leuten.

sff-daisychain

Daisy-chaining by Tim Möller-Kaya

Für die paar Jahre seiner Laufzeit hat das 21. Jahrhundert einige imposante Kapitel hinterlassen. Am Planet Sex drangen dabei die Neuzeitblüten gern in Begleitung anderer zeitgeistiger Phänomene ans Tageslicht. Die Verbindung von Mister Metrosex David Beckham mit einem Handy, zum Beispiel, führte auch zur Erfindung von „Textsex“, einer Weiterführung von Telefonsex, nur eben geschrieben statt gelispelt. Sie werden sich erinnern, Beckham war damals 28 und in Madrid aktiv und hatte eine spanische Übersetzerin, der er naughty Sachen textete, zum Beispiel „i want 2 Ferrari U“, worauf sie dann „only if U Armani me“ erwiderte. Und Sie werden sich auch an die Kombination einer Webcam mit Miss Paris Hilton erinnern, die dann „One Night In Paris“ hieß.

Was junge Männer allgemein anbelangt, war schwer zu ignorieren, dass sie immer häufiger im Schutz einer Gruppe ans Ziel ihrer Begierde zu gelangen trachteten. Der abermalige Einfall der US-Truppen im Irak machte auch den seltsamen Hang des Soldaten zum „fieldfuck“ transparent. Der Film dazu hieß Jarhead und erschien 2005. Inzwischen, in London, war den Fußballern der Premier League nach den Matches so langweilig, dass sie kurzerhand die Spielart des „roastings“ – ein halbes Team mit einer Dame – erfanden, das auch Big Brother-Celebs mit Dachschaden unwiderstehlich finden. Zib21 berichtete darüber, nämlich hier.

In der nun endenden Dekade blieb der Trend zur Gruppe erhalten, da geht kein Weg vorbei, man networkt, man macht Freunde – man „verlinkt“ sich. Dass dies auch im Bereich Sexualität passiert, ist da fast logisch, wenn es auch verblüfft, dass dies gerade unter College-Studenten in den üblich verdächtigen Metropolen (New York, London) zum Party-spaß avanciert sein soll. „Daisy-chaining“ nennt man das.

Die Urform dieser Variante kennt bei uns jedes Kind. Daisys sind Gänseblümchen, und wenn man den Stil so eines Pflänzchens entzweit und in den entstandenen Spalt ein weiteres Blümchen einfädelt, wird über kurz oder lang eine Gänseblumenkette draus. Harmlose Sache, eigentlich. Nur schlüpfen beim „daisy-chaining“ die Girls und Boys selbst in die Rolle der Daisys. Sie schenken einander im Rahmen einer Gruppensex-Party ein, wärmen einander mit „Guess Who“ auf (eine Art Blindekuh, bei dem die GespielInnen nach Befummeln ihrer „naughty bits“ zu erraten sind), und es bleibt ihnen zu wünschen, dass sich daraus eine entsprechend gute Zeit entwickelt.

Klar, dass es die Sex-Therapeuten der heute zunehmend prüden Szene ganz anders sehen. Die holten gleich mal wieder die alten Schreckgespenster „Geschlechtskrankheiten“ und „unerwünschte Schwangerschaft“ aus dem Argumenteschrank, ehe sie sich in endlosen TV-Debatten dem Thema „gnadenloser Gruppenzwang unter Teenagern“ widmeten. Was nicht total von der Hand zu weisen ist. Es gibt Girls, die mit einem Boy schlafen, weil die beste Freundin das auch so gemacht hat. Es gibt Boys, die gern einmal in Präsenz ihrer Kumpels „beweisen“ wollen, dass sie nicht schwul sind. Aber im allgemeinen sollte man Teenager nicht für naiver halten als sie sind.

Außerdem ist das „daisy-chaining“ nichts wirklich Neues. Auf der Insel waren die „Daisys“ bislang die Boys von Elite-Unis, die sich rituell per gegenseitiger Masturbation eine „Gemeinsamkeit für immer“ verpassten. Und in der US-Swingerszene ist das Spielchen immer schon ein Begriff. Letztlich blieb es denn einer schrulligen Kummertante („Dr. Tatiana“) überlassen, dem „daisy-chaining“ eine geradezu evolutionäre Note zu verpassen. Immerhin gibt es seit grauer Urzeit eine süße Meeresschnecke aus der Anaspidea-Gruppe, die im Besitz sowohl einer Vagina als auch eines Penis ist, sexuell daher nur sich selbst braucht. Und was macht die/der Kleine? Versammelt sich mit ihren/seinen Freunden im Kreis und zelebrierte waschechtes Gänseblumenverketten. Wie Facebook eigentlich, no?

3 Kommentare »

  • eselin sagt:

    jaja, dieses phallisch konotierte ding, das hats in sich. die eselin schleppts – nein – lüge -lässt sich davon schleppen–ein ganzen–scho wieder falsch–halbes leben mit. wunderbar. wäre in der eselinschen faulheit mitgefühl nicht mit zu hohem aufwand verbunden, würde ich mich ja drauf berufen, muss aber wohl meine affinität zu den drei buchstaben mit reiner denkfaulheit erkären.
    freundlichst brüderchen sax

  • eselin sagt:

    gähn…ja fad ist das geworden. eine eselin weigert sich ja standhaft —oder auch stur— diesen neurotischen zwang zur publiceurotisierung mitzumachen. geht doch der ganze spaß verloren.
    ist doch erst wirklich schön, wenn prüderie und viktorianische zucht den öffentlichen raum sperren – da geht die post dann so richtig ab…seufz. das waren noch zeiten
    *g*

    • Manfred Sax sagt:

      not to worry, eselin mit dem karotterl drin. there are days like these, that´s how life is. Your sax.
      im übrigen war ich gestern tatsächlich beim arzt (wegen der angedeuteten eselsgeduld, unter anderem). keine sorge, meinte er, wer sax heißt, der darf sich nicht wundern, wenn er von saxofonisten träumt. aber warum erzähl ich das eigentlich …

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