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Grazie, Flavio! Ein Loblied auf die Heuchelei

Von | 21.09.2009, 15:11 | 2 Kommentare

Wer Ehre der Formel Eins sagt, der muss auch Flavio Briatore sagen. Meint Devil Dirt. Ein Feedback aus der Unterwelt.

„Das kriegen wir schon hin, Fernando.“ (Foto: varlen)

„Das kriegen wir schon hin, Fernando.“ (Foto: varlen)

Was haben wir, Dirt, summte mein Chef dermaßen frohgemut, dass mir augenblicklich eiskalte Schauer über den Rücken liefen. Was haben wir?

Was wir haben? Mal sehen. Viel Schwachsinn über der Erde, eine dumme Frage und ein unerwartetes Problem.

Was? Dass die Gottesmeute jetzt wieder mit der Wahrheit hausieren geht? Dass dieser Gladius der Lüge abschwört? Das ist doch nur ein weiteres Ammenmärchen dieses selbstgerechten Heiligen, ein Treppenwitz auf dem Abfallhaufen der Geschichte …

Und die Zähne blitzten. Strahlend weiße Haifischzähne in einem ekelerregend sonnengebräunten Gesicht. Es ist immer dasselbe: Die Herren strahlen um die Wette, die Sklaven machen die Drecksarbeit und schaufeln sich ihr eigenes Grab. Die Herren kommen aufgeräumt aus dem Urlaub zurück, die Untertanen haben schon längst wieder irgendeine Seuche am Hals.

Mir ist nicht nach Witzen, sagte ich. Es lässt sich einfach nicht wegdiskutieren, wir haben Flavio verloren, und damit einen unserer Besten. Da muss ich mich schon fragen: Wenn ich in jahrelanger Kleinarbeit so ein Ekelpaket schnüre und auf die Welt loslasse und dann wärmt da irgendein beleidigter Brasilianer an der Copacabana uralte Renngeschichten auf und zwingt diesen phantastischen Mann in die Knie, ja bitte, wo soll denn das noch hinführen? Der Mann war zum Bescheißen geboren, ein Großmeister des schlechten Geschmacks und der üblen Launen, ein Zickenficker und Halsabschneider der besten Sorte, unsere Hoffnung in der Welt der Reichen und Schönen. Und dann das!

Motorsport, pah!, lästerte der Alte und rümpfte die Nase. Diese Scheinwelt aus Glamour, Blech und Reifenqualm. Gerade sie, Dirt, wurden zuletzt nicht müde den Blick auf das große Ganze zu lenken. Gerade sie haben mich oft genug ermahnt, nicht zu verzweifeln, wenn Projekte wie dieses scheitern. Was haben wir schon verloren? Einen Teamchef in der Formel 1. Also bitteschön, das ist doch kein Verlust. Die armen Irren werden weiter im Kreis herum fahren und ihre lächerlichen Scharmützel austragen. Sollen doch andere spionieren, lügen und betrügen. Der italienische Schmock ist doch wohl ersetzbar, da kommt doch sicher was nach? Oder etwa nicht?

Ja, Dilettanten, schnaufte ich missmutig. Flavio hatte Klasse, er war mein Joker in dieser Schlangengrube. Betrügen und lügen kann jeder, aber dann auch noch den Märtyrer und Retter spielen und sich selbst im Schmollwinkel einen Heiligenschein aufsetzen, das ist eben hohe Kunst. Das ist auch ein Abgang, wie ich ihn mir vorstelle. Aber ich fürchte, er hinterlässt eine Lücke, die nicht so leicht zu schließen sein wird. Ja, das fürchte ich wirklich.

Die armen Schäfchen da oben brauchen Vorbilder, Chef, Vorbilder, die sie in ihrer Bigotterie und Verlogenheit und dummen Dreistigkeit bestärken. Wir müssen ihnen einen Spiegel vorhalten, der ihr elendes Treiben rechtfertigt, und keinen Spiegel, der sie verschreckt. Flavio war das perfekte Spiegelbild. Ich meine, es kann doch wohl nicht zuviel verlangt sein, wenn ich im Guten wie im Bösen etwas Spielwitz einfordere. Da läuft mir heute in der Politik und in der Wirtschaft vieles zu eindimensional, da fehlt es einfach an Würze, List und Tücke kennen die machtgeilen Herren ja nur noch vom Hörensagen. Plumpe Racheakte, platte Lügen, panische Sesselkleberei, lächerliche Posen: damit ist unserer Sache nicht gedient, das ist doch alles nicht mehr zeitgemäß und – mit Verlaub – auch zu langweilig. Das Volk da oben möchte unterhalten werden, die Stammtische dürsten nach Reizfiguren und Kotzbrocken, die es echt drauf haben. Sie lechzen nach Briatores und Berlusconis. Heuchler und Intriganten, sage ich, es ist die Ära der Heuchler und Intriganten. Ich fordere Artenschutz für Heuchler und Intriganten!

Ist es so, sinnierte der Alte verträumt. War ich mit Blindheit geschlagen, über all die Jahre? Wie konnte ich das übersehen? Dann prustete er plötzlich los: Und das Allerbeste, Dirt, das Allerbeste dabei ist, Frauen fallen scharenweise auf diese Arschlöcher rein. Scharenweise! Ich kann mir nicht helfen, gluckste er vor sich hin und klopfte sich auf die weißbehaarten Schenkel, es amüsiert mich immer noch königlich. Kommen sie, Dirt, seien sie nicht so verkrampft! Auch der abgesägte Flavio wird uns noch viel Freude bereiten!

Vielleicht, vielleicht auch nicht, entgegnete ich. Vielleicht zieht er sich auch völlig enttäuscht in ein Schneckenhaus zurück, wer weiß das schon. Vielleicht muss er tatsächlich in den Knast. Mit solchen Typen gehen starke Werte verloren, Chef, unterschätzen sie das nicht! Mit Flavio als Vorbild konnte ein Rennfahrervater von seinem Rennfahrersohn Fairness verlangen und ihm nach einem gewonnenen Rennen mit Freudentränen in den Augen zum Abschuss eines Rivalen gratulieren. Flavio hat uns den großen Schumacher geschenkt, einen untadeligen Sportsmann, wie jeder weiß. Einer, der niemals, ich wiederhole: niemals fiese Tricks nötig hatte, wenn es darum ging, wichtige Punkte einzufahren. Und Flavio schaffte es sogar, Bruce Willis aus seinem Lokal zu werfen, weil der sich nicht mit seiner Verlobten fotografieren lassen wollte. Hat der Kerl Mumm? Hat der Mann Stil?

Aber ich will nicht undankbar sein. Wenn alles klappt, kehrt Alain Prost in die Formel 1 zurück. Klingt vielversprechend, was er über die unglückliche Crashgate-Affäre sagt. Er sagt, er habe in seiner Karriere stets auf Integrität Wert gelegt, und die Formel 1 müsse ihre Moral wiedergewinnen. Ich musste heulen, als ich das hörte. Das ist die richtige Antwort auf den Schurken Eddie Irvine, der diesen edlen Sport offen als Krieg bezeichnet hat. Und dass sich daran nichts ändern werde und dass es auch kein Wunder sei. Brauchen wir elende Nestbeschmutzer wie diesen untalentierten Iren? Sie sehen, was alles passieren kann, wenn einer wie Flavio in ein schiefes Licht gerückt wird. Das löst dann gleich eine Kettenreaktion aus und die Ratten kommen aus ihren Löchern und die Wahrheit wird verdreht und passt man als wohlmeinender Teufelsmann nicht auf, entfachen die Lästermäuler einen Flächenbrand und im Nu stehen noch andere kleinwüchsige Weltklasseheuchler wie dieser Sarkozy oder dieser Cruise am Pranger.

Das darf nicht passieren und es wird nicht passieren!

Beeindruckend, Dirt, wirklich beeindruckend. Mein Chef war sichtlich gerührt. Ich sehe, in ihnen brennt noch diese tief empfundene Leidenschaft. Nicht bloß das Feuer der Hölle, nein, schon mehr so ein kosmisches Verlangen nach …, nach … aufrichtiger Niedertracht gepaart mit blankem Zynismus. Sie sind ein Mann mit Visionen, Dirt, das gefällt mir. Aber ich fürchte auch, sie laden zuviel Frust auf ihre schwarze Seele. Gönnen sie sich doch ein paar Tage Erholung, spannen sie einmal richtig aus! Sie übersteuern in letzter Zeit irgendwie, wie ein schlecht zusammengeflickter Rennwagen, verzeihen sie mir diese Bemerkung. Wollen sie Beruhigungsmittel? Soll ich ihnen wieder ein paar göttliche Schlampen vorbeischicken? Oder steht ihnen der Sinn nach Allerweltsnutten?

Wie kommen sie auf die Idee? Sieht man mir den armen Teufel schon so sehr an, dass sie mir Almosen anbieten?

Nein, ich wollte ihnen nur eine Freude machen. Und sie haben eine Auszeit wirklich verdient. Also, Heilige oder Hure?

Egal, murrte ich. Mir ist alles recht, solange ich ihr nichts vorgaukeln muss.

Sie Heuchler, japste der Alte. Sie sind wundervoll, Dirt! Und ist das nicht eine wundervolle Welt!

In der Tat, sagte ich, in der Tat. Ich geh jetzt ein paar Kühe melken …

2 Kommentare »

  • Devil Dirt sagt:

    Karotte, entzückende! Gerade wollte ich fragen, wo Sie bloß solange gesteckt haben – und schon lese ich von diesem unglücklichen Intermezzo mit der Eselin. Abscheulich, nicht? Ihnen ist doch hoffentlich ein Engel erschienen, während Sie dem Lasttier einverleibt waren? Ein Engel, den die Eselin naturgemäß nicht sehen konnte, das könnte ich mir gut vorstellen. Lassen Sie doch diese unerfreulichen Affären hinter sich, Karotte, bekennen Sie sich klar und deutlich zu Mr. Dirt! Und damit das auch geklärt wäre: Ausgeworfen oder einverleibt, einen Platz in der Hölle halte ich immer für Sie frei …

    Ergebenst
    Dirt

  • karotterl sagt:

    schmutzfink, herrlicher! welche pracht. welch ungeeiertes, geradliniges herumgranteln. grad erst von der eselin wieder – zugegebenermaßen etwas unangenehm – ausgeworfen, stolpere ich mit entzücken und bebendem grünschopf über ihre tiraden – und bin begeistert. kein bisserl selbstverliebt, kein wort wie das andere, chapeau! nach dieser meisterleistung sei dir ablenkung welcher art auch immer -melken oder gemolken werden – aufs herzlichste vergönnt.

    freudestrahlend
    dein
    karotterl

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