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Ein Jahr Finanzkrise: Nur die Lüge zählt

Von | 15.09.2009, 11:00 | Kein Kommentar

Im September 2008 ging die Investment-Bank Lehman Brothers unter. Seither haben wir offiziell Wirtschaftskrise. Oder ist das nur miese Propaganda? Wer von Berufs wegen ein paar Freunde und Bekannte hat, die in diversen Postionen bei diversen Medienunternehmen arbeiten, bekommt immer wieder ähnliche Geschichten erzählt: Die Finanzkrise darf nicht stattfinden. Lieber wird an Projekten festgehalten, die […]

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New York, 16. September 2008. Die Lehman-Pleite geht soeben live ins Fernsehen.

Im September 2008 ging die Investment-Bank Lehman Brothers unter. Seither haben wir offiziell Wirtschaftskrise. Oder ist das nur miese Propaganda?

Wer von Berufs wegen ein paar Freunde und Bekannte hat, die in diversen Postionen bei diversen Medienunternehmen arbeiten, bekommt immer wieder ähnliche Geschichten erzählt: Die Finanzkrise darf nicht stattfinden. Lieber wird an Projekten festgehalten, die sich in Zeiten wie diesen nicht rechnen, anstatt zuzugeben: „Liebe Kunden, es geht sich nicht aus.“ Und wer darüber hinaus noch ein paar Leute kennt, die nicht im Saft der eigenen Branche schmoren, kriegt das ebenfalls zu hören.

Die Botschaft dahinter ist schnell dekodiert. Die Krise darf immer nur die anderen treffen. Oder noch einfacher gehalten: Die Krise darf nicht sein, denn wer sie sich eingesteht, schadet den Unternehmen, für die er arbeitet und damit sich selbst. Pessimismus ist out, Optimismus ist in.

Ich habe keine Ahnung, welche psychologische Fehlschaltung zu dieser Lebenslüge führt. Fest steht nur, dass deren Auswirkungen fatal sind. Was auch immer an ernstzunehmenden Dingen über die Finanzkrise erzählt wird – eines gibt jeder Spezialist und Insider zu: Sie ist noch nicht vorbei. Und sie wird aller Wahrscheinlichkeit nach noch schlimmer kommen. Allein fehlt es bis jetzt offensichtlich an Rezepten, wie mit dieser Prognose umzugehen ist: Sicher, die Lehmann Brothers als Symbol des Untergangs gibt es nicht mehr, und ein paar andere auch nicht. Doch wurde die großen Banken durch die Krise nicht gesund geschrumpft, sondern durch staatliche Stützungen und Zusammenschlüsse noch größer als vorher.

Barack Obama hat den Jahrestag der Lehman-Pleite dazu genutzt, einmal mehr vor der Gier als Motor allen Übels zu warnen. Das ist schön, das ist ehrbar, aber es stürzt auch ihn in ein Dilemma. Niemand – und vor allem ein Wähler mit zu wenig Geld in der Haushaltskassa nicht – will hören, dass es noch schlimmer kommt. Er will hören, dass es wieder besser wird. Wie früher, als Geld billig und Kredite für alle da waren.

Und wenn dieser Wähler manchmal Börsennachrichten studiert, kann er nach dem Genuss der dort publizierten Erfolgsmeldungen durchaus sein Recht auf Optimismus einfordern. Es geht aufwärts, heißt es. Die Börsen legen zu, alles super.

Wie soll es auch anders sein, wenn wir in Zeiten leben, in denen ein Spiegel-Reporterteam für die aktuelle Coverstory des Nachrichtenmagazins zu folgenden Schlüssen kommt:

„Der Fall Lehman Brothers wirkt für die Großen im Rückblick weniger erschreckend, fast sogar beruhigend. Einen zweiten Fall Lehmann wird es nicht geben. Das wissen sie nun. Der Staat wird keinen mehr fallenlassen.“

Wir lernen: Die Krise darf nicht stattfinden, weil sie uns ruiniert. Und wir bleiben lieber krank, anstatt wirklich an die Zukunft zu denken. Pessimismus ist nicht nur out. Er lohnt sich einfach nicht.

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