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Endzone: Life is funny and then you die 01. Jerry „Die Hand“ Espenson

Von | 11.09.2009, 8:30 | Kein Kommentar

TV & DVD. Jerry „Hands“ Espenson wird uns durch die Nacht begleiten. Eine weitere lange, sinnentleerte „Boston Legal“-Nacht. Da wären wir also wieder, sagte ich zu Herrn Paul. Alles beim Alten, wieder ein Sommer abgehakt, Lebkuchen in den Supermarktregalen und der Geruch des Vergänglichen in jeder Faser dieser erbärmlichen Existenz, in glorreichen Plänen und gescheiterten […]

Foto: Promo

„Mein Vater war ein Mann mit festem Händedruck.“

TV & DVD. Jerry „Hands“ Espenson wird uns durch die Nacht begleiten. Eine weitere lange, sinnentleerte „Boston Legal“-Nacht.

Da wären wir also wieder, sagte ich zu Herrn Paul. Alles beim Alten, wieder ein Sommer abgehakt, Lebkuchen in den Supermarktregalen und der Geruch des Vergänglichen in jeder Faser dieser erbärmlichen Existenz, in glorreichen Plänen und gescheiterten Festen und zarten Liebesschwüren. Sorry, alter Kontrollfreak, was Besseres fällt mir jetzt partout nicht ein. Mach mir keine Szene, so wie du mich anschaust, hingegossen am Dreiersofa wie ein Ölgötze oder ein Wachposten oder irgendwas anderes aus dieser kleinkarierten Fantasy-Welt. Du kannst nicht loslassen, bist ein elender Schnüffler, verfolgst mich pausenlos durch unser Revier, willst mich exklusiv, und diesen fragenden Blick würde ich vermissen, wenn ich ihm nicht  zehnmal am Tag begegnete.

Es geht auf Mitternacht zu, und der Lärm da draußen wird langsam erträglich. The Leather Nun spielen „Summer’s so short“: ein perfekter Fliegenschiss von einem Song, lange vor deiner Zeit in die Welt gesetzt, Paul, und irgendwie sogar vor meiner, kommt mir vor. „I can smell your thoughts“ und „For the love of your eyes“, Wortfetzen aus einer abgefuckten Jukebox der Achtziger. Jonas Almqvist hatte natürlich recht, in aller Fröhlichkeit und Melancholie und Abgeklärtheit, wie das vielleicht nur die Schweden zuwege bringen – auch dieser Sommer, King Paul, auch dieser Sommer war wieder unbeschreiblich kurz und fühlt sich am Ende an wie der letzte seiner Art.

Wie das Leben möglicherweise.

Ist es nicht so?

Jerry Espenson. Jerry „Hands“ Espenson wird uns durch diese Nacht begleiten, durch eine weitere lange, sinnentleerte „Boston Legal“-Nacht, auch wenn er dir zuwider ist, mit seinem schweinischen Quieken und katzenhaften Schnurren, den Händen auf den Oberschenkeln und den plötzlichen, nervösen Luftsprüngen. Die Welt der Television und der Silberscheiben, Paul, sie ist nicht für dich geschaffen, und eine Anwaltsserie mit durchgeknallten Buzz Lightyears und afroamerikanischen Transvestiten schon gar nicht. Du verstehst das nicht, du nimmst es hin, aber mir geht’s nicht viel besser, das kannst du mir glauben. Einem armen Schwein wie mir bleibt einfach keine andere Wahl, nach einem Tag unter absolut seriösen Besserwissern, pfeilschnellen Arbeitsbienen, untadeligen humanoiden Robotern und grundgütigen Empfangsdamen.

Dieser Espenson, Paul, dieser Espenson ist das Herz von „Boston Legal“, sage ich immer. Nicht William Shatner als Denny Crane und nicht James Spader als Alan Shore. Obwohl ich die letztgenannten Herren natürlich wie Götter verehre und Crane, Poole & Schmidt andauernd übersteuern wie ein juristisch durchgestylter Käfig voller Narren. Doch Espenson, der Wirtschaftsrechtsexperte mit dem Asperger-Syndrom* und dem gehetzten Schritt, die männliche Jungfrau mit den Berührungsängsten, der Mann mit der aufblasbaren Puppe am Beifahrersitz, hat diese besondere Qualität, das musst du wissen, Paul, auch wenn du nichts davon verstehst. Er ist ein Vertreter des absurden Autismus, sage ich immer, und von dieser Sorte gibt es wenige. Er bewegt sich, als wäre er bei John Cleese und seinem „Ministry of Silly Walks“ in die Lehre gegangen. Er ist ein Kunstwerk. Ich liebe diesen Kerl, nicht so sehr wie dich, Paul, das weißt du, das steht hier gar nicht zur Diskussion.

Aber Liebe ist es doch.

Und ich schätze, es gibt unter uns weit mehr Autisten als wir alle glauben. Manchmal sieht es so aus, als wäre die Welt da draußen voll von ihnen, und nicht alle sind so lustig wie der irre Jerry, oder Christian Clemenson, wie der gestörte Anwalt im richtigen Schauspielerleben heißt. Der High-Functioning-Autismus, wie ihn die Wissenschaft nennt, steht ja dem intelligenten Weltabgewandten nicht ins Gesicht geschrieben. Manche sind hochbegabt, andere einfach nur merkwürdig, viele wirken geistesabwesend, aber wer fällt da heute schon groß auf in der Generation iPod, abgeschoben hinter PCs, abgestumpft durch das Dauerfeuer der Klingeltöne und geistig ausgeblutet durch Telenovelas, Talk-Shows, Disco-Lärm und ein nerviges Schulsystem.

Ich weiß, dir fehlt es an angeborener Schaulust, Paul, aber am Ende ist es ja doch unsere angeborene Schaulust und Neugier, die aus Autisten gefeierte Antihelden und Entertainer macht. „Rainman“, „Snow Cake“, „Mozart and the Whale“ – es gibt erstaunlich viele Filme über Autismus. Oder nimm „Das Kartenhaus“ mit Tommy Lee Jones als Kinderpsychiater. Sam Dawson in „Ich bin Sam“ hat autistische Züge. Auch die „Criminal Intent“-Folge mit dem Versicherungsexperten Wally ist nicht zu verachten. Wie unser Freund Jerry leidet Wally am Asperger-Syndrom und ordnet die Dinge des Lebens – so wie die des Mordens – zwanghaft in Fünfer-Gruppen.

Und, alter Couchaffe, genau so funktioniert die Serienwelt von David E. Kelley. Er braut sich eine Ursuppe aus stark überzeichneten Charakteren zusammen, lässt die schrägen Vögel hochsteigen und grell aufblitzen, schreckt nicht vor Krankheitsbildern zurück, siedelt sie hart an der Grenze zwischen Genie und Wahnsinn an, stattet sie mit Zwangsvorstellungen und Phobien aus, kocht das Ganze mit sexuellen Verhaltensstörungen und ein paar Mythen auf – und voila, wir haben einen Gewinner: Jerry „Die Hand“ Espenson, den Archetypen des absurden Autismus.

Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit über „Boston Legal“. Du kennst mich, Paul, ich konnte mich immer für Selbstironie begeistern. Und ich verstehe immer noch nicht, warum nach der fünften Staffel Schluss sein musste. Die Schlussplädoyers von Shore, die aufgedunsenen geilen Böcke und der Slapstick-Sex, Anspielungen auf andere Serien, tiefsinnige Gespräche unter präpotenten Freunden und noch einiges mehr, das mir jetzt gerade entfallen ist – das geht mir ans Herz. So wie Crane und Shore am Ende des Tages auf dem Balkon über der Stadt sitzen und palavern, sitzen ja auch wir hier spätnachts zusammen und pflegen unsere Freundschaft. Es ist eine wunderbare Freundschaft, das muss ich gestehen. Es ist der letzte Showdown vor dem Tod, vergiss das nicht! Auch wenn du hin und wieder deine Krallen zeigst und dich wie ein trotziger kleiner Tyrann aufführst, der mir nicht einmal die paar Stunden vor dem Bildschirm gönnt.

Ist auch völlig egal, wir werden unseren Spaß haben. Ich werde in mich hineinlachen, du wirst mich entgeistert anstarren, ich werde dich verspotten, Espenson wird zittern wie Espenlaub, Denny Crane wird Captain Kirk zitieren, eine Zwergin wird auf ihm landen, Alan Shore wird einem Rock nachjagen, die Wände werden wackeln, die Maschine wird glühen und mein Hirn wird endlich wieder tanzen.

Bis es morgen früh in dieses Wachkoma fällt, das mich sanft und sicher durch den Tag trägt.

Boston Legal

101 Folgen

Staffeln 1 – 3 auf DVD

Staffeln 1 – 5 DVD (Import)

Staffel 4:

Ab Mo., 5. 10., auf VOX

* Das Asperger-Syndrom wurde 1943 vom österreichischen Arzt Hans Asperger erstmals beschrieben. Es ist dem frühkindlichen Autismus ähnlich, eine allgemeine Entwicklungsverzögerung der Sprache oder der geistigen Fähigkeiten ist hier aber nicht zu beobachten. Kinder mit Asperger-Syndrom beginnen relativ früh zu sprechen und eignen sich einen großen Wortschatz an, doch die nonverbale Kommunikation ist stark beeinträchtigt.

Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom sind normal oder überdurchschnittlich intelligent, manche von ihnen weisen sogar geniale Züge auf. Sie können ein eigenständiges Leben führen, sind berufsfähig und entwickeln häufig erstaunliche Begabungen oder ungewöhnliche Spezialinteressen. Es fehlt ihnen jedoch an Einfühlungsvermögen, sie können nur schwer auf Partner bzw. Bezugspersonen eingehen. Deshalb ist häufig auch das Knüpfen sozialer Kontakte ein Ding der Unmöglichkeit. Obwohl

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