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Being Österreicher: Irgendwann hilft auch der Selbsthass nicht mehr

Von | 07.09.2009, 11:00 | 2 Kommentare

Wir schreiben das Jahr 2009. Doch das Land wird noch immer von der Generation Toni Sailer definiert. Geht’s eigentlich noch?

Österreich für Fortgeschrittene: Nur mit Schmalz ist es richtig. Foto: Rüdiger Wölk, Lizenz: CC-BY-SA

Nach ein paar Tagen wie diesen ist es einfach zu viel. Zuerst der schwarze Justizsprecher Heribert Donnerbauer , dem zur Debatte um die Rehabilitation von Wehrmachts-Deserteuren nur Gefasel einfällt, das die Generation über 70 glücklich macht (“Desertion ist ein Delikt”) – also all die, die es bis heute nicht geschafft haben, mit den Lebenslügen ihrer Jugend umgehen zu lernen.

Dann die Erkenntnis, dass Donnerbauer damit aus der Sicht seiner Partei gar nicht einmal unrecht haben könnte, weil dieser Generation noch immer über die Maßen viel Relevanz zugestanden wird, nicht zuletzt durch ihr Zentralorgan „Kronen Zeitung”.

Dann der Hinweis eines Freundes, dass deren Kampfschreiber Jeannée wieder einmal ein besonders ungustiöses Stück gelungen ist (Details wollte ich dann gar nimmer wissen) und die Einsicht, dass dem Typen trotzdem bis heute niemand auf offener Straße eine runtergehauen hat.

Dann das zufällige Lesen dieses Textes von Gudrun Harrer über das Köche-Duo “Andi und Alex”, das wohl vor allem wegen seiner Widerlichkeit so beliebt ist. Ich behaupte auch: Am meisten bei der oben schon genannten Generation.

Dann ein Schulbeginn, der mit Warnungen vor der Schweinegrippe begleitet wird, anstatt endlich vor jenen zu warnen, die uns eigentlich gefährden – den Lehrern, die sich vor lauter Standesdünkel und eingebettet in ein Sicherheitsnetz vorsintflutlicher Strukturen und Privilegien erfolgreich gegen jede noch so sinnvolle Reform stellen können. Eine gute Analyse hierzu bietet übrigens das aktuelle profil.

Dann die kollektive Erleichterung, dass es das österreichische Nationalteam tatsächlich geschafft hat, die Faröer-Inseln zu panieren.

Und dann die Ankündigung, dass Armin Assinger eine neue Fernsehshow bekommt. „Das Rennen“ heißt sie. Assinger, der ehemalige Skifahrer, wird österreichische Promis für die Piste trainieren, damit sie dann gegeneinander ein Rennen fahren. In einem Land, das sich noch immer über Toni Sailer definiert, muss das ein Hit werden. Skilehrer-Schmäh gilt schließlich als ur-österreichische Errungenschaft. Skifahren dient der nationalen Selbstdefinition. Und je zotiger es in diesem Biotop zugeht, desto lustiger finden wird das.

Ja geht‘s eigentlich noch? Sind denn hier alle verrückt geworden?

Verrückt nicht, aber wahnsinnig bequem. Denn auch die andere Seite des Landes, die der potenziellen Gegner und Veränderer, hat es sich gemütlich gemacht. Sie akzeptiert und argumentiert auf Zuruf, dass es hoffnungslos sei, in Österreich etwas zu erreichen. Was bleibt, ist die Wellness-Revolte im urbanen Umfeld und unter Gleichgesinnten, die statt Wut höchstens mit Selbsthass reagieren, um ihre Oppositonshaltung herauszustreichen. Grün wählen und sich damit besser fühlen. Von multikulturellem Austausch träumen und dann die Kinder doch lieber in eine andere Schule geben. So irgendwie.

Dabei ist es gerade die Nabelschau und Richtigmacherei im Dienste des persönlichen Lifestyle, die Rattenfängern wie HC Strache die anderen in die Hände treibt. Strache hat sich schon lange von den Parolen für die Generation Toni Sailer verabschiedet, in deren Bann die ehemaligen Großparteien noch immer stehen. Er hat erkannt, dass es ein Protestpotenzial gibt. Und so lange er damit allein bleibt, werden ihm auch die zuströmen, die bereitwillig für andere, neue Bewegungen zu haben wären. Egal, ob sie nun Piraten oder sonstwie heißen.

In diesem Sinne hilft nur mehr der Filmausschnitt, den unser Mitblogger Michel Reimon kürzlich via Facebook verteilt hat. Er stammt aus Sidney Lumets “Network” von 1976. Und er ist aktueller denn je.

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2 Kommentare »

  • truetigger sagt:

    Als vor 9 Jahren Zugezogener mag ich Österreicher sehr – die Haupteigenschaft, die ich bisher an Österreichern festgestellt habe, ist nicht Selbsthass (das können wir Deutsche auch sehr gut, wir gehen ja zum Lachen in den Keller und zelebrieren das Leben als möglichst unspassige Sache, die es irgendwie rumzukriegen gilt), sondern eine bewundernswerte Wurschtigkeit.

    Da streiten die Konservativen über Derserteure im WKII? Is mir wurscht. Assinger? Wird den ORF genauso wenig retten wie der Heinzl Dominik. Aber auch des ist einem irgendwie wurscht. Und die Erkenntnis, dass Lehrer nur mittelbar am verstaubten Schulsystem schuld sind, ist nicht erst durch die schwachsinnigen Streiks dieses Jahres entstanden – erst letztens lief rückblickend ein Bericht aus den 80ern über die Vorteile einer gemeinsamen Mittelschule. 30 Jahre Krampf. Wurscht.

    Angesichts der Zeit, in der wir leben, wünscht man sich nicht selten ein wenig revolutionäre Stimmung. Klimawandel, weltweites Jagen nach Profit, der bevorstehende Kampf um das Wasser, Terrorbekämpfung mit dem Holzhammer aus paranoidem Antrieb, Europahass als gemeinsamer Nenner östereichischer Politik, Rohstoffknappheit – es gibt viele potentielle Stolperfallen für die gesamte Menschheit. Vielleicht ist da das kollektive Wegschauen und Ein-Igeln einfach nur eine funktionierende Psychotherapie.

    Ja, Bequemlichkeit ist ein Laster, dessen auch ich mich schuldig bekenn. Doch eine gewisse Gelassenheit hilft es, dies ohne Selbsthass zu ertragen.

    • Der Selbsthass ist in diesem Fall die Bequemlichkeit. Er dient dazu, sich zu distanzieren. Wer mit etwas nichts zu tun haben will, weil er es im Falle des Falles verachtet, braucht sich am allerwenigsten darüber Gedanken zu machen, wie sich etwas verändern lässt.

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