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Gladius 17. Cui Bono?

Von | 06.09.2009, 15:10 | 4 Kommentare

Er geht auch zur Eröffnung eines Kuverts, wenn die richtige Briefmarke droben klebt. Jene mit dem Konterfei von Obama oder so jemandem.

bono-quotesGutmenschen bevorzugt, wenn auch nicht essenziell. Zur Not trieb er es auch mit Leuten wie George Bush, solange der was zu sagen hatte. Hauptsache wichtig, Hauptsache globaler Appeal.

Überhaupt Bush. Den lobte er seinerzeit über den grünen Klee für seine Humanität. Natürlich nicht weil der Ex-Präsident die Iraker mittelfingern ließ, um sich deren Öl aufzureißen, koste es Menschenleben wie viele es kosten wolle, nein, der wackere Oberami hatte auch mal ein Finanzpaket zur Minderung des Hungers in Afrika verabschiedet, und das war denn doch einen öffentlichen Handschlag wert, vor den Kameras dieser Welt, der unsägliche Bush mit ihm, dem Schutzpatron der hungrigen Babys in Afrika. Hungrige Babys. Die sind traditionell ein heikles Thema im Kloster. „Sie stehlen uns schon wieder die Werbung“, sagte der Abt immer, wenn wieder mal ein paar Musiker Bilder von verwahrlosten Babys mit gut sichtbar angebrachten Kontonummern unters Volk brachten. Da kroch ihm die Sorge um den Inhalt der Opferstöcke ins Gebein. Wenn so ein Musiker den globalen Wohltäter in sich entdeckt, herrscht in der Kirche Rezessionsalarm.

Liebe Leute, Ihr wisst natürlich schon längst, über welchen Musiker ich hier lästere. Ja, sein Name ist Paul David Hewson, KBE. Letztere drei Buchstaben stehen für einen Orden der Ritterschaft, den die englische Queen Ausländern schenkt, die etwas „für Gott und das Königreich“ geleistet haben. Selbstverständlich ist es so, dass kein Schwein meinen Mister Hewson als solchen kennt. Nur als Bono ist er wer. Richtig, der Mann hat sich tatsächlich die Güte ins Pseudonym geschrieben. Bono. Ein weltbekannter Mann, der auch als „Rockgott“ bezeichnet wird.

Ich muss zugeben, ich hatte in jungen Jahren mal was für Rockgötter übrig. Sie hatten die rare Gabe, mich die Trübsal des Seins vergessen zu lassen. Solange ihre Musik lief, war meine Seele gesund. Sicher gesünder als sie nach einem Besuch des sonntäglichen Gottesdienstes war. Dass diese Musik nicht ohne Sex und Drogen daher kam, verzieh ich ihnen großmütig. Rockgötter durften das, sie waren jenseits von Gut und Böse.

Natürlich ist so ein Lifestyle auf Dauer nicht sonderlich gesund, deswegen sind Rockgötter heutzutage eine rare Spezies. Mir fällt da gerade noch Sir Mick Jagger ein, aber ein Bekannter versichert mir, dass es da auch noch einen Herrn Angus Young gibt, das sei so ein Gitarrist in Schuluniform. Und andere denken da auch an Bono. Ich hab seine Musik ein wenig gegoogelt und in einem Online-Lexikon steht geschrieben, dass Bono und seine drei Schulfreunde die Band U2 als Tribut-Band der Rolling Stones ins Leben riefen. Nur brachten sie Lieder wie „Satisfaction“ nicht auf die Reihe, also bastelten sie ihre eigenen, technisch etwas weniger anspruchsvollen Songs. Auf Youtube fand ich übrigens folgende Studie zum beeindruckenden „Wall of Sound“ des U2-Gitarristen The Edge.

Aber weiter mit Bono. Dessen Weg zum Rockgott stets ein wenig kompliziert verlief. Er ist ja nicht nur Rocker sondern auch ein Ire. Und die sind halt menschlich. Katholik Bono zum Beispiel heiratete sein erstes Girlfriend gleich vom Fleck weg. Eine Todsünde unter Rockgöttern, da half es auch nicht, dass er sich Mitte der 80er Jahre eine „VoKuHiLa“-Frisur (Vorne Kurz Hinten Lang) zulegte, die zu seinem Glück anlässlich des „LiveAid“-Spektakels (mit U2 im Vorprogramm) niemandem auffiel, weil da der Auftritt von Rockgott Freddie Mercury – der Allmächtige sei ihm gut gesonnen – den Rest aus der kollektiven Erinnerung fegte.

Warum aber werde ich dieser Tage bei Erwähnung von Herrn Bono gar so launisch? Das hat weniger mit seiner Stirn zu tun, meinem einstigen Boss – Johannes Paul II RIP – seine idiotischen orangen Brillen aufzusetzen. Mehr mit seiner Entscheidung, auch als Philanthrop Karriere zu machen. Als „Freund der Menschen“. Einer, der all seine verfügbaren Kanäle ausschöpft, um den Planeten Erde zu einem besseren und schöneren und so weiter Ort zu machen. Und seit gut zwanzig Jahren lässt er sich da so einiges einfallen: Live Aid, Make Poverty History, Shopping gegen den Hunger und so weiter. Nenn mir eine gute Sache und Bono hat sie erfunden. Aber sind die Babys in Afrika heute weniger hungrig? Sind sie nicht. Die Kluft zwischen Reich und Arm ist größer denn je. Irgendwo macht dieser Bono seine globale Rechnung also ohne den Wirt. Oder eben auch nicht. Ich meine, nenn mir einen bekennenden Menschenfreund und ich nenn dir einen Menschen, der täglich reicher wird. Weil er immer nur die anderen zur Kasse bittet. Als ihn aber vor zwei Jahren die irische Regierung mit einer taufrischen Musiksteuer zur Kasse bat, manövrierte der Menschenfreund seinen Songkatalog kurzer Hand nach Amsterdam.

Tatsächlich stieß mir der laut einer Fachzeitschrift zweiunddreißigstbeste Rocksänger aller Zeiten allerdings erst diesen vergangenen Sommer so richtig auf. Simple Wanderprediger wie ich verbringen die heiße Saison gern am Mare Nostrum, wie das auch die Art des Paulus von Tarsus war. Am Mittelmeer, irgendwo zwischen Barcelona und Istanbul. Allerdings war dies heuer nicht möglich, ohne auch auf Mister Bono beziehungsweise seinen Konvoi zu stoßen. Ja, die „Klaue“. In seinem Ehrgeiz, irgendwann einmal größer als Sir Mick dazustehen, hatte er die „Klaue“ bauen lassen. Eine 200-Tonnen Bühne. Die größte Bühne aller Zeiten, doppelt so groß wie die „Bigger Bang“-Bühne der Rolling Stones! Sowas musste natürlich auch transportiert werden, was von 120 Tiefladern erledigt wurde, die der Atmosphäre Südeuropas 65 000 Tonnen Kohlendioxid aufhalsten. In etwa so viel Schmutz, las ich irgendwo, wie ein Passagierflugzeug erzeugt, um von der Erde zum Mars zu gelangen. Nicht schlecht für einen notorischen Saubermann. Aber alles im Dienst der guten Sache, wie er meinte: „Rock ´n´Roll ist eine wahrlich große Kirche und es gibt noch viel zu tun, um Gottes Willen zu erfüllen.“ Das sagte er Herrgottnochmal tatsächlich. Und ich sage Euch: Hütet Euch vor den Heuchlern, denn sie wissen, was sie tun.

4 Kommentare »

  • türundtor sagt:

    nur so am rande: man möchte meinen, dass es schlimmere verbrechen an der menschlichkeit gibt, als katholisch zu sein, fokuhila zu tragen, geld für gute zwecke zu spenden oder große bühnen zu bauen…..

    • Frater Gladius sagt:

      Eh. Und ich will jetzt nicht darüber zu lästern beginnen, dass er vorgestern in Glastonbury einen Schlägertrupp heuerte, um die Anti-U2-Demo zu zerstreuen und die „Zahl-deine-Steuern, Bono“-Plakate zu schleifen. Er geht mir halt am … Moment, ich sollte eigentlich nicht, bin ja verreist. Freundlichst, Ihr FG

  • besserpisser sagt:

    … sogar zu schwer für den rasen des praterstadions war sie, die dicke fette klaue – so flüsterte es mir ein veranstalter-verirrter. Selbiger ist übrigens felsenfest davon überzeugt, dass sich jenes kleine problem bis nächste jahr quasi von selber löst. und dann fährt die U2 endlich auch ins praterstadion (aber tut sie das nicht eh schon jetzt … ?!?)

    • Frater Gladius sagt:

      Ach? Wäre es nicht umweltfreundlicher, das Praterstadion dorthin zu verfrachten, wo die Klaue steht? Zwei Fliegen mit einer Klappe, möchte man meinen. Aber bitte, was wär die Welt ohne Circenses … nun, man darf ja wohl träumen. Ihr FG

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