Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Netzzeit » Willkommen in der Menschmaschine!
Share

Willkommen in der Menschmaschine!

Von | 31.08.2009, 0:15 | Kein Kommentar

Was macht das Social Web aus uns? Diese drei Herren versuchen am 1. 9. im Theater eine Antwort. Und Walter Gröbchen, einer ihrer Autoren, versucht es schon jetzt. Egal, was Eberhard Forcher, Clemens Haipl und Hermes morgen auf der Bühne des Wiener Rabenhof Theaters erwartet, wo sie in „Menschmaschine“ versuchen, soziale Netzwerke und die Mechanismen […]

menschmaschine_pertramer_gallei
Was macht das Social Web aus uns? Diese drei Herren versuchen am 1. 9. im Theater eine Antwort. Und Walter Gröbchen, einer ihrer Autoren, versucht es schon jetzt.

Egal, was Eberhard Forcher, Clemens Haipl und Hermes morgen auf der Bühne des Wiener Rabenhof Theaters erwartet, wo sie in „Menschmaschine“ versuchen, soziale Netzwerke und die Mechanismen des Web 2.0 live auf die Bühne zu bringen – ein anderer ist dafür veranwortlich: Walter Gröbchen. Der Blogger, Musikmanager, Labelbetreiber und Autor hatte die Idee zum Stück. Und weil alles bisher zum Thema gesagt reichlich nebulos klingt, haben wir noch einmal nachgefragt. Und übrigens: Wenn die Menschmaschine passsiert, werden sich dort selbstverständlich auch ZiB21-Blogger unter die Leute mischen, um live und via twitter davon zu erzählen. So 2.0 sind wir schließlich schon lange. Aber lassen wir davor einmal in Ruhe Herrn Gröbchen seine Ideen erläutern.

Foto: Hans Schneeweiß

Herr Gröbchen hantiert mit seinem iPhone. Herr Schneeweiß auch. Er ist der Fotograf.

ZiB21: Bei Google ergibt der Name Walter Gröbchen 4.140 Treffer. In Facebook hast du 1.700 Freunde. Scheint so, als würden dich viele Leute kennen …
Walter Gröbchen: Die meisten Leute kennen mich noch von Ö3. Da war ich von 1981 bis 1993. Und es gibt heute noch Leute, die sagen, „Ich hab sie erst gestern im Radio gehört, Herr Gröbchen.“ Aber seit dem Jahr 1993 hab ich ja im Radio nichts mehr gemacht. Das hat eine lange Nachhallzeit.

groebchen.wordpress.com ist dein Blog. Unter anderem findet man dort deine Maschinenraum-Kolumnen aus der Presse. Du bist also auch an Technik interessiert. Welches Gadget hast du immer dabei?
Das iPhone. Ich hab eh vor kurzem beschrieben, dass es mittlerweile eine Art Schweizer Taschenmesser ist. Was ja wirklich faszinierend ist, weil ich früher ja immer ein Handy einstecken hatte, eine Zeit lang sogar zwei, ein deutsches und ein österreichisches, und einen Organizer. Da ist man immer mit einem ganzen Gadget-Park herumgelaufen, vielleicht noch mit einer kleinen Kamera dazu. Oder einem iPod. Dass jetzt alles in einem Gerät zusammengewachsen ist, finde ich schon als Erleichterung im wahrsten Sinne des Wortes. Und es ist ein wunderbares Spielzeug.

Bist du ein Online-Junkie?
Meine Freundin würde wahrscheinlich behaupten, ich bin ein Internet-Junkie. Ich sag aber, ich bin Genussraucher. Ich gehe gern einmal auch mit dem iPhone, wenn mir fad ist in einem Wartehäuschen oder in einem Kaffeehaus online und schau dann halt nach, was gibt es neues im twitter oder welche Schlagzeilen hat der Standard heute. Aber ich fühl mich jetzt nicht abhängig davon. Ich kann mir schon vorstellen, auch tagelang nicht hineinzugehen. Es wird halt so Alltagsmedientechnik. Der Alf Poier hat vor kurzem erst im Kurier Technik-TV-Magazin gesagt, der iPod ist ein Must have für irgendwelche Idioten, die jung sein wollen. Da denk ich mir: Was soll der Quatsch? Ich kann ja nicht im Jahr 2009 den iPod, der wirklich ein ganz normales banales Alltagsintrument mittlerweile geworden ist, mit so einem blödsinnigen Urteil abqualifizieren.

Und was machst du, wenn du einmal keinen Empfang hast?
Ich nutz das ja beruflich. Da hängt man in dieser Pipeline, und wenn einmal nichts durchgeht, dann hat man ein regelrechtes Problem. Ich hab das eh beschrieben in der vorletzten Kolumne. Wenn ich da eben eine Kolumne am Sonntag aus Retz an die Presse übermitteln will, und das geht nicht, was bleibt dann für eine Möglichkeit? Ich kann Freunde bitten, einen USB-Stick nach Wien mitzunehmen, oder kann eine Brieftaube ausschicken oder einen Brief schreiben. Aber das ist ja alles absurd. Man hängt plötzlich in der Luft. Entertainmentmäßig hält man das schon aus ein paar Tage ohne, aber wenn man von seinen Mails abgeschnitten ist, dann kann das schon ans Eingemachte gehen. Also ich kann Leuten nachvollziehen, die da ein bissl durchdrehen. Ich kann aber auch Leute verstehen, die sich freiwillig in ein Funkloch begeben und sich einfach mal wie in einem Kloster zurückziehen.

Eine digitale Wundertüte. Das Überraschungs-Ei 2.0. Oder die moderne Büchse der Pandora. So wird das Internet in den Vorab-Texten zur Menschmaschine genannt. Wie nutzt du es?
Das steckt ja alles drin. Das Verborgene, das Abseitige wird dir durch das Netz sehr viel näher gebracht. Wenn man früher ein rares Buch gesucht hat, dann hat man wahrscheinlich dutzende verstaubte Antiquariate durchsuchen müssen. Heute ist das ein Knopfdruck. Die Vernetzung und die Ausrasterung sind schon faszinierend. Die Welt hat damit aber auch viele Geheimnisse verloren. Und zur modernen Büchse der Pandora: Kinderpornografie, Neo-Nazis, illegale Downloads – es ist ja alles möglich. Das ist zwar kein rechtsfreier Raum, wie viele immer behaupten, aber kein systematisch kontrollierter und erschlossener Raum. Gott sei dank auch. Es gibt alles und nichts. Es gibt alles nebeneinander und es gibt alles in allen Erscheinungsformen. Ich kann mir von illegalen Softpornofilmen bis hin zum schrecklichsten Kinderporno alles reinziehen, wenn ich möchte. Die Grenzen werden erst allmählich gesetzt.

Welchem Fetisch 2.0 huldigst du?
Es ist ein mediales Schlaraffenland. Es fliegen dir die gebratenen Hühner förmlich in den Mund. Und du stehst vor einer übervollen Speisekammer. Nimm ein Videoarchiv wie Youtube. Mit einem Klick kriege ich eine ganze Latte an Aufnahmen vom Electric Light Orchestra aus 1976, weil mir das damals gefallen hat. Es ist eine Wundertüte. Man weiß zum Teil nicht, was einen erwartet, man findet aber immer wieder unfassbare Köstlichkeiten da drin. Und das kann einen schon richtig reinziehen. Was einen natürlich auch reinziehen kann, ist das Surfen. Da kann man sich von einem Punkt aus ins Unendliche verlieren. Du kannst Informationen fast beliebig vertiefen. Man merkt plötzlich, welche Verknüpfungen da sind. Die absolute Referenz wie den Duden oder Brockaus gibt’s hier nicht mehr. Anstatt der endgültigen Wahrheiten bekommt man verschiedene Versionen angeboten. Man muss sich viel stärker selbst sein Bild zusammenbasteln.

Wie kam es zu der Idee mit der Menschmaschine?
Indem ich nach einer Vorstellung im Rabenhof zum Hausherrn Thomas Gratzer gesagt hab: „Wann macht ihr das erste Facebook-Musical?“ Ich bin eigentlich kein großer Theatergeher, aber immerhin rede ich oft einen Freund an, er soll mir gute Theatervorstellungen nennen, weil ich in mir den Bildungsbürgerimpetus verspüre, mich auch dem Theater zu widmen. Das Rabenhoftheater ist mir in den letzten Jahren aufgefallen, weil es viel unprätentiöser und zeitgemäßer mit Stoffen umgeht – egal ob das jetzt ein Maschek-Puppentheater oder ein Kottan Revival ist. Das ist halt alles leichte Unterhaltungsmaterial, aber es ist gut, macht Spaß und bringt auch was.

Wir wollten von der Menschmaschine sprechen.
Menschmaschine ist der Versuch, einmal mit Dingen wie Twitter und Facebook auch im Rahmen eines Theaters umzugehen. Wir sind ja auch nicht die einzigen, die in diese Richtung tendieren. Man liest ja, in London gibt’s die Facebook-Oper, da werden irgendwelche Twitter-Romane geschrieben, in Hollywood soll Facebook verfilmt werden. Meine Leistung besteht also nicht darin, etwas zu erfinden, sondern ich spiele den Dompteur im Flohzirkus. Man muss die Herren Haipl, Hermes und Forcher (die Moderatoren Anm.) finden, vorwärts treiben und sich um viele Details kümmern.

Die Menschmaschine ist eigentlich eine legendäre Platte von Kraftwerk. Warum gerade dieser Titel?
Erstens, weil ich ein großer Kraftwerk-Fan bin. Und zweitens, weil es die Technisierung und die Medialisierung der Kommunikation ganz gut charakterisiert. Und den Menschen als Faktor kannst du da nicht rausnehmen. Das Menscheln ist es ja auch, was Facebook oder Twitter ausmacht. Das ist ja eigentlich eine ewige Bassena. Wir haben lange wegen dem Untertitel gerätselt, denn Facebook-Musical ist es ja jetzt keins mehr, und wir sind dann auf „Ein buner Abend 2.0“ gekommen: Es gibt Gäste, es gibt Musik, nur eben alles der neuen Art. 2.0.

Was passiert da genau?
Es ist kein Theaterstück. Es ist mehr ein Happening oder eine Talkshow oder eine Konferenz. Ich hab zuerst zweieinhalb Seiten geskriptet – den Beginn, um den Herren einmal zu zeigen, wie ich mir das ungefähr vorstelle. Aber ich bin dann sehr schnell draufgekommen, dass dieses Skripten nichts bringt, weil die Geschehnisse eh anders ablaufen werden. Es ist jetzt viel spontaner, mehr Standup-Comedy als eine Inszenierung. Es ist meinetwegen auch Chaos pur. In den letzten Wochen und Monaten haben wir dafür Material gesammelt: hunderte Facebook-Meldungen, irgendwelche Links auf Youtube-Videos. Man kommt dann aber drauf, dass es einen irgendwann erdrückt. Wir nutzen das Internet als Steinbruch und jeder der drei Moderatoren darf was mitschleppen. Der Haipl ist dabei so der jugendliche Technikfreak. Der Herr Hermes ist eher so der Peter Rapp der FM4-Generation. Und der Forcher spielt ja auch in Facebook mit seinen Fundstücken, und hat seinen Spaß, daraus etwas zu präsentieren.

Das soll ja auch recht interaktiv werden. Ein kleiner Tipp dazu?
Es gibt die Moderatoren auf der Bühne. Und wir fordern die Leute auch dazu auf, mit webfähiger Ausrüstung hin zu kommen – mit iPhone oder Laptop. Das ergibt irgendwann eine riesige Feedbackschleife. Dazu haben wir eine Twitter-Wall, auf der dann das ganze Feedback gezeigt wird. Wie das genau läuft, werden wir dann sehen.

Schon nervös?
Nein. Für mich ist es im schlechtesten Fall eine chaotische Party von Leuten, die sich eh aus Facebook kennen. Und im besten Fall wird daraus eine medienphilosophische Diskussion. Ich glaube, der Abend wird irgendwo dazwischen liegen.

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger