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Content-Piraten im Internet

Von | 29.07.2009, 9:15 | 4 Kommentare

Haben Sie schon davon gehört, dass reiche Russen in ihrer Freizeit gerne Piraten jagen? Dieser Bericht erklärt, wie es zu solchen Meldungen kommt – und was uns das über Online-Marketing und Blogs verrät. Aktueller Content im Internet wird von Millionen Menschen gemacht. Da so viele Leute daran arbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass richtige Meldungen […]

Piratenjagd im InternetHaben Sie schon davon gehört, dass reiche Russen in ihrer Freizeit gerne Piraten jagen? Dieser Bericht erklärt, wie es zu solchen Meldungen kommt – und was uns das über Online-Marketing und Blogs verrät. Aktueller Content im Internet wird von Millionen Menschen gemacht. Da so viele Leute daran arbeiten, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass richtige Meldungen unterstützt und falsche Meldungen früher oder später als solche erkannt werden. Aber ist das wirklich so? Wie viel stimmt eigentlich von dem, was Blogger in die Welt setzen?

Das Internet macht Information leichter verfügbar, leichter reproduzierbar, aber gewinnen wir dadurch auch wirklich mehr Information?

Sagen Blogger immer alles nach? Der Economist beschrieb vergangene Woche Städte in England, denen 2009 die einzige Lokalzeitung abhanden kam. Nicht dass diese Zeitungen besonders kritisch gewesen wären, summiert der Economist die Meinung von Politikern, PR-Leuten, Lesern und Kulturschaffenden, aber diese Zeitungen hätten eine wichtige Funktion gehabt: Sie berichteten von dem, was sie vorher recherchiert hatten. Sie schufen also Original-Content. Jetzt, da nur noch Blogger in diesen Städten berichten, findet Recherche kaum noch statt. Die Pressekonferenzen sind leer, die Schulaufführungen werden nicht mehr rezensiert. Dem Bericht zufolge kopierten also die Blogger das, was sie in der Zeitung gelesen hatten und bereiteten es nur neu auf. Das gibt es natürlich auch umgekehrt. Angeblich existieren Zeitungen in den USA, die journalistisch in Indien gemacht werden. Die Inder schreiben also lokale US-Blogs ab, um daraus Zeitungen zu machen. Ich vermute, dass es sich dabei um ein Kunstprojekt von Globalisierungsgegnern handelt.

Piratenjagd. Ich arbeite als Journalist bei der Online-Ausgabe einer Wirtschaftstageszeitung. Wir machten in den vergangenen zwei Monaten unsere eigene Erfahrung zum Thema Online-Reproduzierbarkeit. Einer unserer regelmäßigen Informanten, ein Pressedienst aus Deutschland, der Recherchen zum Thema Wirtschaftskriminalität macht, schickte uns einen Beitrag. Darin ging es um einen Reiseveranstalter, der Kreuzfahrten an die Küsten von Somalia anbietet. Wer teilnimmt, wird gegen Gebühr scharf bewaffnet und darf sich dann nach Herzenslust gegen die Piraten wehren. Zehn Dollar für eine Kalaschnikov, 100 Dollar für den Granatwerfer. Reiche Russen dürften darauf abfahren, hieß es. Ein Re-Check der Quelle ergab für uns, dass dieser Bericht sehr unwahrscheinlich, aber nicht unbedingt falsch sei. Im Internet fanden wir keine dementsprechende Berichterstattung. Als Online-Medium stellen wir auch Fremd-Berichte – so wir die Erlaubnis dazu bekommen – auf unser Portal, solange die Quelle / die Autorenschaft seriös ist und der Beitrag zur Zielgruppe passt. Allerdings erschien uns diese Meldung so skurril, dass wir entschieden, sie in einer Spaß-Rubrik zu publizieren. Da wir die Meldung nicht verifizieren konnten, publizierten wir sie unter dem Namen des deutschen Wirtschaftsdienstes – als Gastbeitrag.

Bereits in der Nacht explodierten die Zugriffe. Ein weiterer Anruf bei den Autoren des Berichtes bestärkte uns in der Annahme, dass es sich um Satire handle, wir kennzeichneten den Bericht dementsprechend noch einmal deutlicher als Satire. Nun machte die Meldung auf Twitter und Facebook die Runde. Stets mit dem Hinweis: Was glaubst du? Ist das ein Scherz? Das interessante daran: Viele gaben nur den Tweet weiter, ohne die Meldung selbst zu lesen.? Dennoch verzeichneten wir rund 5000 Leser in der Stunde, in den Twitter-Charts kletterte der Bericht auf Nummer 3. Hunderte Blogs übernahmen die Meldung, dann übersetzte ein erster Blog den Bericht ins Englische, ohne jedoch den Zusatz mitzunehmen, dass es sich um Satire handle. Das tat seine Wirkung.

Drei Tage später hatten US-Agenturen die Meldung mitgenommen, sie beriefen sich auf einen Bericht der österreichischen Tageszeitung WirtschaftsBlatt – ohne zu erwähnen, dass es sich um einen Hoax handle. Dann nahmen US-TV-Sender auf ihren Online-Seiten die Meldung auf. Da half es auch nichts, dass wir mittlerweile den Bericht selbst übersetzt hatten und mit dickem Disclaimer darauf hinwiesen, dass alles ein Scherz sei.
Nun folgten russische Nachrichtenagenturen mit der Meldung, dass diese Reisen niemals aus Russland kommen würden, sondern, das sei ja klar, von US-Internetseiten. Der Bericht kam nach Japan und nach Australien. Drei Wochen später riefen in unserer Redaktion britische Boulevard-Reporter an, um sich nach der Adresse des Reiseveranstalters zu erkundigen. Eine deutsche Radiostation wollte wissen, wo die Reise zu buchen wäre. Hörer hätten beim Sender angerufen, um die Reise zu ordern.

Virales Marketing mit Nebenwirkung. Vier Wochen später schloss sich der Kreis wieder, die Meldung kam nach Österreich zurück, österreichische Zeitungen fragten bei uns an, woher wir den Bericht hätten.

Wäre das ganze ein Test gewesen, hätten wir herausgefunden,

  1. dass die Online-Ausgaben von Print-Medien allein aufgrund der Tatsache, dass sie Printmütter haben, scheinbar hohe Glaubwürdigkeit besitzen.
  2. dass Twitter und Facebook mehr Einfluss haben als alle klassischen Medien der Vergangenheit. Doch die Reduktion auf 160 Zeichen lässt auch wesentliche Infos verschwinden.
  3. dass viele Blogger keine Re-Checks von Meldungen machen.
  4. dass kaum ein Printmedium – und auch nicht deren Online-Editionen – die Story aufgenommen hat, obwohl viele das gerne wollten. Weil diese Seiten den Re-Check gemacht hatten.

So wie die Story von der Piratenjagd selbst ist auch dieser Meta-Bericht nur oberflächlich betrachtet humorvoll. Darunter steckt ein tiefer Wandel in der Beziehung zwischen Kommunikatoren und Rezipienten. Wir sind offenbar noch nicht in der Lage, mit den veränderten Kommunikationshierarchien umzugehen. Wir schenken als Leser und User Vertrauen, wie wir es in der Vergangenheit taten, obwohl die journalistischen und ökonomischen Umstände der Nachrichtenproduktion sich geändert haben.

4 Kommentare »

  • Manfred Sax sagt:

    man sollte nicht vergessen, dass blogger nicht nur aus dem journalismus kommen. noch schreiben sie content lediglich ab. sie stellen querverbindungen an, sie denken nach, sie interpretieren. sie leisten sich auseinandersetzungen mit der sprache und sie erfinden. das mag dann fiction sein, aber jedenfalls ist es ein kreativer akt. und grund genug, einen blogger nicht nur als zweitklassigen rechercheur darzustellen.

    • Stimmt: Fiction ist hoch kreativ – und trägt zum Erfolg des Internet wesentlich bei. Natürlich, es geht ja um Unterhaltung.

      Copy / Paste gehört sicher auch schon immer zum Journalismus und , wie der Bericht zum Thema Copyright auf ZIB21.com richtig beschreibt, auch auf jeden Fall zum Prinzip Online. Nur: Sind wir als LeserInnen / UserInnen in der Lage, mit diesen veränderten Kommunikationshierarchie umzugehen?
      Letztendlich hilft uns ja kein Herausgeber mehr, zwischen richtig und falsch, zwischen Bericht und Kommentar zu unterscheiden. Das ist weder moralisierend, noch kulturkritisch und schon gar nicht abwertend gemeint. Als Journalist empfinde ich das als Befreiung.
      Nur: die Konstruktion von Wirklichkeit verändert sich damit. Vielleicht ist das aber auch eine naive Feststellung.

    • truetigger sagt:

      In der Blogwelt wie auch bei Twitter gibt es typische Hypes – Themen, die irgendwo als Nachrichten aufgeschnappt werden, gibt es dann in vielen Auslegungen, Interpretationen, in Wiederholungen und „Blaupausen“. Insofern recherchieren Blogger nicht wirklich.

      Anderseits ist nicht jeder Blogger ein Themen-Blogger. Manche, die eher ihr eigenes Leben beschreiben (wie ich) berichten Nachrichten IMMER aus der persönlichen Warte – es ist also nicht die Nachricht an sich, sondern eine Reflexion, eine eigene Meinung. Und Blogger verstehen sich auch nicht automatisch als Journalismus-Institution, nicht alle und nicht bei JEDEM Blog-Eintrag.

      Was Zeitungen angeht: ein nicht unerheblicher Teil einer typischen Tageszeitung besteht aus Agentur-Meldungen, also sollte man bei aller Anerkennung für Journalisten nicht vergessen, dass das „Abschreiben“ (ja, für Agenturmeldungen zahlt man, das ist keine Kopie im bösen Sinne) letztlich das Rückgrad einer halbwegs lesenswerten Zeitung ist – denn NUR regionale Schulaufführungen, wen interessiert das wirklich?

  • Michel Reimon sagt:

    gute geschichte, wichtige und richtige schlussfolgerung.

    allerdings bin ich mir beim 4. lerneffekt nicht sicher, ob das so (schon) schlüssig ist. viele journalisten haben ja die story übernommen, wenn auch nur kaum aus dem printbereich. was heißt das? dass im print mehr re-check gemacht wird als in TV und agenturen?

    eines steht wohl fest: wir brauchen eine andere medienkompetenz. das gilt aber auch für die nutzung vieler klassischer medien…

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