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Urheberrecht 2.0 oder: Lernen von Kanada

Von | 29.07.2009, 11:42 | 2 Kommentare

Auch für die Plattform für Offene Kultur gilt: Nach der ersten Euphorie kommt die Reflexion. Und darum träume ich jetzt von Kanada. Aber fangen wir lieber ganz vorne an. Sicher, es gibt wohl auch viele Urheber, die mit den Gepflogenheiten im Netz wenig anfangen können und sich eine prädigitale Welt wünschen, in der sie ihre […]

Walter Krivanek, VividVisions.com, cc-by-nc-sa Auch für die Plattform für Offene Kultur gilt: Nach der ersten Euphorie kommt die Reflexion. Und darum träume ich jetzt von Kanada. Aber fangen wir lieber ganz vorne an.

Sicher, es gibt wohl auch viele Urheber, die mit den Gepflogenheiten im Netz wenig anfangen können und sich eine prädigitale Welt wünschen, in der sie ihre Werke schaffen, analog vervielfältigen lassen und dann gegen Geld verkaufen können. Aber abgesehen davon wird man leider das Gefühl nicht los, dass vor allem die Verwertungsindustrie für die Wahrung der Urheberrechte trommelt – also jene Institutionen, denen etwa durch Filesharing die meisten Umsätze wegbrechen und die auch wenig davon haben, wenn sich etwa ein Künstler entschließt, auf anderen Wegen zu Geld zu kommen. So stehen auch hinter der Plattform Geistiges Eigentum der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und die IFPI Austria, der Verband der Österreichischen Musikwirtschaft – also Interessensvetretungen von Verlegern und Musikwirtschaft.
Auf der anderen Seite stehen die Digital Natives, die in Schweden eine Piratenpartei ins Europaparlament gewählt haben, weil die am ehesten ihrem Lifestyle entspricht. Die oben genannten Akteure halten sie für kriminell, denn sie tun, was sie gelernt haben: Sie nehmen, was es im Netz gibt. Sie bezahlen selten dafür – außer für die Infrastruktur, also etwa in Form von Providergebühren. Aber sie sind nicht so parasitär, wie gerne angenommen, denn Kino oder Konzerte sind ihnen immer noch viel Geld wert.
Dazu kommt, dass in der Diskussion gerne Urheber- und Verwertungsrechte gleichgesetzt werden, um die Interessen ein wenig zu verschleiern, denn wer für die Rechte der Urheber kämpft, tut sich leichter als jemand, der für die Rechte derer kämpft, die an deren Verwertung verdienen. Was fehlt, ist also eine Neudefinition von Urheber- und Verwertungsrecht, die dem Lifestyle der Digital Natives gerecht wird und dem Urheber zu seinem Recht verhilft. Die Umsätze der Zukunft – und von denen sollen schließlich alle naschen dürfen – werden online passieren. Punkt.
Diese Konstellation führt natürlich zu vielen Missverständnissen. Folgende zwei bestimmen die Diskussion vorrangig.

1. Die Gratis-Mentalität kann so nicht mehr weitergehen, denn sie schadet den Urhebern.

Das lässt sich mit vielen Anekdoten widerlegen. Eine davon hat Stefan Niggemeier in seinem Blog erzählt. Sie handelt von einem Film, den Jon Rawlinson im Okinawa Churaumi Aquarium in Japan aufgenommen hat. Er unterlegte diesen Film unerlaubterweise mit einem Song der Band Barcelona, nannte sie aber als Urheber und verlinkte auch noch zu ihrem Song im iTunes-Store. Viele, die das Video auf Vimeo sahen, waren vom Lied so begeistert, dass sie es kauften. Es stieg, obwohl bereits zwei Jahre alt, in den iTunes-Charts kontinuierlich nach oben. Und Schuld daran war eine Urheberrechtsverletzung.
Schon mit dieser Geschichte wird klar, worauf ich hinaus will: Die Sache ist ungleich komplizierter, als dass sie sich mit dem von Verlegern und Verwertern gerne geäußerten Satz „Gratis ist des Teufels“ erklären lässt – die Urheber können auf Umwegen sogar sehr davon profitieren. Doch der Weg, der dahin führt, ist wie im Falle des Barcelona-Songs nach heutiger Auffassung noch illegal. Das führt zum nächsten Irrtum:

2. Jeder User ist ein potenzieller Dieb.

Dieser Irrtum der Geschichte liegt am Trägermedium unseres täglichen Medienkonsums, dem Netz. Das hat nun auch Vinton G. Cerf, der gerne als einer der Väter des Internet bezeichnet wird, in einem Interview mit der FAZ so schön erklärt, dass ich mir eigene Worte dafür spare. Außerdem fühlt sich die FAZ eh schon dermaßen bestohlen, dass es auf ein weiteres Mal gewiss nicht mehr ankommt. Cerf sagt dort also:

Die Copyright-Problematik entsteht doch dadurch, dass das Netz durch Kopieren funktioniert. Ein Browser kopiert eine Datei von einem Webserver und interpretiert sie dann für die Darstellung im World Wide Web. Copyright hat historisch immer so funktioniert, dass der Vertrieb von Werken in physischer Form wie Bücher, CDs, DVDs, Magazine, Zeitungen, Videokassetten oder LPs kontrolliert wurde. Digitale Informationen können nun mal leicht kopiert und verteilt werden. Dadurch entsteht ein Problem mit dem herkömmlichen Urheberrecht.

Dieses Problem in Kombination mit dem oben formulierten Irrtum führt dann zu absurden Auswüchsen so wie diesem auf Techdirt aufgestöberten. Ein Musikprofessor und Autor namens Kyle Gann musste ein Kapitel aus seinem nächsten Buch streichen, weil ihm das Recht verwehrt wurde, darin ein paar Sätze aus anderen Werken zu zitieren. Ja, nur ein paar Sätze, aber er hätte sie eben für seine Argumentation gebraucht.

Und was ist nun die Lösung?

Keine Ahnung, verdammt noch einmal. Um so etwas wie die Idee zu einer Kultur-Flatrate zu beurteilen, fehlt mir das Insiderwissen, bitte aber hiermit um zweckdienliche Hinweise. Und Projekte wie Fair Syndication finde ich persönlich interessant, habe sie aber noch nicht vollständig verstanden.
Aber immerhin stieß ich beim Nachdenken über die möglichen Positionen der Plattform für Offene Kultur auf folgenden Text auf Arstechnica. Darin wird nacherzählt, wie im Vorjahr in Kanada eine Reform des Copyright scheiterte, weil viele der handelnden Personen keine Ahnung vom Status Quo der Netzkultur hatten – allen voran der Chef der Performers‘ Rights Society and Sound Recording Division at the Alliance of Canadian Cinema, Television and Radio Artists (ACTRA), also wieder einmal einer, der es eigentlich besser wissen sollte.
Nun werden in Kanada endlich jene um ihre Meinung gefragt, die es in Wahrheit betrifft: die Urheber selbst, und natürlich auch jene, die nach derzeitigem Rechtsbegriff täglich ihre Rechte schänden. Die kanadische Regierung hat dafür eine eigene Website eingerichtet, wo jeder seine Ideen und Anliegen loswerden kann. Warum, erklärt der kanadische Minister Of Industry, Tony Clement, in ein paar Sätzen, die ich gerne auch einmal in Mitteleuropa und am liebsten auf Deutsch formuliert hören möchte:

„Canadians are concerned with copyright and its implications in our increasingly digital environment. Our goal is to give Canadians from across the country a chance to express their views on how the government should approach the modernization of copyright laws. Your opinions and suggestions will help us draft new, flexible legislation so that Canada can regain its place on the cutting edge of the digital economy.“

Womit für mich geklärt wäre: Die Plattform für Offene Kultur ist nicht wichtig. Sie ist sehr wichtig.

2 Kommentare »

  • […] Diese ganze Thematik birgt natürlich eine unglaubliche Tragweite in sich und die Notwendigkeit, viele divergente Entstehungsszenarien (Wer verfasst unter welchen Bedingungen?) und Gegenstandsbereiche (Wissenschaft/Kunst) gleichermaßen gedanklich ausdifferenziert zu inkludieren. Das geht, logisch, nur Schritt für Schritt – Exkurs vorerst Ende. […]

  • Eine interessante Überlegung und eine spannende Frage.
    Was wäre, wenn der neue Verteilungsschlüssel für Verwertungsrechte Aufmerksmakeit wäre. Um in der musikindustrie zu bleiben: Das Geld wird nach der Anzahl der Downloads aufgeteilt – egal ob kostenpflichtig oder vergebührt. Oder bei Blogs: Gezahlt wird nach der Anzahl der Aufrufe eines Bildes, bzw. eines Textes, eines Videos. Besser noch wäre die Währung Zeit, anstelle von quantitativen Kennzahlen wie Klicks. Technisch anspruchsvoll, vielleicht machbar?
    Die neuen Verwertungsgesellschaften
    Es zahlt sich aber nur dann aus, darüber auch ernsthaft nachzudenken, wenn der Veröffentlichung von Content auch Einnahmen gegenüber stehen.Gehen wir vielleicht sogar davon aus, dass diese Einnahmen rasant steigen werden. Gehen wir nicht davon aus, dass die User bereit sind für den konsumierten Inhalt zu bezahlen. Meiner Ansicht müssen diese Einnahmen aus der Werbung oder über allgemeine Gebühren, die indirekt eingehoben werden, kommen.
    Google, Twitter, Facebook, etc., müssten also nicht nur Nutzungsdaten zur Verfügung stellen, sondern auch Teile ihrer Einnahmen mit denen teilen, die Inhalte beisteuern.
    Zusätzlich müssten vielleicht Gebühren über den Umweg der Telekom-Betreiber eingehoben werden, die sich prozentuell an die Nutzungsintensivität von Datenleitungen richten.
    Dieses Geld würde dann über Clearing-Stellen verteilt.
    Aber vielleicht ist auch das noch viel zu herkömmlich gedacht.

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