Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Auszeit » Koitalsubstitutum motoriensis. Rundstreckenlibido
Share

Koitalsubstitutum motoriensis. Rundstreckenlibido

Von | 27.07.2009, 15:53 | 4 Kommentare

Wer noch nie in einem echten Rennauto saß, weiss auch nicht, wie echter Sex aussieht. Automobilistisch betrachtet, selbstverständlich. Die Entscheidung fiel prompt. Ich würde meinen fünfunddreissigsten Geburtstag auf der Rennstrecke verbringen. Am Sachsenring, im Cockpit eines Challenge-Mini. Geschenk und Feier in einem. Und das ohne vernachlässigbare Gäste, falsche Lokale oder unnötige Geschenke. Was könnte es […]

„Ist das ein Autoschlüssel in Deiner Hose oder ...“

Der Challenge-Mini: Gib Gas, hab Spaß ...

Wer noch nie in einem echten Rennauto saß, weiss auch nicht, wie echter Sex aussieht. Automobilistisch betrachtet, selbstverständlich.

Die Entscheidung fiel prompt. Ich würde meinen fünfunddreissigsten Geburtstag auf der Rennstrecke verbringen. Am Sachsenring, im Cockpit eines Challenge-Mini. Geschenk und Feier in einem. Und das ohne vernachlässigbare Gäste, falsche Lokale oder unnötige Geschenke. Was könnte es besseres geben?

Klar steigst Du nicht am Freitag in den Mini ein, katapultierst dich am Samstag in die Pole und zeigst am Sonntag dem restlichen Team voller Profis den Herrn. Du brauchst erstens Training und zweitens eine Rennlizenz. Die Bescheinigung eines kundigen Experten also, der bestätigt, dass Du überhaupt weißt, wie man das Wort Lenkrad buchstabiert, dass das Gas links und die Kupplung rechts ist.

Mein Experte hieß Robert Lechner, fährt neben Mini-Challenge auch Porsche Supercup, überhaupt alles, was sich auf vier Rädern schnell bewegen lässt und ist nebenbei auch Rennfahrer-Instruktor. Wir würden uns auf dem Wachauring bei Melk treffen, dort würde ich mein künftiges Rennfahrzeug kennenlernen. Einen Mini Cooper S John Cooper Works und das unanständig verrennwagenisiert. Sprich: ohne Lärmdämmung, Klimaanlage und sonstige unnötige Gewichtsposten, dafür aber mit Rennsitzen, Rennfahrwerk, Slick-Reifen, Motortuning und einem massiven Stahl-Überrollkäfig um die Fahrgastzelle herum, der bei Überschlägen für Stabilität sorgen sollte, damit nicht nur mein Helm fürs saubere Abrollen sorgen würde. Ich einigte mich mit Herrn Lehrer, das nicht zwingend auszuprobieren, die Skepsis in seinen Augen ignorierte ich dezent.

Sieben nicht minder ahnungslose, aber renngeile Jungs teilten sich mit mir die vier Renn-Minis. Und Anja aus Düsseldorf war auch da, Marketing-Managerin bei einer Handyfirma, äußerst attraktiv, gfernzt und gesprächig. Aber sie hatte ihren Freund mit, einen netten Kerl. Die beiden erzählten recht viel über ihre Beziehung, und das ungefragt. Sie betonten stets, dass sie daheim die Hosen anhätte. Und dass er nicht mehr so viel auto führe, seit er sie habe, ihr also ein Schleifchen mit „Meins!“ darauf umgebunden hatte. In meine kleine, eigenen Fantasie-Welt übersetzt bedeutete dies: sie spielen Rollenspiele, daheim im Bett. Und gelegentlich verschnürt er sie zu einem Bondage-Paket, so dass sie sich kaum mehr rühren konnte …

Man merkt vielleicht: meine Stimmung war irgendwie erotisiert, was sich wohl auf das Rennfeeling rundherum zurückführen ließ: eine Boxenstraße, durch die der Wind pfeift, der diesen leichten Geruchsmix aus Reifengummi, Öl und Benzin in deine Stirnhöhlen weht; am Boden teures Werkzeug, in den Boxen die Schrauber-Jungs, lauter Chirurgen auf ihrem Gebiet, bereit, wahre Autoleichen in Sekundenschnelle wieder zu beleben … Das Feeling steigerte sich, als es ans Einsteigen ging. Für das es auf Hochdeutsch eigentlich keinen passenden Begriff gibt. Da muss schon das mittelhochfavoritnerische „Einekräuln“ herhalten. Das trifft es in etwa.

Man wickelt sich also über den Käfig, fädelt sich in die enge Sitzschale und wird darin festgeschnallt. Dann setzt man den Helm auf, zieht sich die Handschuhe an und startet. Ein infernalisches Gebrüll, das mit dem normalen Mini-Sound nichts zu tun hat, klar, ein normaler Mini ist auch rundherum gedämmt. Aber das hier bekam keinerlei Schaumstoff zwischen dich und die lärmerzeugenden Bestandteile eines Fahrzeuges gestopft. Fazit: ein infernalischer Lärm. Der dich gleich noch um ein paar Ecken mehr aufgeilt.

Raus aus der Box, erste Runde. Du gibst Gas und spürst es auch. In dem Sinn, dass alle äußerlichen Einflüsse voll zu dir durchgetragen werden. Mit einem PKW 200 auf der Autobahn zu fahren ist weniger spektakulär als 50 hier mit diesem Vehikel. Alles kracht und scheppert, kleinste Bodenwellen erzeugen hysterisches Gehopse. Der Kupplungs-Druckpunkt ist ungefähr fünf Millimeter breit, die Bremse angeblich rennhart, nur: Wenn sie kalt ist merkst du nichts davon. Weder haften dann die Slicks, noch greifen die Eisen. Ergebnis: du drehst dich, fast. Rutschst daher wie ein Alkoholiker auf Eis. Und landest beim Versuch, die nächste Kurve sinnvoll anzubremsen, in der grünen Wiese.

Auf der Geraden Gas geben geht ja noch, das kann ein jeder. Aber Kurven werden zur Wissenschaft, auch wenn die Karre dann endlich warm ist. Sie werden in Bremspunkt, Einlenkpunkt, Scheitelpunkt und Auslenkpunkt seziert. Jeden einzelnen davon nicht exakt zu erwischen und mit der für ihn vorgesehenen Tätigkeit zu koppeln, kostet Zeit. So viel Zeit, dass die anderen, die, die sich auskennen, Kreise um dich fahren. Und die Zeitmesser gar nicht mehr abdrücken, wenn du zum vierten mal bereits viermal überrundet bei Start/Ziel vorbeikommst.

Irgendwann am Nachmittag dann fahre ich die erste Kurve richtig. Meine Mitbewerber im Lechnerschen Rennkurs habe ich im Griff, bloß Anja fährt mir um die Ohren. Sie sieht schnuckelig aus in ihrem Schalensitz, sogar mit Helm, Overall und Balaklava. Und wenn sie so die Haarnadel umkreist, mit den äußeren Rädern über die Curbs quietschend, dann auf der kurzen Geraden Gas gibt, um danach in der Senke nach rechts abzubiegen, ab dem Auslenkpunkt wieder voll am Gas zu stehen und mir wieder zwei oder drei Wagenlängen abnehmend, macht mich das, zugegeben, an. Wir haben unser eigenes Ding hier auf der Strecke laufen. Nur sie und ich, sie als Gejagte, ich als Verfolger. Und ihr Freund steht draussen an der Boxenmauer. Hat keine Chance, hier mitzuspielen. Ein wonniges Gefühl. Blöd nur, dass der Herr Mechaniker den Gurt recht eng geschnallt hat. Und der Overall in gewissen Bereichen keine Auslaufzone bereithält …

Rennwagen sind eine geile Sache. Sie stellen eine Direktleitung zwischen Dir und Deiner Libido her. Machen die Dämpfer des Anstands ebenso effizient vergessen wie das Rennauto das Thema Schalldämmung. Du gibst Gas und hast Spaß, endlich versteh ich den vertrottelten Nena-Song. Und nein, das alles hat mit doofem Gebölze im Straßenverkehr null und nix zu tun. GTI-Wetzen auf der Dopplerhütte? Nett. Belächelbar. Und eigentlich nix als gefährlich. Man versteht plötzlich die Gelassenheit von Formel Eins-Weltmeistern, die privat am liebsten lahme Automatik-Kutschen pilotieren. Oder einen Fiat Multipla, so wie der gute Deutsche mit dem großen Kinn. Wer will schließlich noch Doktorspielen, wenn er regelmäßig echten Sex bekommen kann?

Als mir Robert Lechner die Lizenzprüfung abnimmt (das Antragsformular kommt aus Hausmeister Krauses Clubsport, bei der Bewerb-Auswahl kann man auch „Historischer Rundsteckensport“ ankreuzen) fühle ich mich dem Rennsport um ein, zwei Schritte näher. Aber keineswegs bereit dafür, in ein Rennwochenende zu kippen. Noch dazu, wo mir Lechner den Sachsenring als wirklich schwere Strecke verkauft. Ich solle vielleicht ein paar Tage früher hinfahren, um noch ein wenig trainieren zu können, am Ring. Klar, mach ich gerne. Nur: ob da oben auch irgendwer so krank ist, mir seinen Renn-Mini zu borgen, bezweifle ich.

Als wir alle wieder in Zivilkleidung stecken und die Runde auseinanderfährt, verabschieden sich auch Anja und ihr Freund. Man sieht sich ja vielleicht mal. Klar, jerne, tschüss und jute Reise, ne. Ich werd’ wohl nie erfahren, ob sie auch mitgekriegt hat, was da draussen auf der Strecke lief. Und sollten wir uns wieder einmal treffen, dann bitte nur im Rennwagen.

4 Kommentare »

  • Peter sagt:

    Schööön! Ich kann mir jede geschilderte Szene fast erschreckend genau vorstellen. Fortsetzung folgt, vermutlich, ist ja auch noch ein bissl hin bis zum Fünfunddreißiger. Nur, Herr Sauer: Ich geb Gas, ich hab Spaß von Nena? Neinein, das war ein junger Herr namens Markus, der das gefistelt hat.

    • franz j. sauer sagt:

      tja, lieber peter, nehme an, da haben Sie wohl recht. obwohl – saß die damals noch junge gör nena nicht hinten drauf auf der vespa, als markus (was wurde eigentlich aus dem?!?) derlei fistelte?

      anyway, fortsetzung folgt bestimmt. nur ob anja wieder mitkommt bleibt vorerst unklar …

      beste grüße,
      fjs.

  • Emma sagt:

    Mich würde wirklich interessieren, was das für Leute sind die so einen Macho-fürze gut finden? Ist ihnen das nicht peinlich Herr Sauer? Boundage, gejagt, richtiger sex und Doktorspiele, klischee über klischee. Überhaupt würde mich die Zielgruppe dieser Seite interessieren. Der Macho von vorgestern, der auf intellektuell macht, um seine Lebendauer künstlich zu verlängern?

    • franz j. sauer sagt:

      liebe emma,

      zunächst: nein. ausserdem: es heisst bondage, nicht boundage. dann: warum lesen Sie hier, wenn Sie gar nicht wollen? und: wenn Sie die zielgruppe hier interessiert, dann leisten Sie doch einen beitrag, veröffentlichen Sie was! das würde die zielgruppe dann auch erreichen …

      herzlichst,
      sauer.

ZiB21 sind: unsere Blogger