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Frater GladiusGladius 13. Die iranische Löwin

Von | 05.07.2009, 12:48 | Ein Kommentar

„Sieh dir diese iranische Löwin an. Ein Basidsch schlägt sie nieder und sie erhebt sich und fordert ihn auf, sie noch einmal nieder zu schlagen.“ Macht knapp 140 Anschläge. Könnte ein Twitter sein. Ist es aber nicht. Es gibt noch andere Wege, Infos aus dem Iran zu schleusen. Dieser Weg hat tausende Jahre Tradition. Einer [...]

Dr. Zahra Rahnavand: Die Frau, vor der sich Ahmadinejad fürchtet

Dr. Zahra Rahnavand: Die Frau, vor der sich Ahmadinejad fürchtet

„Sieh dir diese iranische Löwin an. Ein Basidsch schlägt sie nieder und sie erhebt sich und fordert ihn auf, sie noch einmal nieder zu schlagen.“ Macht knapp 140 Anschläge. Könnte ein Twitter sein. Ist es aber nicht. Es gibt noch andere Wege, Infos aus dem Iran zu schleusen.

Dieser Weg hat tausende Jahre Tradition. Einer erzählt es dem nächsten und dieser dem übernächsten. Und so zieht die Meldung ihre Kreise.
Da hilft es, wenn so wenige Worte wie möglich ein präzises Bild skizzieren. Tatsächlich war dieses Bild bis vor kurzem keine Rarität. Eine Frau im Hijab, im Wortgefecht mit einem Moralpolizisten, der schließlich ausrastet und sie niederknüppelt. Nur schüchtert sie das nicht mehr ein noch registriert sie den Schmerz, im Gegenteil, nach dem Hieb legt sie erst recht los und verlangt eine Wiederholung.
Liebe Lesergemeinde, ich nehme an, die Haltung der Frau ist Ihnen so vertraut wie mir. Ja, wenn dich einer auf die linke Backe schlägt, halt ihm auch die andere hin. Die Stirn dazu hatte der Nazarener schon vor zweitausend Jahren. Und Gandhi verabschiedete damit die englischen Besetzer aus Indien. Es war dies einer der raren Fälle, in welchem neutestamentarisches Gedankengut sich als schärfere Klinge erwies als die Logik der alttestamentarischen Fraktion. Mit „Auge um Auge“, meinte Gandhi, sorgst du nur dafür, dass die ganze Welt erblindet.
Die Revolution im Iran ist voll im Gange. Die Grenzen sind dicht, der Informationsfluss gestoppt, Präsident Mahmoud Ahmadinejad hat Fairness, Menschenwürde und die Regeln der internationalen Diplomatie schubladiert, ab sofort zählen nur noch Muskel und Machterhalt mit allen Mitteln. Seine Revolutionären Garden drohen mit blutiger Unterwerfung jeglicher Rebellion. Die mehrere Millionen Köpfe starke und dem Ayatollah Ali Khamenei hörige Moralpolizei provoziert wie von Sinnen, ein junges verlobtes Paar wurde ermordet, weil es sich die anti-islamische Unsitte leistete, in aller Öffentlichkeit neben einander zu spazieren, ohne verheiratet zu sein. Ahmadinejad´s Kontrahent und potentieller „lila Revolutionär“ Mir Hossein Moussavi wurde zum amerikanischen Spion erklärt und steht vor der Verhaftung.

Aber was heißt Revolutionär. Moussavi ist ein gemäßigter Altvorderer des 30 Jahre alten islamischen Regimes, der die letzten zwanzig Jahre davon als Maler und Vater dreier Kinder privatisierte und sich in seiner politischen Kampagne als lausiger Redner erwies. Moussavi hat weder ein Heer noch das Herz des Volkes, aber seine Gattin heißt Zahra Rahnavard und die hat mit Beginn der politischen Kampagne alle Tradition eine solche sein lassen und ging mit ihm aufs Rednerpult und gab öffentlich Gas wie noch keine iranische Frau zuvor, nannte Präsident Ahmadinejad einen Lügner, Frauenhasser und Betrüger der islamischen Werte und machte sich im übrigen für die Rechte der Frau stark – womit sie im ganzen weiblichen Iran offene Türen einrannte und kein Wunder. 70% der iranischen Studenten sind weiblich, aber 75% der Berufstätigen sind Männer. Vor Gericht hat eine weibliche Stimme exakt so viel Gewicht wie die eines halben Mannes. Und das sind nur ein paar kleine Eckdaten für einen Zustand, bei dem jeder Frau der Mittelfinger nervös werden muss. Die Brandreden der charismatischen Rahnavand weckten denn auch die kollektive Löwin in der Iranerin und die Bilder, die seither von den Gesichtern dieser Frauen zu uns herüber gelangen, sind umwerfend. Da ist nur Kraft und Entschlossenheit und Feuer zu entdecken und sonst nichts. Der Hijab, im Westen gemeinhin als textiles Gefängnis der islamischen Frau erachtet, hat da zweifellos geholfen. Da gibt es nichts, was die Aufmerksamkeit des westlichen Betrachters von den Gesichtern der iranischen Frauen ablenken könnte und in den Gesichtern zeichnet sich stets eine Löwin ab. Ich gestehe errötend, dass ich neuerdings diesen Bildern zu huldigen beginne, so, wie ich seinerzeit als kleiner Junge den Bildern auf Seite 5 der Kronenzeitung huldigte.

Szene aus dem Film „Shirin“ (Regie: Abbas Kiarosta), der ganz im Zeichen des Hijab steht

Szene aus dem Film „Shirin“ (Regie: Abbas Kiarosta), der ganz im Zeichen des Hijab steht

Aber vielleicht liegt das auch an der Haltung, mit der sie das Kopftuch hinnehmen. In anderen Ländern kann es gefährlich sein, eine Hijabträgerin zu fotografieren. Iranerinnen beginnen angesichts einer Kamera zu lächeln. Sagen Iraner. Dann gibt es aber auch noch jenes geflügelte Wort des Literaten Dehkhoda, wonach iranische Frauen die Würze des Lebens seien, nur erweise sich diese Würze für manchen Mann gelegentlich als zu scharf. Was wohl andeuten soll, dass mit ihnen nicht immer gut Kirschen essen ist. Womit ich gedanklich wieder bei Präsident Ahmadinejad einraste.

Spätestens seit dem tödlichen Schuss auf die unglückliche Neda Agha Soltan steht Ahmadinejad in Wahrheit auf verlorenem Posten. Was nützt ein millionenköpfiges Militär, wenn all diese Soldaten auch Mütter und Schwestern haben, deren Herzen für die Rahnavand pochen? Wie kämpft eine bis an die Zähne bewaffnete Armee gegen die Frauen ihres Volkes? Kann da einem kalten, wenn auch sonst weitgehend temperaturlosen Krieger wie Ahmadinejad überhaupt etwas einfallen, abgesehen von der Zuflucht zur Abwandlung eines alten Sagers unseres Nazareners: Wer ohne Mutter ist, der werfe die erste Granate. Mehr geht da nicht. Und sollte er sich doch – wie es iranische Bürgerkriegstradition ist – ein Blutbad leisten, dann hat er erst recht verspielt.
Die Revolution in Iran wird eine der iranischen Löwin sein und was diese im langjährigen Käfig gereizte Kreatur anbelangt, bietet die iranische Geschichte immerhin einen Präzendenzfall. Als Xerxes´Armee im Jahr 480 vor Christus in Griechenland einfiel, stach ihm die Löwenhaftigkeit eines seiner Admiräle besonders ins Auge. Nur war dieser Admiral eine Frau, nämlich die sagenhafte Artemisia von Halicarnassius, was Xerxes zum berühmten Stoßseufzer „meine Männer sind Frauen geworden und meine Frauen wurden Männer“ animierte. Irgendjemand sollte Ahmadinejad an jene Episode der Geschichte seines Volkes erinnern.

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