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Sex für Beginner 01. Leck mich oder lass mich. Das männliche Unbehagen mit dem Vorspiel.

Von | 25.06.2009, 18:21 | Kein Kommentar

Reden wir über Sex. Warum? Weil alles andere im Arsch ist. Im Osten drehen die Fundis durch, im Westen der freie Markt. Im Norden und Süden schmilzt das ewige Eis. Der ganze Planet geht den Bach runter, auf nichts ist Verlass. Bleibt also Sex. Nach einer guten Nummer weißt du immer, wer du bist und was du hast. Nach einer guten Nummer geht es dir gut und die Welt ist ein besserer Ort.

Dices by Erich Reismann

Dices by Reismann

Ja, du kannst dir die Welt schönficken. Theoretisch. Leider hat die Sache einen Haken. Sex ist derzeit seeehr out. Keiner will Zeit dafür haben. Jeder ist busy mit irgendwas. Man sitzt beim Networken vor dem Computer, man hört iPod, man ist multifunktional, man hat immer mehr zu tun als Zeit dafür. Und hätte man Zeit, fehlt außerdem der Bock. Sex ist kompliziert und riskant und über die Nebenwirkungen spricht der Lehrer im Sexualkundeunterricht. Dann ist da noch die Sache mit der Identität, die Welt ist komplexer denn je, das Gehirn ist informationsüberflutet, der Mann war schon mal selbstbewusster drauf als heute, er hält sich bedeckt und zögert gern, erwachsen werden dauert länger denn je und wirds mal pressant, bietet der Einhänder mit Internetporno die bequeme Alternative.
Das hat in Summe gewisse Konsequenzen. Die Erektion, zum Beispiel, ist nicht mehr das, was sie war, informiert der Sexperte und an sich ist das ganz im Sinne der Natur, schließlich ist der Planet hoffnungslos übervölkert. Was soll da der Sex.

Dabei hat er so fabelhaft begonnen. 1961 kam die Pille und plötzlich war die Hölle los. Sex kam im Stil eines Rambo, mit Mittelfinger für die Alten („Ihr seid die Krankheit“) und tadelloser Null-auf-hundert-Gebrauchsanleitung für die Teenager („Ich bin die Therapie“). Zuvor hatten Boys im Wichsalter nur die Unterwäscheseiten des Quelle-Katalogs. Nun lagen sie mit den Girls im Bett. Mangels Aufklärung und Internet und so weiter fehlte jede Information, also wurde der Wissensdurst am Subjekt der Begierde gestillt. Etwaige Hemmungen wurden mit einem Mix aus Drogen und Rockmusik entsorgt. Paradiesische Zustände und leider währt sowas nie lange.

Trotzdem: Sex hält uns fit, er triggert das Jugendhormon, er bringt Glanz in unser Haar, er hält Depressionen fern, er ist ein fabelhafter Weg, mit dem anderen Geschlecht zu kommunizieren. Reden wir also über Sex. Und beginnen wir mit dem Anfang. Mit dem Vorspiel.

Was soll nun so ein Vorspiel? Von der Widmung her ist es eine Art Krücke. Eine Prothese. Sowas wie das Handicap beim Golf, damit zwei ungleich begabte Spieler dennoch mit einander ihren Spaß haben. Mit Ankunft der Pille widerfuhr dem Sex ein Re-branding. Er war nicht mehr länger nur eine eheliche Pflicht zum Zwecke der Fortpflanzung, sondern ab sofort auch ein wesentliches Element unseres Lifestyles, unserer Freizeitkultur. Das Motiv Befruchtung verlor die Hauptrolle, an ihre Stelle trat der Orgasmus, und der ist seither ein unerschöpfliches Thema.
Als Ernest Bornemann, erster „Sexperte“ im deutschsprachigen Raum, Ende der Sechziger Jahre sein „Lexikon der Liebe“ veröffentlichte, gab es unter „V“ – wie Vorspiel – noch nichts Einschlägiges zu lesen. Das mischte sich erst Mitte der 70er Jahre im Zuge der ersten Welle der Frauenbewegung in den Sprachgebrauch, als politisches Mittel zum sexualdemokratischen Zweck. Es sollte beim Sex „gerechter“ zugehen. Gerecht war, wenn die Anzahl seiner und ihrer Höhepunkte einander die Waage halten, denn „zuzusehen, wenn der Mann einen Orgasmus hat und sie nicht, kann eine Frau rasend machen“, meinte damals Shere Hite in ihrem Report. Und weil bei der Antwort zur Frage „Kommt der Mann zu früh oder die Frau zu spät“ schon damals zwischen den Geschlechtern kaum Einigkeit herrschte (auch in den Sixties kamen zwei von drei Frauen beim Genuss des Orgasmus entweder zu kurz oder gar nicht), wurde dem Mann recht eindringlich ans Herz gelegt, der Frau die fragliche Zeitspanne vorab als Vorspiel zu widmen. Eine humane Lösung, eigentlich. Ein Problem war nur, dass Sex vom Wesen her eine animalische Angelegenheit ist.
Das andere Problem ließ sich nicht verhindern. Mit dem Siegeszug des Sex florierte auch der Berufszweig des entsprechenden Lifestyle-Beraters, des Sexperten. Der hatte denn auch jede Menge Tipps, wie so ein Vorspiel sinnvoll zu absolvieren ist. Kurioser Weise waren es zumeist Tipps für den Mann, der ja eigentlich kein Problem mit dem Orgasmus hatte. Hier nur der Klassiker: die weibliche Brustwarze nicht gegen den Uhrzeigersinn streicheln.
Den diesbezüglichen Vogel schoss vor wenigen Jahren der amerikanische Sexologe Ian Kerner ab, der in seinem Buch „She Comes First“ dem Mann vorschrieb, seiner Sexpartnerin einen genau 21-minütigen Cunnilingus zu verpassen, wodurch sich seinen Berechnungen nach ihre „Orgasmusquote“ auf 93% erhöhe. Die zitierte Quote blieb ein Versprechen und diente als simples Vermarktungs-Tool, mehr war da nicht. Wenn es um die Vermarktung ihrer Elaborate geht, sind Sexperten halt ziemlich beschränkt. Im Wesentlichen stehen ihnen zwei Wege offen: Frauen wollen einen Orgasmus, Männer wollen eine Erektion. That´s it.

An Stelle von sexuellen Akten flossen also „vernünftige“ Gebrauchsanleitungen in das Vorspiel, das nun als Serie von Gefälligkeiten und Diensten, die der Mann seinem Sexpartner leistet, Gestalt annahm, und deswegen nennt man das Vorspiel bis heute auch „das Wartezimmer des Sex“. Dass in so einem Ambiente nicht nur die Frau dem Orgasmus nicht näher kommt, sondern auch der Mann Gefahr läuft, den sexuellen Faden zu verlieren, versteht sich von selbst. In dieser Kolumne soll es nun vor allem darum gehen, das Vorspiel von seinem „Wohlfahrtscharakter“ zu befreien und durch sexuelle Haltung zu ersetzen.

Morgen: Vorspiel Teil 2: Sexuelle Haltung & Cunnilingus

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