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Here comes the black hole sun again. Eine Replik (Wort zum Sonntag, 21. Juni 2009)

Von | 25.06.2009, 10:33 | 3 Kommentare

Einfach widerlich, Frater, entsetzlich erhellend und aufklärerisch und schrecklich banal. Eine sonnendurchflutete, mythengeschwängerte Monsterpredigt haben sie da auf uns abgeladen, ein kaum noch klerikal zu nennendes Traktat, in dem für einen armen Teufel wie mich nur zweimal dunkelrot die Hoffnung durchschimmert: In diesem hübschen Exkurs über König Ra und seinen unbekümmerten Umgang mit der Unterwelt […]

Devil Dirt by Tim Möller-Kaya

Devil Dirt by Tim Möller-Kaya

Einfach widerlich, Frater, entsetzlich erhellend und aufklärerisch und schrecklich banal. Eine sonnendurchflutete, mythengeschwängerte Monsterpredigt haben sie da auf uns abgeladen, ein kaum noch klerikal zu nennendes Traktat, in dem für einen armen Teufel wie mich nur zweimal dunkelrot die Hoffnung durchschimmert: In diesem hübschen Exkurs über König Ra und seinen unbekümmerten Umgang mit der Unterwelt (er hat es wenigstens versucht, das muss man ihm lassen); und in der Erwähnung eines gewissen Phaeton, der einen Karren an die himmlische Wand fährt wie kürzlich die Fleisch gewordene Gottheit eines alpenländischen Zwergstaates ein namensgleiches, hochtechnisches Gefährt gegen eine Straßenbegrenzung.
Worauf der Halbgott hops ging, wie wir alle wissen.
Der Verlust wiegt schwer, jammerte mein Chef am diesem unseligen Morgen des 11. Oktober 2008 ihrer Zeitrechnung. Ich weiß, schluckte er mit belegter Stimme, der Mann hatte keine Ahnung von der Komplexität seiner Mission, seiner Rolle im Großen Ganzen. Doch wer soll ihn ersetzen? War er nicht wahrhaftig eine Führernatur, wie geschaffen für den Einsatz in einer vielversprechend faschistoiden Angstbeißerkultur? Und siehst du bitteschön auch nur einen Adjutanten in seinem Gefolge, der an seine Stelle treten könnte?
Mein Chef ist etwas simpel gestrickt – habe ich das schon erwähnt? Ich riet ihm dringend abzuwarten. Götter stehen ja in dem Ruf, unsterblich zu sein. Manchmal wird auf tragische Weise aus einem Halbgott eine göttliche Supernova. Oder aus einem Heiligen ein Märtyrer, wenn Ihnen diese Wortwahl lieber ist.
Ich sollte wie immer Recht behalten…

Nun, besagter H., also das gottgleich verehrte Oberhaupt der Inselzwerge eines unbedeutenden Kleinstaates, war ein überraschend gut geglücktes Experiment. Er einte seine kleinwüchsigen Getreuen, formte sie zu modernen Blut- und Bodentrollen, auf dass sie nie wieder über den Gartenzaun schauen müssten, und das taten sie dann auch nicht mehr. Oder vielmehr selten, denn ein prüfender Blick auf die befremdliche Welt da draußen, auf all das Zigeunerhafte und Eingewanderte, diese Ansammlung von linksdrehenden Korruptionssümpfen und pseudoparitätischem Filz und Migrationsphänomenen, dieser Blick auf das Andersartige, das die heile Welt des kleinen Volkes erschüttern könnte, muss selbstverständlich bis in alle Ewigkeit geschärft werden.
Einmal, auf einem Bildungsurlaub im Zwergstaat des Abgesandten H., erlebte ich einen dieser Momente bündnistreuer Ekstase und diabolischer Freude an der Ausgrenzung des Fremden und Bedrohlichen aus nächster Nähe. Ein Horde volltrunkener Angstbeißertrolle lauschte der Rede ihres zwergenhaften Wortführers und lallte hin und wieder unverständliches Zeug. Biergeschwängerte Atmosphäre, nationale Tracht, blutunterlaufene Augen, die schenkelklopfende Kumpanei der dörflichen Gemeinschaft und das matte Glänzen der Orden packten mich mit voller Wucht …
Ein ergreifender Anblick.
In diesen seltenen Momenten überkommt sogar einen abgebrühten Erdteufel wie mich der Anflug von Rührung. Rührung, wie ich sie sonst nur bei religiösen Eiferern, wild entschlossenen Tyrannen oder altlinken Wirtshausphilosophen verspüre. Oh ja, die großen Gefühle wärmen mich immer aufs Neue, wenn ich durch den Schlamm des unbedeutenden irdischen Tatdendranges wate. Und richtet sich mein Blick gegen Osten, auf das persische Reich dieser Tage, überkommt mich sofort ein ganzer Schwall elektrisierender Regungen, die mir das Warten auf den Untergang der menschlichen Rasse versüßen. Hier pocht der hohle Pulsschlag selbstzerstörerischer Panik auf höchster Frequenz, das Zusammenrücken machtbesessener Regenten und erzkonservativer Religionsführer, eine explosive Mischung aus Unterdrückung und Widerstand. Der Nährboden jenes Hasses, den meinesgleichen als Krone der Schöpfung ansieht.

Wir setzen große Hoffnung in Mahmud Ahmadinedschad und unser ganzes Vertrauen in Seyyed Ali Chamenei, der die Fäden gerne blutrot zieht, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. Was haben wir gelacht, als Mahmud allen Ernstes die Geschichte vom Verborgenen Imam im Fernsehen breitwälzte. Der verschollene zwölfte Heilsbringer, ein Himmelsbote für eine schönere und gerechtere Welt? Der Garant für eine strahlende Zukunft? Oh ja, nur her mit ihm, Allah wird es sicher gefallen, so wie sich der Allmächtige vermutlich auch an brandneuen Holocaust-Thesen und unverblümtem Wahlbetrug delektiert. Und welch feinsinnige Einrichtung ist doch dieser Wächterrat, der zwischen Unregelmäßigkeiten, Betrug und Regelverstößen zu unterscheiden vermag, um schließlich der staundenden Welt da draußen mit atemberaubener Zielsicherheit ersteres als Tatbestand zu präsentieren.
Doch halten wir fest: Mahmud ist mächtig, sein raketenbewehrter Arm reicht weit, bis ihm ein etwas geschickterer Trickbetrüger die Bedienungsanleitung für dieses wunderbare System aus High-Tech und religiösem Wahn entreißt. Der Abgesandte H. hingegen, König der zentraleuropäischen Angstbeißerzwerge, war ein Fels in der Brandung des abendländischen Wohlstandsgezänks, provinziell ausgerichtet, weltmännisch im Auftreten. Eine ganz und gar erstaunliche Kreatur aus dem Vorhof der Hölle, deren Strahlkraft auch einen Drecksack wie mich noch posthum zu blenden vermag.
Keine Schwachstelle wie der kleinkarierte Unterhändler KHG, der sich am Höhepunkt der globalen Geldvernichtung beleidigt aus dem Staub machte und heute nicht einmal in Dreigroschenpostillen eine interessante Story hergibt; und keine Sollbruchstelle wie der Grinser, den wir tief unten in unseren Glutnestern Plastic Fantastic Faymann nennen. Und dann kichern wir wie dreckige kleine Klosterschülerinnen und bekreuzigen uns bei einem Gebet zu Ehren von JCS, Jesus Christ Strache (so der Ausruf eines übermütigen Kollegen, als er das Kruzifix in den Händen des einfältigsten aller Höllenboten erblickte).

Sie sehen, Frater, ich könnte stundenlang über politische Zauberkunststücke und den ganzen blutroten Slapstick und die niedlichen Verfehlungen der Oberwelt herziehen, nur weil Sie das Wort zum Sonntag mit dem Wort „Phaeton“ schmücken.
Ich könnte auch sagen: Ein Wort gibt das andere. Doch genug ist genug, es gibt wahrlich Besseres zu tun.
Ich geh’ jetzt ein paar Köpfe rollen – aber ich verrate natürlich nicht, wo. Sie und Ihresgleichen erfahren es früh genug aus den Nachrichten.

Ergebenst
Ihr Devil Dirt

3 Kommentare »

  • Devil Dirt sagt:

    Verehrte Lady Saxo,

    Ihr Lob für meine Schriften trifft mich wie der Lichtstrahl aus dem wolkenverhangenen Himmel, also unerwartet und gleißend wie der Schwerthieb eines zornigen Gottes. Auf ein dunkles Geschöpf wie mich haben Worte wie die Ihren naturgemäß eine niederschmetternde Wirkung, auch wenn Sie das womöglich nicht beabsichtigt haben sollten. Sie müssen wissen, ich bin Ermunterung und Lobpreisung nicht gewohnt, bin diesen Bezeugungen hilflos ausgeliefert und fühle mich denkbar unwohl, wenn man mir mit Begeisterung kommt. Tröstlich stimmt mich allerdings Ihre Ankündigung „die bestrafung wird dem niederwicht gefallen“. Gerne öffne ich Ihnen die Tür, falls Sie mich boshaft gestimmt heimsuchen wollen. Nach einem kurzen fleischlichen und dezent schwefeligen Intermezzo werden wir dann sehen, ob sie sich als Verbündete im Geiste würdig erweisen.
    Zögern Sie also nicht Gnädigste, lassen Sie sich fallen und sinken Sie ein in die Welt des namenlosen Grauens, in der ich Ihnen gern ein guter Freund bin.

    Erwartungsvoll
    Ihr Devil Dirt

    • saxolady sagt:

      ha er ahnungsloser
      hüt er sich vor glück, es handelt sich mit sicherheit um eine bosheit der götter….

      wie mein neferneferneferherz sich freut, die lächerliche erscheinung zu vernichten in süssestem lächeln…

      freu er sich nur
      die freude wird mein größtes vergnügen

  • saxolady sagt:

    welch feine schmutzfinkenklinge!
    soviel schadenfreude und bosheit, ich bin
    ich bin
    nun
    ich bin begeistert, was solls.

    die kraft die stets das böse will…
    die bestrafung wird dem niederwicht gefallen1
    ich harre meiner bosheit und amüsier mich köstlich!
    nahezu königlich
    saxo

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