Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Netzzeit » Revolution 2.0: Was vom Iran bleiben könnte
Share

Revolution 2.0: Was vom Iran bleiben könnte

Von | 23.06.2009, 0:12 | 7 Kommentare

Kann sich die Opposition im Iran auf den Füßen halten? Sind Revolutionen ab jetzt immer global? Und wie soll man am besten darüber berichten? Lauter gute Fragen eigentlich. Nur wie lauten die Antworten?

Foto: Hamed Saberi/flickr

Nun haben also die Facebook-Freunde in den vergangenen Tagen ihre Profilfotos grün eingefärbt. Nun habe ich also schnell ein kleines Symbol meiner geistigen Unterstützung ins Logo von ZiB21 hinein geflickt. Nun habe ich auch den heutigen Abend damit verbracht, die die Diskussion meines werten Mitherausgebers hier auf ZiB21 zu verstehen, die er auf Facebook mit einem Leser unserer Seiten führte (Ich kann sie hier nicht wiedergeben, weil sie auch im Sinne des Social Web noch immer privat ist. Nur so viel: Sie begann mit dem Iran und landete über Nordkorea bei der Frage wie passé denn „cool“ sei). Nun bin ich noch immer nicht klüger.

Und darum verwende ich die Gedanken eben am besten dazu, ein wenig Ordnung herzustellen. Für mich, nicht für den Iran. Der wird mir wohl in Wahrheit immer zu kompliziert bleiben, aber egal … Wie von Michel Reimon schon vorgedacht, tauchen irgendwann nach der großen Euphorie, weil möglicherweise gerade etwas Großes passiert, die ersten Frage und die ersten Versuche von Analysen auf. Im Zusammenhang mit dem Iran sind das drei.

/ 1 /

Die Ereignisse im Iran sind uns Digital Natives näher als vergleichbare Vorgänge bisher. Sie reichen zwar noch nicht für Bilder, die ganze Generationen prägen wie 9-11, aber wer sich darauf einlässt, bekommt sie so vielschichtig vermittelt, dass er sich als Teil davon fühlt. Das hat wohl damit zu tun, dass die Medien, über die wir den Iran wahrnehmen, Teil unserer Alltagskommunikation sind. Dort, wo gestern noch von einer Dame mit Profilfoto in ästhetisch einwandfreiem Schwarzweiß der richtige Nagellack verhandelt wurde, postet heute dieselbe Dame in solidarischen Grün einen Link zu einem Youtube-Video oder auf eine Website wie diese.
So entsteht Nähe. Und so kriegt auch die Prognose einen Sinn, die ein Kollege, der hier übrigens viel zu wenig bloggt, schon vor ein ein paar Monaten wagte. Die Einzeiler auf twitter und Facebook, sagte er, werden uns eine völlig neue Form des Erzählens bescheren. Wie sie genau aussehen sollte, wusste er damals noch nicht zu beschreiben. Doch jetzt, wo viele gleichzeitig über ein Ereignis nachdenken, es niederschreiben und es verlinken, ist sie plötzlich da, seine neue Erzählform. Sie fühlt sich frisch und aufregend an. Sie berührt einen mehr als der übliche Blödsinn zum Thema, die Liveschaltungen in den Fernsehnachrichten oder die knöchernen Analysen in der Zeitung.
Andrew Sullivan, ein Blogger-Urgestein, spürt das ähnlich. Er schreibt:

[…] it was impossible not to feel connected to the people on the streets, especially the younger generation, with their blogs and tweets and Facebook messages – all instantly familiar to westerners in a way that would have been unthinkable a decade or so ago. This new medium ripped the veil off „the other“ and we began to see them as ourselves.

Oder Clay Shirky in einem Interview:

I’m always a little reticent to draw lessons from s still unfolding, but it seems pretty clear that … this is it. The big one. This is the first revolution that has been catapulted onto a global stage and transformed by social media. I’ve been thinking a lot about the Chicago demonstrations of 1968 where they chanted „the whole world is watching.“ Really, that wasn’t true then. But this time it’s true … and people throughout the world are not only listening but responding. They’re engaging with individual participants, they’re passing on their messages to their friends, and they’re even providing detailed instructions to enable web proxies allowing Internet access that the authorities can’t immediately censor. That kind of participation is really extraordinary.

/ 2 /

Die Ereignisse im Iran legen die Ansicht nahe, dass sich Proteste und Revolten wegen neuer Medien wie twitter (und der Kooperation und Hilfe vieler Sympathisanten) von keinem Regime der Welt mehr totschweigen lassen. Das setzt natürlich voraus, dass eine technologische Basis für diese Art der Kommunikation vorhanden ist. Womit wir wieder beim ganz oben schon erwähnten Nordkorea wären: Wer keinen Zugang zum Internet hat und keine Fotohandy besitzt, kann sich seine flickr-Fotostreams natürlich sonstwohin stecken. Er wird nicht gesehen werden, seine Schreie werden nicht gehört, er hat verloren.
Abgesehen davon kann ich nicht einschätzen, welche Tricks die von Nokia Siemens Networks an den Iran gelieferte Überwachungsausrüstung draufhat – und damit ist es wohl schwierig zu beurteilen, ob sich nicht auch doch die Leitungen des Social Web kappen lassen. Oder anderes gedacht: Warum sollte, was in China geht, nicht auch im Iran klappen?
Trotzdem haben die vergangenen Tage eine großen Vorteil für die Reformbewegung: Es wurden so viele Bilder und Eindrücke geschaffen, die sich – übers Web verteilt – nicht mehr löschen lassen. Irgendjemand wird sie eben doch noch auf seiner Festplatte stehen haben.

/ 3 /

Die Ereignisse im Iran haben den traditionellen Journalismus an seine Grenzen geführt. Und weil er sich nicht traute, sie zu überschreiten, waren am Schluss die ungefilterten News-Schnippsel in Blogs, auf twitter und sonstwo die Gewinner. Wird er (also der traditionelle Journalismus) etwas daraus lernen?
Hier handelt es sich um eine reine Glaubensfrage. Und ich glaube nicht, dass er daraus lernen wird. Er kann sich schon aus seiner Struktur heraus nicht ändern, weil sie Behäbigkeit einfordert. Er beansprucht Recherche als seine Kernkompetenz, die ihm niemand streitig machen könne. Und dabei wird geflissentlich verschwiegen, dass der Großteil der Journalisten in den vergangen Jahren dort, wo es möglich war (also zumeist in Print), wenig anderes tat, als Online-Textschnippsel zu Collagen zu ordnen und diese dann den Konsumenten als besseren, recherchierteren Journalismus zu verkaufen.
Diese Fassade, mit der eine Branche in den vergangenen Jahren noch immer viel Geld verdiente, beginnt nun zu bröckeln, weil es andere oft besser machen. Man muss kein Technikgläubiger sein, um mit einem passionierten Live-Blog wie dem auf Huffingtonpost.com besser bedient zu werden, als mit dem von dort abgeschriebenen Zeug, das sich für wahren Journalismus hält.
Dass ich damit sicher vielen Menschen Unrecht tue, beweist nicht zuletzt dieser Artikel von Julie Posetti auf Mediashift, in dem sich ausführlich darüber nachdenkt, was Journalisten aus den vergangenen Tagen lernen können: Rules Of Engagement For Journalists On Twitter.

7 Kommentare »

  • mare sagt:

    was bleiben könnte….
    was alles in bewegung ist, ist rEvolution und eure diskussion – stärkt alle hoffnung;-)
    mare

  • Manfred Sax sagt:

    ad:
    Nun habe ich auch den heutigen Abend damit verbracht, die Diskussion meines werten Mitherausgebers hier auf ZiB21 zu verstehen, die er auf Facebook mit einem Leser unserer Seiten führte (Ich kann sie hier nicht wiedergeben …

    Ebe,
    Z´wegen meiner kannst du sie gern wiedergeben. Meiner meinung nach ist das Private befriedigt, wenn die Zitate anonym bleiben.

    Die diskussion mit dem facebookfreund begann mit seiner (one-on-one)-aufforderung, doch endlich auch mein foto grün zu färben.

    So ein druck zum mitläufertum war mir immer schon zwider, und dann kommt auch noch dazu, dass mir das ganze einfach zu lächerlich und bequem und selbstgefällig ist. Außerdem ist es arroganz, immer gleich vorweg anzunehmen, dass westliche demokratie die bestmögliche staatsform sei. Wollen wir nicht vergessen, dass die Perser als Kultur einige tausend jahre mehr geschichte im kasten haben als wir. Und den Youtube-videos nach zu schließen, haben ihnen die 30 vom klerikalismus getragenen jahre in keiner weise geschadet. Insbesondere die frauen, die in interviews zu wort kamen, sind mächtig imposant drauf. Vergleichen wir doch mal dagegen die girls der freien welt, die unsere Schlagzeilen dominieren – Hilton und Jolie und Madonna und Co. gelangweilte, wenn auch putzig dekorierte christbäume, die halt wirklich nix zu sagen haben und wenn, dann verraten sie es uns nicht.

    Also gab ich meinem facebook-freund zu verstehen, dass ich dieser tage um jedes politische modell dankbar bin, das NICHT eine demokratie nach westlichem muster ist. Die erscheint mir zusehends als eine diktatur des durchschnitts und leider ist es auch so, dass ich noch selten die meinung der mehrheit teilen konnte, ganz zu schweigen davon, dass wir uns bei wahlen seit jahrzehnten nur zwischen den kandidaten Gehupft und Gesprungen entscheiden können. Was ist denn das für eine demokratische Freiheit? Bin es nur ich, der sich da gefrotzelt fühlt?

    In diesem zusammenhang meinte ich also zum facebook-freund, dass mir nordkorea cool erscheint und dagegen fand er zwei argumente, nämlich erstens verhungernde kinder und zweitens, dass das wort „cool“ passé ist und als argument ist das halt recht dürftig, normaler weise kommen die verhungernden kinder in einer debatte erst dann zum zug, wenn einem sonst nix mehr einfällt.
    Und so verlief der austausch alsogleich im sand und nicht einmal bei der unterschiedlichen bewertung von ums leben gekommenen kindern komme ich weiter:
    Verhungernde kinder machen nordkorea indiskutabel. Wenn aber amerikanische und britische soldaten im irak einfallen und hunderte kinder killen und verkrüppeln, soll das okay sein? Ich meine, okay genug, um den amis nach wie vor auf die schultern zu klopfen, sind ja eh obama? Ist kinderkillen (mordmotiv: öl) akzeptabler als kinder verhungern lassen?
    Dein sax.

  • anh sagt:

    Du hast so recht, mein lieber Ebe, der Absatz zum heuchelnden Journalismus ist so wahr. Es muss sich etwas ändern. Allerdings ist die logische Folge daraus nicht der Twitter-Journalismus, der natürlich keiner ist. Schließlich verzichtet er nahezu völlig auf fundierte Recherche, im Gegenteil: Er bedient sich nur der Meinung als bildendes Element. Damit ersetzt er Print-Kommentare, ja. Aber was ersetzt uns künftig die objektive recherchierte und dokumentierte Hintergrund-Geschichte?

    Oder wollen wir einfach ganz darauf verzichten? Fehlt dann nicht eine gesellschaftlich entscheidende, meinungsbildende und damit ausgleichende Kraft?

  • sakristan biringer sagt:

    so entsteht also nähe. man empfindet sich also als teil des ganzen. und überlegt sich – wie michael niavarani im kurier – hinzufahren.

    hab heut irgendwo im netz jenen film gesehen, auf dem neda live stirbt (wenns wahr ist, das filmchen mein ich). da bekam ich – ANGST. sonst nix. was bin ich nun in den augen der social networker? ein feigling? ein voyeur? oder bloß einer, der nix versteht?

    und was ist nun mit jenem einfachen facebook-freund, dessen bild nicht grün gefärbt ist und der vor zweieinhalb minuten postete, dass er jetzt schlafen ginge? ist er ein ignorant? ein dümmling, der nix versteht von globalen zusammenhängen und großem, das geschieht? oder ist er gar ein unsolidarisches arschloch, das sofort aus der freundesliste gelöscht gehört?

    langsam krieg ich ein bisschen unbehagen beim social networking …

    • Angst entsteht in diesem Fall wohl durch die Nähe. Und die wiederum kommt von unserem angeborenen Voyeurismus. Ich zum Beispiel bin bekennender Feigling. Ich denke, das hält einen länger am Leben.

    • Manfred Sax sagt:

      ad: was ist nun mit jenem einfachen facebook-freund, dessen bild nicht grün gefärbt ist und der vor zweieinhalb minuten postete, dass er jetzt schlafen ginge? ist er ein ignorant?
      Herr Biringer, Sie sollten sich um den FB-freund keine sorgen machen. Das FB ist im Kern als kammode Art, die Zeit tot zu schlagen, groß geworden und jetzt ist halt wer drauf gekommen, seine Visage grün zu färben und sich als online-guevara zu fühlen, ohne deswegen aus seiner komfortzone treten zu müssen, ja, er muss nicht mal seinen Arsch vom Bürosessel erheben. Tatsächlich ist es für die Entwicklung im Iran vollkommen egal, wie grün die Gesichter hier sind. Im Iran haben die Machthaber bereits groß verspielt. Sie haben die Löwin im Käfig – die iranische Frau – gereizt und geprügelt und gekillt (Neda) und das wird sie ihnen heimzahlen. Die Revolution im Iran wird die Geschichte der iranischen Löwin sein und was im Facebook passiert, ist scheissegal. Ihr Sax

      • sakristan biringer sagt:

        lieber sax, Sie tauschen in meinem fall angst durch hoffnung aus. und dem herrn lauth seiner feiglings-fraktion schließe ich mich hiermit an.

ZiB21 sind: unsere Blogger