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Die Eintagsfliege Gottes

Von | 21.06.2011, 10:00 | 3 Kommentare

Heute ist der längste Tag und weltweit wird die Sonne angebetet. Nur in der Kirche nicht. Dort hatte man von Anfang an Probleme mit ihr.

Morgensonne by Bruno Monginoux, Lizenz: CC BY-NC-ND 2.0

Wenn die Wahrheit in der Bibel steht, dann ist die Realität der Sonne ein Hund. Schon in den Büchern Mose fristete der strahlendste aller Himmelskörper ein runtergewürdigtes Dasein. Dort ist die Sonne eine Eintagsfliege, die nur am vierten Tag der Schöpfung in die Schlagzeilen gerät, da machte Gott jenes „große Licht, das den Tag regiert“ und „setzte sie an die Feste des Himmels“. Das war auch schon alles, was es über die Sonne zu sagen gibt, so als hätte der Autor Angst gehabt, der Allmächtige könnte sauer sein, wenn von seinem Glanze zuviel auf die Sonne abfällt.

Tatsächlich war die Wahrscheinlichkeit, dass den alten Moses in Sachen Sonne ein Vorurteil plagte, außerordentlich hoch. Letztlich hatte er sein Volk gerade aus der Sklaverei in Ägypten geführt, hinein in eine lang verhießene, vom hauseigenen Gott nun endlich arrangierte Freiheit.  Was in Ägypten Rang genoss, hatte unter Juden ab sofort keinen Namen mehr. Das galt auch für den ehrenwerten Ra, den Gott der Sonne, dessen Lifestyle im übrigen dem der Eintagsfliege verblüffend ähnelte, aber davon später.

Zunächst zur Essenz. Das Schöne am Leben ist, dass sich seine Essenz nicht auf Dauer ignorieren lässt, zumal diese Essenz allmorgendlich wie ein taufrischer Lover die Dunkelheit davor für nichtig erklärt, um schließlich abends per Farbenorgie ein Vergissmeinnicht der dritten Art zu hinterlassen. Die Sonne ist so penetrant essentiell, dass sich ihr kein Kulturkreis der Menschheitsgeschichte verschließen konnte.

Bekanntlich hat die Sonne – jener 1496000000 Kilometer entfernte Feuerball im Zentrum unseres Sonnensystems; jenes famose Energiebündel, das via Fotosynthese praktisch alles Leben auf Erden erhält – ziemlich genau heute Halbzeit. Geschätzte 4komma5 Milliarden Jahre hat sie auf der Verbrennungsanlage, und noch einmal so viele Jahre soll sie uns leuchten, ehe sie sich langsam verkühlt und dann wie ein weißer Zwerg ins Nichts abtaucht, wie die Wissenschaft meint. Zieht man dann noch in Betracht, dass sie jede Sekunde dieser neun Milliarden Jahre knapp vier Millionen Tonnen Masse in Energie verwandelt, wird uns schnell bewusst, dass es – erstens – Zahlen gibt, die uns nicht wirklich etwas vermitteln und wir – zweitens – mit unseren 76kommaetlichen Lebensjahren im universalen Kontext so nichtig dastehen, wie der Mensch eben ist. Und das ist das Dilemma mit der Wissenschaft: Je mehr du weißt, umso depressiver kann dich das machen.

Weit erfrischender daher, angesichts eines Sonnenaufgangs lieber einen im Kampfwagen empor preschenden James Dean von Sonnengott an Stelle eines Fixsterns aus drei Vierteln Hydrogen und einem Viertel Helium zu fantasieren. So gingen die alten Römer mit der ärgerlichen Kluft zwischen ihrer Macht und der Allmacht um: Es gab noch immer Kräfte außerhalb ihrer Kontrolle. Im Meer steckten Gefahren, Vulkane spien Feuer, der Himmel schickte Gewitter, und die Sonne ging auf und unter, ohne den Caesar zu fragen, ob ihm das auch recht sei. Diese Kräfte, die sich um den Willen der irdischen Machthaber nicht scherten, konnten nur göttlichen Ursprungs sein. Und wen man nicht bezwingen kann, mit dem muss man sich arrangieren. Man muss huldigen und schmeicheln, am besten mit den schönsten Gesten, die dem menschlichen Geist zu entlocken sind. Und das war nun die Aufgabe der Kultur.

Die Erzähler der griechisch-römischen Mythologie entfachten denn auch ein poetischen Feuerwerk, das der Sonne formidablen Respekt erwies und die Lust am Leben nährte. In der griechischen Schöpfungsgeschichte entsteht die Sonne nicht nach einem Arbeitstag, sondern im Zug einer Orgie. Da machen Uranos (der Himmel) und seine Mutter Gaia (die Erde) Liebe, und ein Kind dieser Liebe ist Hyperion (der Sonnengott), welcher es ungeniert mit seiner Schwester Theia treibt, woraus nicht nur der fesche, alsogleich im Kampfwagen über den Himmel reitende Helios (die Sonne) entsteht, sondern auch seine Schwestern Selene (der Mond) und Eos (die Göttin der Morgenröte). Helios ist dritte Göttergeneration, wie unter anderem auch Zeus, der spätere Boss im Olymp. Nett in diesem Zusammenhang, dass die Sonne auch in der modernen Wissenschaft als Stern der dritten Generation gehandelt wird.

Das besonders Nette an den Göttern made in Hellas aber war, dass sie so menschlich wirkten. Phaeton etwa, mit dem der Politiker Jörg Haider vor kurzem ins Jenseits brauste, war immer schon so drauf. Er war der Sohn des Helios und ein begnadeter Angeber, der sich unter Freunden damit brüstete, der Sohn des Sonnengottes zu sein. Die Freunde glaubten ihm nicht, also borgte Phaeton den Kampfwagen aus und verlor dann bei der Raserei über den Himmel die Kontrolle über das Gefährt. Mal geriet er zu hoch und die Erde in eine Eiszeit. Dann driftete er zu tief, die Vegetation verdorrte, Afrika wurde zur Wüste, die Haut des Äthiopiers wurde schwarz, und die Erde kam dem Bild, das wir heute von ihr haben, ein kleines Stück näher.

Das Stilbewusstsein von Poeten wie Homer wollte es, dass ihre Götter und Helden nie ohne verbale Beilage in die Papyrusrolle gerieten. Der Superhero Achilles war nie nur Achilles, er war immer Achilles, der Schnellfüßige. Und Helios war Helios Panoptes, also der „alles Sehende“. Bei den Orgien, die am Olymp im Menu standen, wurde sein Auge nicht satt. Er sah zum Beispiel den militanten Ares auf der übersexten Aphrodite, die eigentlich mit dessen Bruder, dem Handwerkergott Hephaistos ging. Ja, es ist erstaunlich, wie die Sonne sich entfalten kann, wenn man Poeten wie Homer an Stelle von Hirten wie Moses auf sie ansetzt.

Noch besser ging es der Sonne in Ägypten. Ihr Gott Ra hatte alles. Am Kopf trug er die Sonnenscheibe, die, das war den Ägyptern klar, allem Sein Leben, Wärme und Wachstum gibt. Und wie die Eintagsfliege lebte er nur einen Tag, das aber jeden Tag. Zu Sonnenaufgang war er ein Baby, zu Mittag ein Mann, bei Sonnenuntergang ein Greis. Der Größte war Ra aber, weil er nicht nur Himmel und Erde kommandierte, sondern auch die Unterwelt. Wie sah es da unten aus, was trieb die Sonne bei Nacht, das waren Fragen, die jeden interessierten, und Ra brachte da Licht ins Dunkel. Nun, da unten tobten vor allem schwarze, wenn auch blutjunge Fluten. Der Sonnengreis stieg daher abends in Begleitung mehrerer göttlicher Helfer ins Sonnenboot – der wegkundige Ma’at war Steuermann, die wehrhaften Set und Mehen verteidigten ihn gegen die Unterweltsschlange Apep – und haargenau eine Nacht später rollte ihn Khepri, der Skarabäus-Käfer, wieder als trockenes Baby über den Horizont im Osten. Allerhand.

Ra war Leben, Altern und strikte Erneuerung in Personalunion. Ra war The One. Aber er war nicht der Einzige, im Gegenteil. Mit Dauer der römischen Herrschaft über den gesamten mediterranen Raum und Ausbau der Verkehrswege gerieten so viele sonnengöttliche Verwandte in den Himmel über dem großen Meer, dass die eigens für Ra errichtete Sonnenstadt Heliopolis nun wie ein Gebot der Vernunft dastand. Der Sonnengott boomte.
Inzwischen, in Rom, machte ein anderer Gott Furore. Er hieß Ovid und – okay – er war nur ein Mensch, aber welch ein Schreiber!
Ovids Götter kamen wie griechische Immigranten mit römischen Reisepässen daher, was sie zum Teil auch waren. Zeus war noch immer für ein Unwetter gut, nur hieß er jetzt Jupiter. Dem Rest der Elite ging es ähnlich. Und auf trat ein zweikäsehoher Knirps mit Pfeil, Bogen und schäbigem Grinsen und machte die Götter lächerlich. Ovids süße Idee war, dass der Mensch keine Götter braucht. Alles was er braucht ist Liebe, und das kann kein Gott verstehen.
Ovids Sonnengott pochte seinerseits auf die notwendige Distanz vom Menschen. Unter anderem aus gesundheitlichen Gründen, weil nun eben seine allseits geschätzte Qualität der Wärme in Hitze ausarten kann. Ein junger Mann namens Ikarus, der mit einem Flügelsatz aus Wachs und Federn zur Sonne aufbrach, bezahlte dafür zwar mit dem Leben, ist uns aber heute noch als eine Art Sonnencreme-Heiliger zum Schutze der Haut vertraut. Und im Prinzip schlummerten in der Idee von der Sonne und den Flügeln ja neue Welten. Wenn der Mensch sich zur Sonne bezieht, anstatt sie anzubeten, dann kann sie seine Fantasie beflügeln.

Eines ist allen klar: Der Unterschied zwischen Dasein und Wegsein der Sonne ist wie Tag und Nacht. Dann aber ist jeder Bezug möglich, zeitlich wie räumlich. Die Zeit geriet in den menschlichen Griff, als ein findiger Geist den täglichen Weg der Sonne in Abschnitte teilte. Das ging zehn mal, dann war die Sonne unter dem Horizont im Westen. Für die Benennung der zehn Abschnitte hielten Gespielinnen des Sonnengottes her, die Horae des Tageslichts. Im Lauf der Zeit fanden die fünf Buchstaben neue sprachliche Heimaten, etwa „Hours“, die Stunden, aber auch „Huren“, die Stundenmädchen.
Inzwischen, in der nichtrömischen Welt, reckten sich seit Jahrhunderten einige verblüffend präzise geordnete Steinanlagen in den Himmel, deren Bauherren nichts von einander wussten. Die Pyramide von El Castillo war so gebaut, dass im Spiel des Lichts die Schatten wie Schlangen die Steine hoch kletterten – und zwar genau zur Equinox im Frühling und Herbst, wenn also Tag und Nacht gleich lang sind. Und im englischen Stonehenge – wo heute morgen knapp 30 000 Menschen den Sonnenaufgang feierten – stehen ein paar Megalithen im Kreis, aber haargenau so geordnet, dass der erste Sonnenstrahl des längsten Tages genau auf den so genannten „Heelstone“ trifft. Ja, die Erde wurde zur Sonne seit langem in Beziehung gesetzt, und es sah so aus, als würde die Sonne übers Jahr elliptisch genau über die Erde rotieren, rauf in den Norden und wieder retour. In den hoch entwickelten Astronomieschulen der Ostländer von Babylon bis Indien ließ aber die Kombination der Ellipsen einer Vielzahl von Gestirnen neben Erde und Sonne schon 900 Jahre vor Christus nur den Gedankenblitz zu, dass die Erde sich um die Sonne dreht.

All diese Findungen über die Sonne gelangten vermehrt nach Rom, und sie kamen zum Sonnengott wie Benzin über das Feuer. Boom! Nie war der Sonnengott so mächtig wie unter Kaiser Aurelian im dritten Jahrhundert AD. Der Gott erhielt den Ehrentitel Deus Sol Invictus (Der Unbesiegte Sonnengott), und als sein Geburtstag (Dies Natalis Solis Invicti) wurde der 25. Dezember ausgerufen, der galt als der Tag, mit dem die Tage wieder länger, die Nächte kürzer werden, und der ist bis heute einer der großen Festtage des Jahre.

Wie so oft bei einem Höhenflug, ließ auch der Fall des Deus Sol Invictus nicht lange warten. Er kam gleich nach Aurelian, in Form von Konstantin, der Rom ins Christentum führte. Die tausendundetlichen Jahre danach sind heute als „das dunkle Zeitalter“ bekannt, und es begann damit, dass man dem ehrenwerten Gott der Sonne das Licht abdrehte. Die Gloriole auf seinem Kopf wurde ihm abgenommen und geriet als Glorienschein auf das Haupt des Jesus Christus, der auch gleich den Geburtstag übernahm. Die Wahrheit war wieder, was in der Bibel stand, und stand sie nicht in der Bibel, dann schimmelte sie irgendwo in einem Kerker, den kein Sonnenstrahl je ereilte, tausendundetliche Jahre lang.

Aber was sind schon tausendundetliche Jahre des Glaubens wider die Wahrheit einer göttlichen Eintagsfliege, die alljährlich 365 Tode stirbt und noch 4komma5 Milliarden Jahre zu leben hat?

3 Kommentare »

  • mare sagt:

    lieber frater gladius,
    vergeltsgott, für ihre ergüsse, war ein synapsenfest
    vergeltsgott, für ihre erkenntnis, das das göttliche in uns – unser licht ist.
    freue mich auf ihre nächste predigt;-)
    mare

  • karotterl sagt:

    hochgeschätzer frater!
    ich erzittere in ehrfurcht!!! was für ein epochales epochenzusammenfassdings diese predigt doch ist!!
    da hab ich garnicht genug rufzeichen!!!um meiner bewunderung ausdruck zu verleihen!!!
    naja, nix, was man nicht in wiki oder lexika nachlesen könnte. didaktisch aufbereitet aber meisterlichst!!!

    in begeisterter wertschätzung und in größter erwartung, das werk dem jungwurzelzeugs zuzuführen….
    ihr
    karotterl

    • Frater Gladius sagt:

      merci, karotTERL,
      und natürlich haben Sie mit wiki und cetera recht. Wenn es aber um die Schöpfung geht, möchte ich dennoch Ovid´s Metamorphosen wärmstens ans Herz legen. Die halten alles, was die Genesis nicht einmal verspricht. Ihr FG

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