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Politik ist kompliziert. Ein privater Streit

Von | 18.06.2009, 15:17 | 2 Kommentare

Im britischen „House of Commons“ sind die Sitzbänke von Opposition und Regierung zwei Schwertlängen voneinander entfernt. Warum? Weil sich über Politik herrlich streiten lässt. Beispiele der vergangenen Tage: Die Sinnlosigkeit von Vorzugsstimmen, der Wunsch nach Diktatur oder der Zwang der Gleichberechtigung. Wir könnten etwa nach den jüngsten Vorgängen in der ÖVP trefflich darüber diskutieren, wie […]

politik_fuellerIm britischen „House of Commons“ sind die Sitzbänke von Opposition und Regierung zwei Schwertlängen voneinander entfernt. Warum? Weil sich über Politik herrlich streiten lässt. Beispiele der vergangenen Tage: Die Sinnlosigkeit von Vorzugsstimmen, der Wunsch nach Diktatur oder der Zwang der Gleichberechtigung.

Wir könnten etwa nach den jüngsten Vorgängen in der ÖVP trefflich darüber diskutieren, wie formvollendet die politische Elite den Wähler verarschen kann: Über 100.000 der ohnehin nicht vielen EU-Stimmabgeber wollten Othmar Karas. Sie bekamen Ernst Strasser. Schlussendlich wurde Karas von Parteikönig Josef Pröll klargemacht, dass er sich gar nicht blöd spielen brauche. (Pröll hat damit übrigens auch klargestellt, dass in der ÖVP ein landeshauptmännischer Onkel mehr bringt als ein exbundespräsidentialer Schwiegervater). Einen solchen Umgang mit dem eigenen Auftraggeber, sprich Wähler, kann sich in Krisen wirklich nur eine fundierte Wirtschaftspartei leisten. Aber diese Diskussion soll hier nicht im Vordergrund stehen.
Auch nicht jene, ob die Österreicher als Volk noch ganz dicht sind: Nach einer Studie wollen sie wieder einen starken Führer, wie am 15. Juni im Schwesternformat ZiB präsentiert wurde. 50 Prozent seinen mit der Demokratie unzufrieden, 20 wünschen sich einen „starken Führer“, der sich nicht um Wahlen kümmern muss und unfassbare sechs wollen eine Militärdiktatur. Dass die Hälfte der Österreicher bei Arbeitsplatzmangel Ausländer nach Hause schicken würde und noch mehr Zuwanderung gerne generell verbieten würde, wundert da niemanden mehr. Aber auch, wenn sich solche Ausdrücke der Volksseele zumindest ein Lichtermeer verdienen würden, soll an dieser Stelle nicht darüber gestritten werden.
Weil es nämlich ein schöneres Thema gibt: Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Bei der EU-Gleichbehandlungskonferenz zu Brüssel kramte sie wieder einmal tief in ihrer Ideenkiste: Als „wirksamstes Mittel“ dagegen, dass „Potenziale und Talente von Frauen so brachliegen“ sieht sie einerseits eine 40-Prozent-Quote für Frauen in Aufsichtsräten. Aber auch eine für Männer. Und der „Rest ist frei verhandelbar“.
Da wird nicht viel zum Verhandeln bleiben, denken die Kritiker solcher Quotenideen, schließlich müsste einmal von derzeit 8,7 Prozent Aufsichtsrätinnen auf stolze 40 Prozent aufgestockt werden. Aufsichtsratsposten könnten in nächster Zeit leicht zu haben sein. Einer dieser Kritiker ist übrigens Reinhard Mitterlehner. Und damit bleibt das Quotenthema – vorgeschlagen von einer ressorttechnisch mittellosen Frauenministerin, postwendend abgelehnt vom mächtigen Wirtschaftsminister – eine stets wiederkehrende hübsche Posse in zwei Akten. Kennen wir schon.

Ist aber auch egal, schließlich will Gabi, die Gütige, die Wirtschaft viel eindringlicher bemuttern: „Unternehmen sollen aufzeigen, in welchen Bereichen sie wie entlohnen. Frauen und Männer könnten dann sehen, ob sie diskriminiert werden oder nicht.“ Jeder Betrieb ab 25 Mitarbeiter soll alle Gehälter auf der Firmenhomepage veröffentlichen. Müssen. Diese Transparenz schaffe Gleichberechtigung.
Und nicht, dass jetzt jemand meint, es gehe der Ministerin um Betriebe im Staatseigentum. Oder um jene, die in einem Naheverhältnis zur öffentlichen Hand stehen. Es geht um alle Betriebe. Die gesamte Privatwirtschaft. Hoppala: Privat-Wirtschaft. So wie Privat-Leben. Das schließt nach Heinisch-Hosek die Frage, wer was verdient, nicht ein. Dabei hat diese Frage durchaus das Recht auf Diskretion.
Die Ministerin für Frauenangelegenheiten sieht das anders: Frauen sollen lesen, was Männern verdienen. Aber auch Männer, was Männer verdienen. Und Frauen von Frauen. Und die Konkurrenz und die Headhunter und die Freunde und die Feinde und die Lehrer von den Eltern und und und. Welcome, Neidgesellschaft.
Ja, das würde als Kabinett-Stück der Woche reichen. Aber die Frau Minister war in Brüssel richtig in Fahrt: „Leider sind aber Frauen auch manchmal zufriedener und hinterfragen nicht, was sie wert sind.“ Stimmt: Personalchefs bestätigen, dass Frauen auch deshalb weniger verdienen, weil sie weniger offensiv verhandeln und ihr Verdienst durch weniger Firmenwechsel langsamer steigt. Und nun der Überhammer: Manche wollen das genau so. Nicht alle sind beseelt vom Geld als oberstes Kriterium des Erfolgs. Auch viele Frauen. „Leider“, sagt Hosek. Leider was? Leider gibt es noch Menschen, die sich nicht nur über ihren Gehaltszettel definieren? Leider schätzen manche die freie Zeit ab 17 Uhr mehr als das urgeile tolle, das einen bis in die Nachtstunden im Büro hält?

Hier liegt ein Verdacht nahe: Die Ministerin könnte dem grundsätzlichen Irrtum vieler Frauen unterliegen, die auf der Karriereleiter weit oben stehen. Sie sehen den Boden nicht mehr. Sie sehen im Gleichberechtigungskampf nicht, was Frauen denken und wollen. Die Ministerin wird nun sagen, ich wisse das auch nicht. Stimmt, da sind wir schon zwei. Gut, dass ich nicht Frauenministerin bin.

2 Kommentare »

  • anh sagt:

    lieber besserpisser! Ich weiß nicht, ob Sie solche Erfahrungen orten? Wenn, dann zu unrecht. Ich war persönlich noch nie damit konfrontiert, aber das braucht es auch gar nicht, um eine Meinung dazu zu haben.

    Abgesehen davon muss ich gestehen: Bei neuen Ideen wie Gehaltsveröffentlichung wünscht sich sogar ein Kritiker wie ich die Quotendebatte wieder zurück…

  • besserpisser sagt:

    orte ich da etwa persönliche (unfeine!) erfahrungen mit frauen, die auf frauenquote stehen … ?!?

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