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This is beta

Von | 10.06.2009, 10:42 | 12 Kommentare

Siebzehn Jahre war ich Journalist. Ich habe eine gefühlte Million Artikel geschrieben, dazu Rezensionen, Kommentare und Essays, drei politische Sachbücher, einen Wien-Reiseführer, einen Ratgeber und sogar ein Comic. Dazu habe ich Presseunterlagen und Aussendungen für politische Kampagnen und eine Partei verfasst, zwei Drehbücher, ein (!) Gedicht und vor einigen Wochen habe ich nach vielen Jahren […]

beta_thoughts
Siebzehn Jahre war ich Journalist. Ich habe eine gefühlte Million Artikel geschrieben, dazu Rezensionen, Kommentare und Essays, drei politische Sachbücher, einen Wien-Reiseführer, einen Ratgeber und sogar ein Comic. Dazu habe ich Presseunterlagen und Aussendungen für politische Kampagnen und eine Partei verfasst, zwei Drehbücher, ein (!) Gedicht und vor einigen Wochen habe ich nach vielen Jahren Arbeit meinen ersten Roman fertiggestellt. Vielleicht kann ich nicht alles gut schreiben, aber ich kann jedenfalls alles schreiben. Alles. Nur an einem bin ich in den letzten Jahren immer wieder gescheitert: am Bloggen. Vier oder fünf mal habe ich es versucht, nie bin ich über die ersten paar Beiträge hinausgekommen. Und heute habe ich verstanden, warum.

In diesem Artikel hat mir der amerikanische Uni-Prof, Blogger und Autor Jeff Jarvis endlich erklärt, was den Unterschied zwischen Bloggen und Journalismus ausmacht: Der Anspruch an die eigene Perfektion. Bloggen, so Jarvis, ist ein permanenter Prozess, immer in Bearbeitung, nie abgeschlossen, immer der Prüfung und Auseinandersetzung mit den Lesern ausgesetzt, immer im beta-Stadium. Journalisten dagegen versuchen, in sich abgeschlossene, *perfekte* Texte zu schaffen. Das ist banal, aber es erklärt, warum ich als Blogger immer gescheitert bin. An einem Text, der mir wichtig ist, kann und muss ich tagelang feilen. Das kommt aus der Print-Tradition: Was liegt, das pickt. Was in Druck geht, steht dort Schwarz auf Weiß. Für immer. Wenn ich versucht habe, zu bloggen, hat das bedeutet: Ich habe die Idee zu jedem Beitrag tagelang herumgewälzt. Ich habe versucht, einen neuen und originellen Zugang zu finden. Stringent zu argumentieren. Knackig zu formulieren. Und letztlich mit jedem Beitrag ein Werk zu schaffen, das die Ewigkeit überdauern kann, tiefere Bedeutung hat und mir auch in 30 Jahren nicht peinlich ist. Das alles natürlich unentgeltlich und für praktisch kein Publikum. Kein Wunder, dass ich immer ganz schnell die Lust verlor. Ich habe ja auch keine Lust mehr auf Print-Journalismus.

Jarvis hat mich entspannt. Diesen ersten Blogeintrag habe ich jetzt bei zwei Bieren an der Bar des Europa geschrieben. Inzwischen habe ich ihn schon das zweite Mal editiert. Ob er mir morgen noch gefällt, weiß ich nicht. Ob ich übermorgen einen weiteren Beitrag schreibe, schon gar nicht. Alles ist möglich.

This is beta.

betathoughts.wordpress.com

12 Kommentare »

  • […] haben andere schon als eine blogspezifische Eigenschaft festgemacht, sie fließt aber (nicht bei allen KollegInnen, aber auch nicht nur bei mir) immer mehr in den […]

  • gast sagt:

    warum keine lust mehr auf print-journalismus?
    und ja: auch mir drängte sich das „fishing for compliments“ auf …
    „Journalisten dagegen versuchen, in sich abgeschlossene, *perfekte* Texte zu schaffen.“

    selbst wenn man das perfekt zwischen zwei sternchen setzt. ist’s denn wirklich so? geht das in zeiten wie diesen überhaupt noch? warum das verallgemeinernde „journalisten …“. ich finde nicht, dass du für uns alle sprechen kannst … ich will gar nicht, dass du für all jene sprichst, die texte von agenturen einfach anfordern (mit angabe der genauen zeichenzahl), um ihn dann genau so in den platz reinzustellen (nicht ohne vorher natürlich die autorenzeile auch zu befüllen). ja, das gibts. immer öfter. stimme mit terence überein, dass sich die medien das grab selber schaufeln. weil der leser kann ja nicht nur aus jenen bestehen, die sich selbst in der zeitung lesen wollen oder zufällig ein paar euro liegen lassen.

    sollt man vielleicht mal alles überdenken

    so long

    • Profichiller sagt:

      wo spreche ich für andere, geschweige denn alle? das sind jarvis‘ hypothesen, die ich hier nur zusammengefasst wiedergegeben habe.

      und wo ich über mich schreibe, meine ich mich.

      • gast sagt:

        waren früher nicht anführungszeichen ganz ok, um jemanden zu zitieren?

        • Profichiller sagt:

          bei zitaten schon.

          • gast sagt:

            eben. deshalb weiß ich ja bei obigem text nicht, was von jarvis stammt und was nicht. von daher versteh ich profichillers antwort einfach nicht. da keine anführungszeichen da sind, zumindest nicht auf meinem schirm, muss ich davon ausgehen, dass er mit „journalisten dagegen versuchen …“ seine eigene meinung meint und nicht jarvis‘ hypothesen zusammen fasst, denn dann gehörte eben eigentlich ein anführungszeichen oder der gute alte konjunktiv oder sonst so was. zumindest zu meiner zeit war das so, und ich bin auch schon 20 jahre im bizniz. aber wurscht, es ist ja nur ein blog … aber immerhin hat ja auch sakristan möglicherweise aus dem grund falsch (?) verstanden („fishing for compliments“)
            so long ……

  • […] Und noch ein Detail gilt es zu bedenken: es gibt keine „endgültige“ Version mehr. Alles bleibt Beta. Könnte sein, daß sich diese Kolumne im Netz z.B. ein wenig (oder eventuell ganz) anders liest […]

  • sakristan biringer sagt:

    ist das nicht ein bisschen fishing for compliments, herr reimon? ich mein, könnte es sein, dass nun ein „ach, Sie schreiben eh ganz super!“ der kommentar wäre, auf den Sie warten?

    zudem: verzeihen Sie bitte, so ich falsch liege …

  • tobi sagt:

    Ich editiere keine Blogeinträge, überhaupt nicht. Ausser ich habe peinliche Rechtschreibfehler drin. Ich schreibe sehr persönliche DInge, und ich muss mich dementsprechend auch vorher entscheiden, was ich von mir preisgeben will. Aber was im Blog steht, bleibt stehen. Nicht weil es endgültig ist, sondern weil auch das was, wie und worüber ich schreibe zeigt, wie ich mich aktuell fühle und wer ich aktuell bin.

  • karotterl sagt:

    hehe…
    perfektionsanspruch
    eitelkeit
    überheblichkeit
    genauigkeit
    selbstverliebtheit
    geltungsdrang
    offenheit

    sind das die sieben todsünden des schreiberlings?
    jounalist? sschriftsteller? dichter? blogger?
    und es führt mich immer
    ganz zu mir selbst
    das kisterl der pandora
    is a schas dagegen:D
    herzlichst
    wurzelzeugs

  • Frater Gladius sagt:

    Herr Reimon, ich will das Gedicht (!) lesen. Posten Sie. Unverzüglich. Ihr FG

  • Das kann ich so nur unterschreiben. Bloß eines nicht: Mir ist auch jeder Blog-Eintrag peinlich, ehe ich ihn veröffentliche. Dagegen hilft mir aber mittlerweile ein simpler Trick. Trotzem raus damit und danach ein, zwei Stunden warten, ehe ich den Text noch einmal durchlese. Er ist dann zwar noch immer nicht perfekt, aber besser, als ich ihn in Erinnerung hatte. Und das peinliche Gefühl ist damit wie von selbst verschwunden.

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