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Generation C64: Die digitalen Wilden wollen endlich mitreden

Von | 04.06.2009, 23:55 | 2 Kommentare

Das Ding da auf dem Bild ist ein Commodore 64, Spitzname „Brotdose“. Er veränderte in den 80er-Jahren das Leben von Millionen junger Menschen. Und jetzt könnten diese die Welt verändern. Es gibt Gedanken, die sind einfach zu gut, um einfach im Archiv von Spiegel Online liegen zu bleiben. Zum Beispiel der, den Christian Stöcker dort […]

commodore64

Der Heimcomputer Commodore 64 wurde 1982 präsentiert. Er verkaufte sich weltweit 30 Millionen Mal.

Das Ding da auf dem Bild ist ein Commodore 64, Spitzname „Brotdose“. Er veränderte in den 80er-Jahren das Leben von Millionen junger Menschen. Und jetzt könnten diese die Welt verändern.

Es gibt Gedanken, die sind einfach zu gut, um einfach im Archiv von Spiegel Online liegen zu bleiben. Zum Beispiel der, den Christian Stöcker dort am 2. Juni publizierte. Er rief dort die so genannte „Generation C64“ ins Leben und meinte damit jene Digital Natives, die mit dem Netz und allen dazu gehörigen Technologien so vertraut sind, dass zwischen ihrer Lebenswirklichkeit und der anderer Generationen mittlerweile eine beinah unüberbrückbare Kluft liegt.

Das Problem lässt sich allerdings nicht mehr mit traditionellen Modellen der Reibereien zwischen jüngeren und älteren Alterskohorten begreifen. Der Digital Native leidet vielmehr darunter, dass die Politik seine Lebenswirklichkeit mit Regeln und Gesetzen zerstören will. Nicht, weil sie ihm prinzipiell böse gesonnen wäre, sondern weil sie ihn nicht versteht.

Der Digital Native gilt den Unverständigen in seiner harmlosen Version als lichtscheuer Trottel, der zu viel isst und zu viel vor dem Computer sitzt. Und wenn dann wieder einmal ein Psychopath im Teenager-Alter Amok läuft und auch einen Computer daheim stehen hat (Was für eine Überraschung in Zeiten wie diesen), ist er der Digital Native plötzlich ein Staatsfeind.
Und überhaupt ist sie praktisch, die Generation C64: Wenn niemand mehr für Musik zahlt – sie war’s. Wenn niemand mehr ins Kino geht – sie war’s. Wenn es im Netz Kinderpornografie gibt – sie war’s. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen, doch am letzten Punkt wurde die Differenz zwischen Lebenswirklichkeiten im Netz und Lebenswirklichkeiten der politischen Klasse dieser Tage in Deutschland endlich sichtbar.

Hier nur eine kurze Zusammenfassung der Ereignisse, bei Spiegel Online ist die Causa ohnehin umfassend verlinkt:

Es begann damit, dass die deutsche Familienministerin Ursula von der Leyen ein Gesetz durchgesetzt hatte, das Provider verpflichtet, Kinderporno-Inhalte aus dem Netz zu filtern und einschlägige Seiten zu sperren. Wer trotzdem hinsurfte, sollte automatisch ein Warnschild zu sehen bekommen, das Bundeskriminalamt sollte Sperrlisten führen.
Es war kein Problem, so ein Gesetz durchzubringen, denn gegen Kinderpornografie muss man sein, auch über Parteigrenzen hinweg, gar keine Diskussion nötig. Und selbst wenn Experten sagen, dass solche Sperren nichts bringen, weil Kinderpornografie sich durchs Netz nachweislich nicht vermehrt hätte – alles egal.
Nur den Digital Natives war es nicht egal: Die 29jährige Berlinerin Franziska Heine initiierte eine Online-Petition gegen das Gesetz von Eindämmung von Kinderpornografie im Internet, weil es das Problem nicht gelöst hätte, aber den Behörden umfangreichen Zugriff auf Nutzerdaten geboten – bis hin zur Netzsperre auf Zuruf. Die Petition fand nach nur vier Tagen 50.000 Unterstützer, der glorreiche Feldzug der Familienministerin endete in den Minenfeldern der Digital Natives, die es (in diesem Fall) besser wussten, aber nicht gefragt worden waren, weil sie ja kein besonders gutes Image haben (siehe oben). Doch das PR-Debakel von Ursula von der Leyen hat weitreichende Folgen für die „Generation C64″.

Stöcker auf Spiegel Online:

„Dass die Unterzeichner der Petition gegen das Filtergesetz es wagen, Vernunft und Bürgerrechte sogar unter dem Risiko, als Päderastenfreunde gebrandmarkt zu werden, zu verteidigen, ist eine Entwicklung, die es eigentlich zu feiern gälte. Hier setzen sich Menschen für sinnvolle Gesetze und demokratische Grundprinzipien ein, teils schamloser öffentlicher Diffamierung zum Trotz. Und es ist für Deutschlands politische Klasse ein Vorgeschmack auf das, was noch kommt: Die digitalen Einheimischen haben begonnen sich einzumischen.“

Wie sehr sich die Digital Natives auch anderswo einmischen können, zeigt der rege Zuspruch der Piratenpartei in Schweden im Fahrwasser der Verurteilung der Betreiber der Tauschbörse Pirate Bay. Jahrelang war der Lifestyle der „Generation C64″ kriminalisiert worden, im Rahmen des auf der ganzen Welt verfolgten Prozesses ließ er sich aber nicht mehr ignorieren. Und die beiden genannten Beispiele erklären meinen bereits geäußerten Traum, die Digital Natives könnten der Tagespolitik im Land und in Europa eine neue Richtung oder zumindest eine frische Stimme geben. Denn egal, ob wir sie Piraten oder Generation C64 nennen: Sie gehören gefragt. Sie wissen, was sie tun. Und vor allem: Sie sind viel klüger als die meisten auf Seiten der Unverständigen glauben.

2 Kommentare »

  • truetigger sagt:

    In der Blogwelt ist seit einer Woche der Artikel in aller Munde und wird überall als selten gutes Stück des Mainstream-Mediums SpON gewertet – jetzt auch hier. Jetzt hab ich den Artikel ein zweites Mal gelesen und versteh noch immer die Begeisterung nicht *grübel*.

    Gut ist auf jeden Fall, dass endlich mal die Diskussion um die unsäglichen „Sicherheitsgesetze“ der letzten Jahre thematisiert wird und bei den Protesten gegen Leyens Vorstoss nicht mehr um „die Kritiker des Kinderpornographie-Verbots“ berichtet wird – aber damit erschöpft sich meine Zustimmung zu Stöckers Generation-C64 auch schon.

    Dass man sich für Politik interessiert, nur weil man irgendwie online ist, glaub ich nicht. Dazu kenn ich zuviele, für die das Internet einfach nur eine Quelle für neue Kinofilme und Pornographie ist und WorldOfWarcraft oder Browsergames den Höhepunkt der neuen Freiheiten darstellen, die Katzenblogs und Starmania lesen und den Rest einfach gelangweilt ignorieren. Und nein, das ist keine Kritik an der Art dieser Menschen, es bestärkt mich einfach in der Überzeugung, dass Leute durch das Internet nicht ANDERS werden.

    Ja, es gibt durch das Netz viel einfachere Möglichkeiten, sich Informationen zu verschaffen, die „Mainstream-Medien-Argumente“ zu prüfen oder sich mit Gleichgesinnten zu treffen – aber da wirkt das Netz nur als Werkzeug und nicht als Auslöser. Dass sich in den letzten Jahren zeitgleich mit der Entwicklung des Internet von „Freak-Hobby“ hin zur Normalität auch eine STÄNDIG zunehmende Politikverdrossenheit aufbaute, führe ich nicht auf das Netz selbst zurück, sondern halte es für weitgehend unabhängige Ereignisse.

    Mir persönlich hat Thomas Knüwers Ergänzung wesentlich besser gefallen als der eigentliche Beitrag.

    @Eberhard Lauth: Nachdem ich letztens schon polarisierte, bitte versteh diesen Kommentar net als Kritik an Deinem Beitrag. Dass *ich* die Begeisterung um die ausgerufene „Generation C64“ nicht versteh ist ja *mein* Problem :) Und ich begrüsse es, dass hier in Österreich verstärkt auf solche deutschen Diskussionen Aufmerksamkeit gerichtet wird, denn unsere Politiker verstehen es ja immer wieder, die blödesten deutschen Ideen OHNE JEDE Diskussion nachzumachen, siehe Online-Durchsuchung, wo bei uns ja nicht einmal IRGENDEINE Diskussion stattfand. Also bleib dran am Thema, hast in mir eh einen grossen Fan :)

    • Ich glaube auch nicht, dass sich jemand mehr für Politik interessiert, nur weil er online ist. Und Stöcker wirkt mir beim Lesen auch nicht so weltfremd, dass ich ihm das unterstellen möchte. Ein paar interessieren sich, die meisten nicht, egal ob on- oder offline.
      Mir ist es vor allem eine Freude, dass endlich einmal über die kulturelle Kluft der Gesprächspartner geredet wird, die hinter Diskussionen um Netzsperren steckt. Ich kann einfach nicht mehr hören, wenn für Kinderporno, Amoklauf, Musikpiraterie etc. immer „das Netz“ verantwortlich gemacht wird. So als würde man „die Straße“ dafür verantwortlich machen, wenn darauf zwei Autos zusammen krachen.
      Wir haben das Ding eingerichtet. Wir haben es zu dem gemacht, was es ist. Und es hat unsere Lebenswirklichkeit so verändert (von manchen mehr, von manchen weniger), dass wir es nicht mit Maßnahmen reglementieren können, die aus einer Zeit stammen, als es noch nicht da war. Stichwort Pirate Bay-Urteil, Stichwort Netzsperren.

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