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Europawahl: Uns fehlen die Piraten

Von | 03.06.2009, 0:01 | 6 Kommentare

Langweiliges Durcheinander bei der Diskussion der Spitzenkandidaten vor der EU-Wahl am Sonntag. Dass die meisten Leute nicht hingehen, ist kein Trost. Und dass keine Piraten zur Wahl stehen, ist ein Drama.

Jössas, gleich geht’s wieder durcheinander: Wenn Euro-Parlamentarier in spe an ihren Wählern vorbei reden.

Jössas, gleich geht’s wieder durcheinander: Wenn Euro-Parlamentarier in spe an ihren Wählern vorbei reden. Foto: Screenshot

Ernst Strasser von der ÖVP geißelt die Gier der Finanzmärkte – herzig. Hannes Swoboda von den Roten hasst seinen ehemaligen Parteigenossen Hans-Peter Martin – inbrünstig. Andreas Mölzer von der FPÖ ist Andreas Mölzer –langweilig. Ewald Stadler vom BZÖ versucht Swoboda zu einer absurden Unterschrift wegen der Beitrittsverhandlungen mit der Türkei zu bewegen – es juckt in der Faust. Hans-Peter Martin weiß über die Sitzungsdisziplin der Anwesenden Bescheid – brav, setzen. Und dann noch Ulrike Lunacek von den Grünen. „Wir sind die einzige Pro-Europa-Partei“, erklärt sie zum Abschluss.

„Na und? Eh wurscht!“, schreie ich in den Fernseher, und wieder einmal hört mich keiner.

Europa ist in Österreich ein abstraktes Monster, das irgendwo weit weg schläft und nur aufsteht, um unseren Bauern die Milch auszutrinken.
Europa ist in Österreich vor allem Glühbirnenverbot und Türkengefahr.
Europa ist nichts für uns.

So gesehen war die Strategie der FPÖ begnadet, weil sie eine Wahl, die dazu da ist, Europa mitzugestalten, zu einer Art „Raus aus der EU!“-Volksabstimmung umdeuten konnten. Das ist zwar weitest möglich vom eigentlichen Thema weg, aber wenn niedere Instinkte ihr Ventil suchen, ist Inhalt bloß ein Hindernis. Und darum fürchten sich jetzt schon alle zu Recht vor einem Siegeszug der FPÖ. Sie hatte als einzige in diesem Wahlkampf eine Idee, die jemand verstand. Sie war die einzige Partei, die der Unterschicht nicht unterstellte, dass sie so blöd ist wie sie aussieht.

Ansonsten weiß ich bereits, was ich kommenden Sonntag tun werde: Mich wieder darüber ärgern, dass in diesem Land keine Piratenpartei in die Gänge gekommen ist. Nicht so wie in Schweden, wo das Urteil über die Internet-Tauschbörse Pirate Bay zu so breiter Öffentlichkeit geführt hat, dass die Piratenpartei möglicherweise die Fünfprozenthürde in Richtung Europaparlament schaffen könnte.

Nicht, dass die Piraten etwa eine Lösung für die Wirtschaftskrise haben. Die ist ihnen viel zu kompliziert. Sie wollen bloß die offene Gesellschaft erhalten, gegen Überwachung und Datensammlung kämpfen – und nebenbei die althergebrachten Urheber- und Patentrechte abschaffen.
Und den Piraten gelingt es damit, eine tatsächlich existente Jugendbewegung um sich zu scharen, der bisher ein offizielles Sprachrohr fehlte. Eine Generation, die mit dem Netz aufgewachsen ist und sich einen Dreck um althergebrachte Verwertungszyklen schert. Eine hochgradig mobile Masse voller kluger Köpfe, die mittlerweile auch honorige alte Herren wie den schwedischen Autor Lars Gustafsson begeistert, der vor ein paar Tagen öffentlichkeitswirksam seine Stimme den Piraten geschenkt hat (hier eine englische Übersetzung seines klugen Statements).

Aber vor allem macht die Piratenpartei (ich nehme an: zufällig) genau das, was in Österreich und auch anderswo in Europa noch keiner kapiert: Junge Menschen gehören nicht für dumm erklärt, sondern nur verstanden. Junge Menschen gehören in ihrem Lebensumfeld – also meist im Netz – abgeholt und in Richtung politisches Denken geführt. Und junge Menschen wären bei so einem Zuspruch – behaupte ich – schneller von HC Strache und Mölzer weg als die beiden Herren einen ihrer idiotischen Slogans ersinnen können.

Doch weil es das nicht spielt, bleibt am Sonntag die Wahl zwischen Not und Elend. Wie schon eingangs erwähnt: Wieder einmal hört mich keiner.

6 Kommentare »

  • Tom Schaffer sagt:

    Wenns die Inhalte wären die die Jugend Mobilisieren (du behauptest ja, dass die jugendlichen Inhalte die Piratenpartei groß machen), dann wären die Grünen aber durchaus da, in Österreich. Denn die Programmatik der Piratenpartei vertreten die weitestgehend auch – gerade mit Eva Lichtenberger im EU-Parlament sogar sehr offensiv. Wie du aber selbst sagst: „Wenn niedere Instinkte ihr Ventil suchen, ist Inhalt bloß ein Hindernis.“

    Und wenn das so ist, dann ists für alle die es kapiert haben oberste Pflicht, die niederen Instinkte zu besiegen. Und eben nicht mantraartig zu behaupten, es gäbe keine halte keine inhaltlichen Angebote.

    • Zur Piratenpartei in Schweden: Dort gab es den Glücksfall, dass die Pirate Bay-Betreiber zu einer Zeit verurteilt wurden, als sich das für die Piratenpartei prächtig für einen Wahlkampf mit allen Mitteln des Webs nützen ließ. Ob sich das dann tatsächlich im Ergebnis niederschlägt, wird sich weisen.
      Zum Mantra: Ja, das habe ich. Ich halte es für notwendig, um auf Schwächen hinzuweisen. Und die größte davon ist, dass vorhandener Inhalt nicht nach draußen dringt, sondern wie in der Elefantenrunde bloß als „Wir sind Pro-EU“-Statement endet. Eh fein, aber das halte ich für eine Grundbedingung der Europapolitik.

  • truetigger sagt:

    Man hats nicht leicht als Neo-Konservativer: Im Gegensatz zu Dir habe ich die Grünen noch nicht zu persönlichen Feinden erklärt, und so bleibt mir bei TV-Diskussionen wie der gestrigen der schwache Trost, dass wenigstens EINE der Parteien nicht ganz so unterirdisch ist wie der Rest.

    Klar, Lunacek ist nicht unbedingt der Inbegriff an Sympathie, mit berechtigter Kritik können die Grünen net umgehen (wie alle Politiker, das machts aber net besser), die grünen Ideen gehen in den Alltags-Intrigen unter, gegen das zugegeben sehr erfolgreiche Hetzen von rechts fällt ihnen auch nix ein, und die Partei war unter Van der Bellen insgesamt viel angenehmer – aber immerhin haben die Grünen ein Programm, welches den Namen auch verdient.

    Ja, ich kann Deinen Frust verstehen, denn wo ich im Fernsehen 5 Vollkoffer und eine hilflose Lunacek gesehen hab, hast Du 6 Vollkoffer gezählt. :)

    Übrigens, würd eine Piratenpartei zur Wahl stehen, ich wüsst nicht, ob ich denen meine Stimme geben würd – Freiheit fürs Internet klingt gut, aber die EU besteht ja aus mehr, da werden auch wichtige Entscheidungen für die Finanzwelt, die Aussenpolitik, die Weiterentwicklung der Gemeinschaft usw gefällt. Vielleicht zeigen Piraten, dass sie das nicht schlechter als die bisherigen Honks hinkriegne – doch ich bin skeptisch, seit ich in Ostdeutschland mal gesehen hab, was eine Rechtsaussen-Partei nach einem überraschenden Wahlerfolg für peinliche Personen in den Landtag entsendet hat. Weia, war das arg.

    • Die Grünen als meine persönlichen Feinde? Dazu sind sie mir nicht nah genug. Es geht mir lediglich darum, meine Enttäuschung zum Ausdruck zu bringen. Und Hilflosigkeit hilft leider keinem, um ein noch so ausgegorenes Programm zu transportieren. „Pro-EU“, wie nicht nur von Lunacek in der Kandidatenrunde, sondern auch von Glawischnig immer wieder zusammengefasst, ist jedenfalls keines.

  • darky sagt:

    Auch in Österreich existiert eine Piratenpartei, jedoch mangelt es ihr leider an Leuten. Aus diesem Grund sollte man die PPÖ unterstützen um ihr zu ermöglichen auch in Österreich etwas zu bewegen.

    http://www.piratenpartei.at

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