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Champions League Spezial. Rooney-time in Rom

Von | 27.05.2009, 16:19 | Kein Kommentar

Wayne Rooney hat geträumt. Wenn der 24jährige Sturmtank aus dem Liverpooler Armeleutebezirk Croxteth mit seinen Träumen auspackt, gibt es keine sonderliche Vielfalt. Er hat ein Tattoo mit den Worten „Just Enough Education To Perform“ (= Gerade Soviel Hirn Um Zu Kicken). Er ist ein Mann, der Fußball isst und trinkt und lebt, und im Traum […]

RoooooneyWayne Rooney hat geträumt. Wenn der 24jährige Sturmtank aus dem Liverpooler Armeleutebezirk Croxteth mit seinen Träumen auspackt, gibt es keine sonderliche Vielfalt. Er hat ein Tattoo mit den Worten „Just Enough Education To Perform“ (= Gerade Soviel Hirn Um Zu Kicken). Er ist ein Mann, der Fußball isst und trinkt und lebt, und im Traum ist das nicht anders. Da sieht er sich selbst beim Fußballspielen zu. Normaler Weise trägt er dabei rot, aber diesmal sah er sich ganz in Weiß, und der Rasen dazu gehörte zu einem Stadion in Rom. Der Rest ist nicht wirklich überraschend: „Ich nahm einen hohen Ball runter und zog ihn nach rechts“, erzählte er dem Reporter. „Dann schoss ich das Tor.“ Jenes eine Tor, versteht sich, das den Unterschied macht zwischen „greatest day of my life“ und Weltuntergang, zwischen Jubel im Konfettiregen und Tränen am Boden zerstört.
Heute Nacht ist es soweit. Das Spiel der Spiele im Olympiastadion der Jupiterstadt. Das Duell der beiden Teams des Jahres, Englands Meister ManU gegen Spaniens Meister Barca, der 18fache Meistermacher Sir Alex Ferguson gegen den begabten Trainerneuling Pep Guardiola, der regierende Weltfußballer Cristiano Ronaldo gegen den heißen Tipp auf dessen Thronfolge, Lionel Messi. Überhaupt ist die Weltpresse versucht, die Fußballdelikatesse auf einen Zweikampf Ronaldo gegen Messi zu reduzieren, aber wenn Guardiola keine abenteuerliche Rochade im Barca-System beschließt, dann hat sein wieselflinker Argentinier heute das zweifelhafte Vergnügen, dem Rammbock Rooney gegenüber zu stehen. Dort stand im Semifinale auch schon Arsenals Supertalent Theo Walcott. Angeblich. Gesehen hat man ihn ja nicht. Er verschwand irgendwo in der Zange zwischen Rooney und ManU-Verteidiger Patrice Evra.
Seit Monaten spielt Rooney in Hochform, dabei hat er nicht einmal einen Stammplatz. Er hat Stammplätze. Am klarsten ist seine Position im englischen Nationalteam definiert. Da hatte Teamchef Fabio Capello früh schon die Formel „Wayne plus zehn“ bekannt gemacht – Rooney vorne in der Mitte, der Rest muss sich fügen, egal ob sie Gerrard oder Lampard heißen. Aber gerade im Mittelsturm ist Manchester mit einem nahezu peinlichen Überfluss an Edelkickern gesegnet. Da buhlen 40-Millionen-Euro-Kicker wie Carlos Tevez und Dimitar Berbatov um ihre Leiberl – heute vermutlich vergeblich, sie werden wohl auf der Ersatzbank Platz nehmen müssen. Und der rechtsfüßige Rooney hat mittler Weile das Werken am linken Flügel zu einer entsprechenden Kunstform erhoben – System Brechstange, wenn auch mit erfreulichen technischen Kabinettstückerln gewürzt. Erwähnenswert Rooney´s Fähigkeit, die Laufrichtung trotz seines beträchtlichen Gewichts um 180 Grad zu ändern.

Somit zum Finalspiel der Champions League 09. Sowohl Barca als auch ManU sind angriffsfreudig, ein trefferreiches Match darf erhofft, wenn auch nicht erwartet werden. Erwartet wird 4-2-3-1 (ManU) gegen 4-3-3 (Barca), also ein Scharmützel im Mittelfeld, wo unwiderstehliche Spielmacherkunst (Iniesta, Xavi) auf unüberwindliche Defensivkraft (Carrick, Anderson) prallt. Zu erwarten ist also ein Spiel bestimmendes spanisches Team gegen ein kompaktes Ensemble, das gegenwärtig so tödlich kontert wie niemand sonst.
Keine der beiden Mannschaften tritt in Bestbesetzung an. ManU muss auf Mittelfeld-Anker Darren Fletcher verzichten, das ist ein Malheur, der Schotte hatte sich in den vergangenen Monaten das Prädikat „unersetzlich“ seitens Sir Alex redlich verdient. An seiner Stelle sollte ein Routinier (Paul Scholes oder Ryan Giggs) die spielmachenden Fäden ziehen. Womit im Mittelfeld Vorteil Barca herrscht, zumal der trickreiche Andres Iniesta nach Eigenaussage fit sein wird. „Mein Enthusiasmus, in Rom spielen zu wollen, wird mir bei der Genesung helfen“, hatte er vergangene Woche gesagt. Was natürlich vollkommener Schmarren ist. Wenn ihm was hilft, für heute Abend fit zu sein, dann sind das strategisch injizierte Steroide.
In der Verteidigung brüstet sich ManU kraft des extrem kompetenten Duos Rio Ferdinand und Nemanja Vidic mit der besten Innenabwehr der Insel, bei Barca glänzen die beiden Außenverteidiger Dani Alves und Eric Abidal mit Abwesenheit, weshalb Kapitän Puyol vermutlich außen verteidigen muss und Mittelfeld-Anker Yaya Touré an seiner statt in die Mitte der Abwehr rutscht – die, wie schon im Semifinale gegen Chelsea, nicht sonderlich gewappnet wirkt. Tatsächlich sollte angesichts dieser klaffenden Achillesferse im Zentrum der Barca-Abwehr nicht auszuschließen sein, dass Sir Alex die taktische Vorsicht eine solche sein lässt und kurzerhand auf 4-4-2 umstellt, mit einem zweiten Stürmer an der Seite des „gesetzten“ Ronaldo (der im übrigen deponiert hat, dass dies sein letztes Antreten für ManU ist).

Gemeinhin gilt in Europas Sportgazetten die Weisheit, dass es sich beim Barca-Sturmtrio Henry – Eto-o – Messi um den besten Fußballsturm der Gegenwart handelt. Wahr ist aber auch, dass dieser Sturm sehr eingeschüchtert wirken kann, wenn er britische Kraftlackel zum Gegner hat. Gegen Chelsea wirkten die Barca-Boys phasenweise wie Buben gegen Männer. Ein Vorwurf, den man weder Ronaldo noch Tevez und schon gar nicht Rooney machen kann.
Resumé: Die Papierform spricht für ManU. Weil Sir Alex abgebrühter ist als sein Gegenüber Guardiola. Weil ManU das Team des Jahrzehnts ist und überdies noch nie ein Europafinale verloren hat. Weil Lionel Messi noch nie ein Tor gegen eine britische Mannschaft zu Stande gebracht hat. Weil Cristiano Ronaldo sich eine ganze Ligasaison lang geschont hat, um für den Endspurt vollfit zu sein. Für Barcelona dagegen spricht nur ein Omen: Dass die Spanier gegen Chelsea siegreich blieben war in der Tat ominös. Daher ist auch alles möglich – von einer sicheren Sache für Manchester bis hin zu einem knappen Sieg. In letzterem Fall sollte man nicht gegen ein Siegestor Rooneys wetten. Denn wie gesagt: Wayne Rooney hat geträumt.

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