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Koitalsubstitutum Motoriensis. Automobile Philosophien auf dem elektrischen Stuhl.

Von | 29.05.2009, 7:00 | 8 Kommentare

Sex ist nicht nur überbewertet sondern in seiner guten Form auch Mangelware. Außer man weiß sich zu helfen und sucht sich Ersatz – was gefährlich werden kann, manchmal auch strafbar. Aber es gibt auch legale Wege, es sich mangels Geschlechtsverkehrs gut gehen zu lassen. Das ideale Ventil hierfür: ein Fetisch. Und wer jetzt an Lack […]

Der Tesla Roadster: eine gestretchte Elise mit Stromzutz

Der Tesla Roadster: eine gestretchte Elise mit Stromzutz

Sex ist nicht nur überbewertet sondern in seiner guten Form auch Mangelware. Außer man weiß sich zu helfen und sucht sich Ersatz – was gefährlich werden kann, manchmal auch strafbar. Aber es gibt auch legale Wege, es sich mangels Geschlechtsverkehrs gut gehen zu lassen. Das ideale Ventil hierfür: ein Fetisch. Und wer jetzt an Lack und Leder denkt, liegt in meinem ganz persönlichen Fall gar nicht einmal so falsch …

Der Anruf störte die Sonntagsidylle. Er brachte allerdings eine jener Gelegenheiten, der man sich als Autointeressierter nicht verschließen sollte, Wochenende hin, Familienliebe her. Schließlich bekommt man nicht alle Tage die Chance, eine Revolution zu reiten. Revolutionen wie diese verdeutlichen einem wie mir, welchen Stellenwert Parameter wie Motorengeräusch, Benzingeruch, Ölgeschmack und Auspuffgas in meinem Leben haben. Die knappe Botschaft des sonntagvormittäglichen Anrufers lautete: „Tesla fahren. Jetzt.“ Und zwischen den Zeilen: nichts in meinem automobilen Weltbild würde bleiben wie es zuvor irgendwann einmal war.

Das Stromauto also, von dem alle so begeistert sind. Mit Optik und Haptik eines normalen Sportwagen, bloß eben statt mit Benzin mit Spannung beladen. Aber ist das nicht schon jetzt ein Widerspruch? Sport ohne Benzin? Dafür ist das Ding ernsthaft orgelbar, berichten Asphalträuber meiner Wellenlänge. Nun, das ist eine 747 beim Startvorgang auch. Aber Erektion hat mir das noch keine verpasst.

Das erste Date verstörte erwartungsgemäß. Zwar ist das Ding auf den ersten Blick nichts viel anderes als eine längerere Lotus Elise. Aber dort, wo bei anderen Autos der Tankzutz montiert wird, klafft ein eiskaltes Steckdosen-Weiberl. Ausserdem – der Auspuff fehlt. Und damit eines der wesentlichsten Geschlechtsmerkmale des gemeinen Automobils. Ich meine: Hunde beschnüffeln sich am Anus, die Pheromone des Vater-Schweiß beruhigen Kinder. Und ein 69er-Mustang verströmt sogar im Stillstand Benzinduft. Aber dieses Ding ist geruchlos. Absolut geruchlos. Wenn es parkt, wenn es fährt, wenn es bremst. Es stinkt erst, wenn Du es abfackelst.

Gut. Man muss ja nicht gleich vor der Begrüßung im Separée verschwinden. Zunächst folgt die Einschulung durch den Fachmann. Craig David ist Teslas Mann fürs Europa-Marketing, er ist Ami und lebt in München, an diesen Koordinaten kann man auch ungefähr seine wirklich liebenswerte Art festmachen. Zunächst ratscht er Eckdaten runter: 158 KW, 205 Spitze, Aufladezeit 3 Stunden, Reichweite 390 Kilometer. Preis? Ach, wollen Sie nicht zuerst eine Probefahrt … ?!?

Sein Autoverkäufer-Schmäh stellt so was wie ein Vertrauensverhältnis her. Man versteht sich plötzlich, er gaunert her, ich fall nicht rein. Und denke mir eine Leguanhodenlederjacke um seine Hüften, wie beim Maresch Maxi auf der Triesterstraße. Craig erklärt den Bordcomputer inklusive Reichweitenanzeige, Motormanagement und Fahrprogrammen. Bloß Licht, ESP oder Warnblinkanlage funktionieren wie bei normalen Autos, Blinker und Scheibenwischer auch. Sogar der Zündschlüssel steckt dort, wo er bei Verbrennern üblich ist, und er ist auch nicht bloß Makulatur: mit ihm wird gestartet, wie bei normal. Erste Raste, zweite Raste, über den Druckpunkt. Uiuiuiuiuiuiuiui – Dong. Dann Stille. Craig: „Jetzt läuft er.“

In Bewegung setzt sich ein Tesla, wenn man ihn von der Bremse lässt, auch nicht anders als ein x-beliebiges Automatikauto. Einzig störend dabei: die völlige Stille. Du kennst das nicht, zu rollen ohne einen Mucks. Dein Sensorium für das Zusammenspiel von Gasfuß, Lenkhand und Motorleistung gerät völlig aus den Fugen. Klar haben wir seit 20 Jahren Drehzahlmesser in unseren Alltagsautos. Aber haben wir schon jemals gelernt, sie richtig zu lesen?

Die vorbeirauschenden Bäume, die am Feld grasenden Pferde, die am Dorfplatz spielenden Kinder: sie alle gefährdest Du nicht mehr unmittelbar mit deinen Abgasen. Dafür wirst Du zur veritablen Bedrohung für Fußgänger und Radfahrer, weil man dich nicht ankommen hört. Erst mit einem Tesla unterm Hintern merkst Du, wie sehr deine Mitverkehrsteilnehmer per Ohr schauen. Und danach bemessen, ob sie ein Manöver ankündigen wollen, oder auch nicht.

Die Reifen stellen neben Bremsen und Fahrwerk die einzigen mit einem normalen Auto vergleichbaren Verschleißteile dar. Beim Motor aber driften die Welten auseinander: das direkt auf der Hinterachse hockende Ungetüm übersetzt seinen Morch per Eingang-Borg-Warnergetriebe auf die Antriebsräder, du jodelst demnach von Null bis 205 im ersten Gang. Ausserdem hat der Murl insgesamt bloß 16 bewegliche Teile an Bord, der Ölstand beschränkt sich also auf den einer mittelfetten Caprese. Getauscht ist das Ding notfalls in einer Dreiviertelstunde. Und ein echter Craig macht sich dabei nicht einmal die Hände schmutzig, sagt er.

Aber noch funktioniert das Ding ja. Und macht auch bei knapp 120 Sachen noch immer keinen Lärm, das einzige, was beruhigend normal klingt, ist das Abrollgeräusch der Räder. Die sind hinten dick und vorne dünn, was auch die  einzig ernstliche Gefahr im ambitionierten Fahrbetrieb bedeutet: wenn du nämlich die vorderen Asphaltschneider durch gleichzeitiges Lenken und Bremsen überforderst. Resultat: ungebremstes Geradeausfahren. Mit Blech- wie Flurschaden, so der Spielplatz keine Auslaufzonen hat. Mit dem Strom-Remmidemmi hat das allerdings rein gar nichts zu tun. Auch ein Benzin-Tesla flöge hier ab.

Zurück am Golfplatz breitet uns Craig die Verheißungen der Zukunft aus. Der Roadster, so wie er dasteht, ist nah an der Serienreife, wird ungefähr 100.000 Euro kosten, repräsentiert aber den Akku-Technostand von vor zwei Jahren. Soll heißen: die Effizienz steigert sich nunmehr im Minutentakt, man ist schon heute viel weiter als man zugibt. 2011 kommt das Model S auf die Straße. Dies wird eine Limousine im Audi A6-Format sein, die stark nach Maserati Quattroporte aussieht, etwa 50.000 Euro kostet und Platz für fünf Personen mit oder sieben Personen ohne Gepäck bietet. Die dann unter dem Auto angebrachten Batterien werden eine Reichweite von 490 Kilometern bringen, und das schon nach 45 Minuten Ladezeit. Geil, wenn man lautlose Nicht-Stinker mag. Und selbst in punkto Soundtrack weiss Craig Rat: Es wird MP3s geben, die nach Auto klingen und die man sich itunes-mäßig runterladen kann, um sie über die Soundanlage einzuspielen. Heute mal Ferrari. Oder doch besser Lamborghini, Cherie? Und, für die Nostalgiker aus Wien 7: „Cruisen wir heute mal auf Trabant, Liebes?“.

Dass es zwecks Marktetablierung einer neuen Automarke mehr braucht als ein paar schicke Modelle, weiß sogar der coole Craig. Will Tesla ja auch gar nicht, sagt er: „Alles was wir mit Blödheiten wie dem Roadster zeigen wollen, ist: Umweltschutz muss nicht immer mit Strickjacken, Birkenstockschuhen und Spaßverzicht zu tun haben. Der Roadster soll zeigen: Stromautos können Freude bereiten, Fahrfreude. Ich muss mich nicht einschränken, nicht leiden, kann es genießen, emissionsfrei zu fahren.“ Soll heißen: Man würde am liebsten bloß Motoren verkaufen. An Benz, BMW, Fiat, Ford oder wer sonst noch aller gern künftig E-Autos verkaufen möchte. Sollen die sich doch dann mit den Kinderkrankheiten und den daraus resultierenden Gewährleistungsansprüchen herumschlagen.

Dass der Strom freilich nicht aus der Steckdose kommt, sondern auch irgendwie erzeugt werden muss, lassen wir vorerst undiskutiert, man ist ja kein Kampf-Bobo. Auch die Akku-Entsorgungsfrage wird sich schon irgendwie von selbst lösen. Mit dem wohligen Gefühl von kribbelnder Zukunft in Kreuz, Gasfuß und Geldbörsel mach ich mich also auf den Heimweg, benzinbetrieben versteht sich. Und als ich bei knapp 70 bereits zum fünften Mal schalte, denke ich mir ganz insgeheim und leise, so dass es mein guter alter Freund Carrera 4 ganz sicher nicht hören kann: mit einer automobilen Zukunft a la Tesla würde ich mich eventuell arrangieren. Wenns bis dahin wirklich keinen Tropfen Benzin mehr gibt.

8 Kommentare »

  • Thomas Rabitsch sagt:

    Sg. Herr Sauer, lieber Franz,
    Hab das Model S schon bestellt und angezahlt. Werd´halt getrost noch zwei Jahre warten, dann lad´ich Dich gerne auf eine Spritztour ein.
    So muss die Zukunft sein, jawoll!
    Jeder weiterer Kommentar erübrigt sich…

    • franz j. sauer sagt:

      lieber thomas,

      das ist ein guter plan! bin schon gespannt auf die erste tes(la)tausfahrt …

      beste grüße,
      f.

  • Gerald Buchmann sagt:

    Schöner Beitrag, Herr Sauer. Wobei die Li-Ionen Akku Technologie sicher noch weitere große Fortschritte bringen wird die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht absehbar sind. Auch die neue Elektro KTM ist sicher mal einen Beitrag wert, da dieses Gerät völlig neue Maßstäbe setzt was abrufbare Leistung betrifft. Wenn sich diese Technologie weiterentwickelt wird man wohl in absehbarer Zeit gerne freiwillig auf Verbrennungsmotoren verzichten, wenn man sich darauf verlassen kann, dass man mit dem Elektro Bike an der Ampel alles was so vor sich hin verbrennt ohne Probleme stehen lässt! Und das geräuschlos!! Wobei man mit der KTM einen Vorteil gegenüber dem Tesla hat. Die nicht zu überhörenden Stollenreifen.

    • Franz J. Sauer sagt:

      Danke für den Vorschlag, ich werde ihn beherzigen. Und auf die Stollenreifen freu ich mich schon ganz besonders …

    • guru sagt:

      @ thomas: fein, dass das geklappt hat! melde mich auch fuer die erste ausfahrt an. franz soll hinten sitzen. ;-)

      greetz

      /g

  • Besten Dank für die Blumen, das erhellt einem den Tag! Und an den Josel: wir werden Ihre Anregung weiterleiten …

  • Der Josel sagt:

    Schööööön! Für besagte Soundfile muss man unbedingt auch „Steyr 15er“ andenken. dies würde den gemeinen Radgeher und Fußfahrer gänzlich überfordern, wenn mit dem wohlig langsamen „Tok-Tok“ des ehrwürdigen 15ers dann die schnelle Post mit dem 158kw Tesla mit gelben Ladekoffer hintendrauf erscheint.

  • Nicole Kapf sagt:

    so mag ich das – am frühen morgen gleich unterhalten zu werden. und informiert. wenn beim lesen richtige bild- und gefühlswelten auftauchen und man – in dem speziellen fall – vor allem die stille hört ;-)
    gratulation dem autor! mehr davon.

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