Die große Piratenjagd
Der Pirat entstand aus dem griechischen „peiran“ – etwas wagen. In unseren Nullerjahren verkörperte er als Freibeuter im Cyberspace eine kongeniale Haltung zur Zeit. Nun aber, zum Ende der Dekade, schlägt das Imperium zurück. Der Pirat wird über die Planke gezwungen. Zib21 präsentiert einen Überblick.
NAPSTER
Der Captain Sparrow der Filesharing-Piraten wurde 1999 vom damals 19jährigen Bostoner Studenten Shawn Fanning gegründet. Napster ermöglichte seinen Usern, Computerfiles unter einander auszutauschen.
Die Verfolger: Im Dezember `99 klagte die RIAA (Recording Industry Association of America) Napster wegen Verletzung des Copyrights und forderte 100 000 Dollar pro getauschten Track. Zu jener Zeit standen bei Napster 200 000 Tracks auf Abruf bereit. Im April 00 klagte auch die Band Metallica. Filesharer „dealen mit gestohlener Ware“, meinte Drummer Lars Ulrich.
Die Planke: Im Juli 01 wurde Napster per gerichtlicher Verfügung geschlossen.
Das Sequel: 2002 kaufte die Verlagsgruppe Bertelsmann Napster um 8 Millionen Dollar und etablierte das Vehikel als Service für zahlende Mitglieder, von denen es heute 900 000 gibt. Zu seiner illegalen Hochzeit wurde Napster von 26 Millionen Usern verwendet. Ex-Pirat Shawn Fanning wurde zuletzt 2008 als Hauptdarsteller eines Werbeclips für Volkswagen gesichtet, wo er sich über seine illegale Filesharing-Zeit lustig machte.
LIMEWIRE
wurde im Jahr 2000 vom New Yorker Börsespekulanten Mark Gorton gegründet und etablierte sich bald als populärstes Filesharing-Programm (P2P-Klient für Java) seiner Zeit. Im November 04 wurde Limewire zum ersten Filesharing-Programm, das Firewall-2-Firewall-Transfers ermöglichte.
Die Verfolger: Im Jahr 2006 klagten Sony, EMI, Time Warner und Universal auf 150 000 Dollar pro Copyright-Verletzung. Gorton arrangierte sich, möglicher Weise nach einem System, das in der Urzeit der Piraterie „Kaperbrief“ genannt wurde (Anmerkung: Der Inhaber eines Kaperbriefes war ein lizensierter Pirat. Im 16. Jahrhundert mauserte sich der berühmte Freibeuter Francis Drake damit sogar zum Sir Francis).
Das Sequel: 2008 eröffnete Limewire den „LimeWire Store“, der seinen Mitgliedern erlaubt, Files für einen Vierteldollar pro Track zu tauschen. Außerdem erhielt der „Limonendraht“ Kredit für den Erfolg der N-Dubs-Single „I Swear“, die via Limewire aufs Handy runter geladen werden konnte. Das Programm brüstet sich heute mit 70 Millionen Usern pro Monat.
GROKSTER
wurde 2001 vom kalifornischen Unternehmer Daniel Rung gegründet. Er glaubte, ein legales Schlupfloch gefunden zu haben, indem er die Downloads nicht durch den eigenen Server routen ließ. In seiner besten Zeit wurde Grokster von 5 Millionen Usern verwendet.
Die Verfolger: Im Oktober 01 klagten Disney und 30 weitere Musik – und Filmfirmen, das Gericht entschied 2003 zu Gunsten von Grokster – eine Entscheidung, die vom Obersten Gerichtshof in der Folge widerrufen wurde.
Die Planke: Im November 05 wurde Grokster geschlossen. Begründung: Missbrauch seiner Filesharing-Software.
Das Sequel: Seit „MGM gegen Grokster“ verfügen laut The New York Times die Richter über ein „Tool, das ihnen jederzeit erlaubt, eine `Anstiftung zur Copyright-Verletzung´ zu verhängen“. Von Rung fehlt jede Spur.
PIRATE BAY
wurde im November 03 von den Skandinaviern Gottfrid Svartholm, Fredrik Neij, Peter Sunde und Carl Lundström gegründet, die darauf setzten, dass ihr BitTorrent-Tracker ein extrem schwierig zu fassendes Filesharing-Vehikel war.
Die Verfolger: Im Mai 06 leistete sich die Polizei eine Razzia bei Pirate Bay, aber ohne Ergebnis. In weiser Voraussicht versuchten die Bayers im Jänner 07 vergeblich, den „Freistaat Sealand“ zu kaufen, einen Weltkriegsbunker im maritimen Niemandsland vor der Küste Südenglands, den die Polizei nicht so mirnixdirnix überfallen kann.
Die Planke: Am 17. April 09 wurden die Pirate Bay-Betreiber wegen Copyright-Verletzung zu einem Jahr Gefängnis und 2komma7 Millionen Euro Schadenersatz verurteilt. ZiB21 berichtete hier und hier und hier.
Das Sequel: Die vier Skandinavier planen einen Einspruch.
OINK´S PINK
wurde im Mai 04 vom nordenglischen IT-Konsulenten Alan Ellis als „Invitation only BitTorrent-Tracker“ gegründet, mit Fokus auf hochqualitativen Audiofiles.
Die Verfolger: „Oink“ wurde im Oktober 07 anlässlich einer „Operation Ark Royal“ getauften Razzia zugesperrt.
Die Planke: Ellis wurde verhaftet. Ein User namens Trent Reznor – bekanntlich Frontmann einer weltberühmten Band (deren Name mir gerade nicht einfällt; sorry!) – protestierte öffentlich: „Oink war der beste Musikladen der Welt“, ließ er verlauten.
Das Sequel: Im Dezember 08 wurden vier ehemalige Oink-User wegen Copyright-Verletzung zu einer Strafe von je 400 Euro verurteilt. Der Prozess gegen Ellis geht soeben am Gerichtshof von Middlesbrough über die Bühne.
ABSHIR BOYAH
ist ein somalischer Pirat, der seine Laufbahn vor rund 15 Jahren vor der Küste zwischen dem Golf von Aden und Kenia begann. Laut Aussagen somalischer Regierungsbeamter begann die Piraterie als Reaktion verarmter Fischer gegen kommerzielle internationale Fischerflotten, die ihre Küste radikal von Thunfischen säuberten. Boyah behauptet, insgesamt 25 Schiffe gekapert zu haben.
Die Verfolger: US-Marines erschwerten es den Somalipiraten in jüngerer Vergangenheit dramatisch, ihrem Broterwerb nachzugehen. Damit nicht genug, sind laut Boyah nun auch die Einheimischen Nordsomalias – die ehemals durch den Piratendollar florierten – gegen Piraten eingenommen. „Ein islamischer Scheich hat sogar gedroht, mir die Hand abzuhacken“, klagte Boyah.
Die Planke: blieb ihm bislang erspart.
Das Sequel: Mister Boyah fristet heute ein ärmliches Leben in einem kleinen Holzhaus: „Das ganze Geld ist verschwunden“, sagt er. „Wenn jemand, der zuvor nie Geld hatte, plötzlich welches hat, dann verschwindet es auch wieder.“

