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Gladius 06. Pilar Immaculata

Von | 17.05.2009, 16:33 | 6 Kommentare

Dieses Wort ist Pilar Goess gewidmet, die am 17. Mai 1999 in Wien 41jährig verstarb und in mir immer leben wird.

Pilar Goess RIP

Foto: Gerhard Heller

In den seinerzeitigen Nachrufen wurde sie als „prominente Dame der Wiener Gesellschaft“ und „Verkörperung von Mode und Stil“ verniedlicht. Euer Frater allerdings sah in ihr eines jener raren Geschöpfe, die in seiner Zunft als „Immaculata“ einen Namen haben.

Gemeinhin ist es ja so, dass Kirchenmänner ihre „Immaculatae“ – die Unbefleckten und Makellosen – aus den Alten Schriften gewinnen. Man wird vom Ruf des Schöpfers ereilt, man schwört der Hingabe an die Lendenlust ab – und legt dann mangels Alternativen sein Schicksal in den Schoß der Gottesmutter, die dir fortan die Kraft gibt, dem Bösen den Finger zu geben. Franziskaner haben dafür sogar einmal die Organisation „Soldaten der Unbefleckten“ ins Leben gerufen.

Leider war mir eine entsprechende Ermächtigung durch Maria nie beschieden. Wenn ich sie fragte, wie spät es war, fehlten mir immer ein paar signifikante Minuten. Mit der makellosen Ms Goess war dies anders. Da reichte ihre schiere Präsenz, und alle Glocken in mir riefen zur Andacht.

Liebe Leute, selbstverständlich führt diese Erzählung ein wenig in die Vergangenheit, wenn auch nicht – wie sonst – in die vorchristliche. Es war der Winter 1971, eine Zeit, die ein wenig so war wie jener ominöse Glücksfall, den du an der Haltestelle erlebst: Zuerst wartest du ewig lange auf einen Bus, dann kommen gleich zwei daher. Dieser Glücksfall lag im Wort „Teenager“ geborgen. Das hatte sich erstens gerade frisch in den hiesigen Sprachgebrauch geschlichen. Zweitens war es ausgerechnet meine Generation, die damit gemeint war, und plötzlich hatten wir den Leitfaden zu einem etwas weniger genierten Umgang mit den Hormonen.

Ich habe keine Ahnung, wie es heute ist, aber damals gab es das Suchritual des Schulskikurses, womit ich jenen halben Tag meine, den man „pistenfrei“ hatte und zur Pirsch in der Urlaubermenge nützte. Das Dorf dazu hieß Saalbach und dorthin ging ich also in Begleitung eines Kollegen, der im übrigen alles hatte, was mir fehlte, allem voran ein von dicker Lippe getragenes Selbstbewusstsein.

Und es begab sich, dass wir in einer „Spielhölle“ auf zwei geradezu überirdisch schöne Geschöpfe stießen, die offenbar auch pistenfrei hatten. Mein Kollege fackelte nicht lange und lud sie zu einer Runde Tischfußball ein und das Phänomenale war, dass sie einwilligten. Selbstverständlich war es so, dass der Kollege die noch Überirdischere der schönen Geschöpfe auf seine Seite brachte. Die lediglich überirdisch Schöne war in meinem Team und übernahm die Stäbe mit Mittelfeld und Sturm, während ich Tormann und Verteidigung manipulierte. Wir kamen leidlich neben einander aus. Anders mein mit allen Wassern gewaschener Kollege, der war Tormann und Sturm und so ließ es sich nicht verhindern, dass sein einer Arm links, der andere rechts von ihr platziert war, er die noch überirdischere Schöne also quasi im Clinch hatte. Sie selbst trug den Umstand mit fabelhafter Fassung und deutete mit keiner Regung an, was sie nun davon hielt.

Ich kann mich nicht erinnern, wer die Partie letztlich gewann. Danach aber fragte der Kollege seine Partnerin, wie sie heiße und sie sagte „Pilar“. Darauf er „ha ha, Caterpillar“ und sie „ja, das sagt jeder“. Worauf ein Wunder geschah. Pilar löste sich von seiner Seite und legte ihre Hand in meine und ich durfte sie zum Bus nach Hinterglemm oder wie der Ort hieß begleiten. Und so wurden zehn der denkwürdigsten Minuten meines – an einschlägigen Erlebnissen Herrgottichdankedir nicht sonderlich reichen – Lebens Geschichte. Ich spüre bis heute die Kraft, die in jenen Momenten des Händehaltens meinen Körper flutete. So muss es im siebenten Himmel zugehen. Heute weiß ich auch, dass derlei reine Energie nur von einem Weib kommen kann, das „immaculata“ ist.

Natürlich verloren wir einander aus den Augen, soll heißen sie verlor mich aus den Augen und ich vernahm ab und zu von ihrem Werdegang. Ich las etwa, dass sie im Winter 1984 mit Seiner Hoheit Karim, dem Aga Khan IV, in St Moritz Skifahren war und empfand das als vollkommen logisch. Letztlich ist der Khan ja das Oberhaupt der Nizari-Muslims, unter welchen er als 49. direkter Nachfahre des Propheten Mohammed verehrt wird. Und was ein hoher Mann Gottes ist, egal welcher Abteilung, den zieht es zur Immaculata, wie es den wissbegierigen Blinden zur Blindenschrift zieht. Dieser Film des Titels „When Khan Met Pilar“ ließ sich praktisch nicht verhindern.

Auch hörte ich, dass es damals in St Moritz gehörigen Zoff zwischen dem Khan und Reeder-Sprößling Konstantin Niarchos gab, weil letzterer glaubte, dass Pilar besser zu dessen Bruder Spiros Niarchos passe. Was ich, zugegeben, absurd fand. Was hat schon eine „Immaculata“ unter gemeinen Mammonisten zu suchen? Und als solcher war der Trouble wohl vergessenwert, geriet aber anlässlich des tragischen Todes von Pilar wieder in meine Erinnerung. Sie erlag einem Gehirntumor, hieß es – just an jenem Tag, als es Konstantin Niarchos gelang, als erster Grieche eine Flagge auf den Gipfel des Mount Everest zu pflanzen. Zwei Wochen später war auch er tot und in seinem Magen wurde später Kokain in einer Menge gefunden, die 25 Männer getötet hätte, wie es hieß.

Für Geistliche ist die Geschichte des Aga Khan eine unermessliche klerikale Fundgrube, die von den Fedajin über Assassinen und Kreuzzüge bis zurück zum Mekka der ersten Stunde führt. Pures Dan Brown-Country für Muslims. Und irgendwann werde ich sie sicher mal erzählen, insbesondere die Sage von der Festung Alamut, dem „Adlernest“ der Assassinen. Aber nicht heute. Mein Heute gehört der makellosen Pilar und sie ist mit mir, so wie sie für mich war.

Soweit ich weiß, hatte sie in ihren letzten Lebensjahren eine eigene bescheidene Festung, die sie „Home“ nannte, wohl ganz im Sinne von „ … is my castle“. Klingt ein wenig nach Möbel und vielleicht rührt von daher ihre posthume Verniedlichung zur „Mode-und-Stil-Prominenten“. Auch tat sie Gutes – das lag in ihrer Natur – für Frauen und Kinder in Bosnien. Nur weiß ich beim besten Willen nichts darüber zu sagen. Ich kann nur von der Kraft berichten, die durch ihre Hände ging und das war die Kraft einer Immaculata. Requiescat In Pace.
Pilar Goess

6 Kommentare »

  • Andreas sagt:

    1983: DER KUSS

    Liebe Pilar,

    es war glaube ich 1983 im U4. Es war die Zeit der U4 Konzerte und gesellschaftlichen Stelldicheins aller Richtungen in diesem Etablissement – Conny steuerte die Klientel: von Punkladies aus der Arena bis zur Hocharistokratie, von Politikersöhnen bis zum Nachtklubbesitzer fanden alle damals ihren Platz und ihre Ansprechpartner im U4.
    Ossi Schellmann steuerte Conny’s Input in weiterer Folge mit Begrüßungen, Konversation, Terminvereinbarungen und Gratisgetränken in diversen
    Räumen und Nischen.
    Der Klubraum war belebt – wir saßen an der Bar von Gästen umringt, die zu dieser Zeit oft im U4 anzutreffen waren:
    Cordula und Christina Reyer, Tassilo Metternich, Matthias Leutzendorff, Tommy Neustädtl, Helmut Lang, Andre Heller, Claudia Stöckl, Tassilo Offermann…
    Ein Herr stand bei dir, ich glaube er war von orientalischer Herkunft. Eure Stimmung war nicht ideal, das viel mir auf. Als 17 Jähriger war ich eher schüchtern jedoch zu gleicher Zeit aufmerksam. Stina versorgte uns mit
    Rotwein, die Stimmung war elegant und ‚verklemmt‘ zugleich.

    Als sich dein Gesprächspartner lässig von dir verabschiedete dachte ich mir: warum hat er nicht mehr Respekt vor dir.
    Deine Ausstrahlung, deine Haltung hatten mich in
    ihren Bann gezogen. Ich musste dich dauernd ansehen, war fasziniert von deiner Stimme und deinem Lachen.
    Wollte sehen, ob du eh noch da bist.
    Cordula löste sich von der Bar, als ihr Helmut Lang entgegenkam – sie verschwanden gackernd in Richtung Tanzfläche. Die Gruppen lockerten sich, andere Gäste kamen – und gingen wieder.
    Plötzlich waren wir fast alleine unter neuen Gästen.
    Nur Stina stand noch da und lächelte in ihr Rotweinglas.

    Und dann unternamst du eine 120° Drehung und sahst in meine Richtung.
    In Zeitlupe kamst du auf mich zu und sahst mir tief in die Augen.
    Ich spürte einen Klumpen im solar plexus – was würde jetzt geschehen?
    Dein Gesicht kam meinem immer näher. Deine rechte Hand legte sich auf meine linke Wange, dein rechter Daumen landete auf meinem rechten Mundwinkel, deine übrigen 4 Finger deiner rechten Hand pressten sich sanft und sicher in mein Genick.
    Dein Gesicht kam näher und näher, kurz bevor sich unsere Lippen berührten, drehtest du deinen Kopf ganz leicht zur Seite.
    Erst spürte ich deinen Atem, deine Wärme, deine Energie. Dann deine Zunge. Es war ein Kuss für die Ewigkeit: ich fühlte mich dir ausgeliefert und zugleich bei dir uneimhlich wohl und geborgen.
    Deine Energie strömte in mich hinein, ich fühlte Distanz und Kälte.
    Ich war zu jung um es einfach fließen lassen zu können.
    Der Kuss war lange und intensiv, sehr lange…

    Als sich unsere Lippen wieder voneinander lösten, sagtest du: „du bist ein lieber Mensch.“
    Nahmst deine Tasche und gingst.
    Ich lief dir nicht nach. Ich war paralysiert von soeben. Rot im Gesicht und voll von Energie.
    Unfassbar. Sie hat mich geküsst. Ohne vorher etwas zu sagen.
    Woher weiss sie, dass ich ein lieber Mensch bin?

    Wir haben einander nie wieder gesehen (einmal sah ich dich in einem Cabrio – du mich nicht)
    3 Wochen mindestens habe ich damals deine Hand und deine Lippen noch auf mir gefühlt.

    Ich danke dir nach so vielen Jahren für dein Vertrauen, deine Spontanität und dein offenes Herz – ich bin bis heute ein lieber Mensch geblieben.

    RIP- wir sehen uns
    Ciao
    Andreas

  • karotterl sagt:

    frater, ich hab euch beleidigt. seht es einem frechen karotterl nach, das ja nix anderes will, als in seinem übermut die wurzeln in die erde zu treiben und den schopf in die sonne zu strecken. da hat mich wohl die erinnerung an mich selbst geschüttelt
    ihr
    karotterl

  • RIC MOTHA sagt:

    Ich hätte ein schönes Portrait-Kunstwerk, eine „Foto-Entmalung“ von PILAR GOESS aus den 90er Jahren zu verkaufen. Format 50×70 cm, in SilberAlu-Rahmen
    Sonderpreis für rasch Entschlossene € 800.-
    Foto des Werkes kann zugeschickt werden.
    mfg.
    ric@motha.org

    • Frater Gladius sagt:

      Herr Motha: Dies hier ist mein Tempel, und den sollten Sie nicht mit schnöder Feilscherei verunzieren. Ihr FG

  • KarottERL sagt:

    frater jetzt frag i mi aber!
    immaculatae? diese frau? himmel aber auch, da juckts mich in den wurzeln, nicht wie ihr vielleicht glaubt, mitnichten!!!
    aber dieses gesicht, dieser schmerz, diese entrücktheit!!! allein eure beschreibung der art der ankunft der berührung in eurem gedächtnis. hoppala. nix unberührt.. das weib quoll doch vor leben. allein aus eurer erzählung quillt….aus ihren augen und ihrer unberührbarkeit vielleicht. aber immaculatae? und die unberührbarkeit gilt doch nur für jene, die lieber sehnen nach perfektion als sie dann ergreifen wenn sie greifbar.
    berührbar. das wesen erkennend ist es unendlich schwer bei so ablenkenden tatsachen wie diese augen auch noch das dahinter zu erfühlen. kein wunder, dass es brennt.
    und mein widerspruchsgeist ist unbezähmbar, weil nix is mit maria.
    das ist magda, in ihrer reinsten form.
    verzeih frater, ich seh schon, das ist wohl sehr persönlich, aber da ich mich ihnen so verbunden fühl erlaub ich mir diese frechheit! aber die weiber dieser welt haben es schwer, weils so wenig KERL gibt.
    Ihr
    KarottERL
    8-)

    • Frater Gladius sagt:

      Karotterl, mein Punkt ist dieser: Ich gedenke eines Moments mit einer Person. Dieser Moment ist mir mühelos gegenwärtig, obwohl er lange zurück liegt. Auch ist mir die Person zum Moment mühelos gegenwärtig, obwohl sie lange tot ist. Diese Gegenwärtigkeit ist „immaculata“, sie ist durch nichts getrübt, sie ist mehr als nur Erinnerung. Dafür gedenke ich ihrer. Würdigung, wem Würdigung gebührt. Ihr FG

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