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Die letzte Runde Print

Von | 13.05.2009, 8:00 | 18 Kommentare

Die Krise des Kapitalismus schenkt den Printmedien eine letzte Wichtigkeit. Doch die selbstverständlich eintretende technische Revolution der kommenden Jahre macht die Zeitung obsolet. Ein großes Printerlebnis. Der Spiegel-Titel dieser Woche über die Gier des Kapitalismus von Cordt Schnibben. Endlich wieder Schnibben, der Welterklärer. Und davor der Osang-Text über Angela Merkel. Echt groß. Dazu die Fotos […]

Lennox lebt

Die Krise des Kapitalismus schenkt den Printmedien eine letzte Wichtigkeit. Doch die selbstverständlich eintretende technische Revolution der kommenden Jahre macht die Zeitung obsolet.

Ein großes Printerlebnis. Der Spiegel-Titel dieser Woche über die Gier des Kapitalismus von Cordt Schnibben. Endlich wieder Schnibben, der Welterklärer. Und davor der Osang-Text über Angela Merkel. Echt groß. Dazu die Fotos von Andreas Mühe. Toll. Ja, die Deutschen leisten sich noch was. Die Ösis leider nicht mehr. Große Fotografie im Dösilande? Fehlanzeige.
Den Text von Schnibben, den Text von Osang, so etwas will man nur gedruckt lesen, das hat Gewicht, da greift sich das Nachrichtenmagazin gleich wieder anders an: Erklärung, Weltformel, Begleiter, Freund. Ein großes Erlebnis, das einem in Österreich schon seit Monaten nicht mehr geschenkt wird.

Print lebt.
Doch Print leidet.

Vergangenen Freitag hat sich die Süddeutsche Zeitung die Frage gestellt, warum sie eigentlich noch erscheint? Und hat ihr Magazin der Zeitungskrise gewidmet. Der aufschlussreichste Artikel darin ist die Zusammenfassung der täglichen Mediennutzung einer Zwanzigjährigen. Die Tagszeitung kommt bei ihr nur auf sieben Minuten, Online-Angebote (Facebook etc.) hingegen auf mehr als eine Stunde. Dieses Protokoll der Niederlage wird von sehr schönen und sehr poetischen, mitunter auch leicht verzweifelten Texten großer Autoren (Winkler, Schumacher, Praschl) begleitet. Die perfekt formulierten Phrasen haben nur eine Botschaft: Print ist schön, Print greift sich gut an, Print ist so irre wertig, alleine deswegen wird Print überleben. Doch der Zweifel sitzt selbst bei diesen energischsten Verfechtern tief, überall ist das „vielleicht“ herauszulesen. Man ist sich der Sache nicht mehr sicher.
Diesen Zweifeln steht eine Entwicklung entgegen, die nicht abzusehen war. Partiell steigen die Auflagen. Vor allem jene seriöser Medien. Schuld daran soll die Krise des Kapitalismus sein, die Leute suchen Reflexion und Vision. Manchmal auch nur die Bestätigung ihrer Vorurteile. Egal: Es wird wieder mehr Zeitung gelesen, das macht den Printjournalisten Hoffnung.

Sie sollten diese fahren lassen.

Im Magazin der Süddeutschen findet sich auch ein interessantes, wenngleich nicht wahnsinnig spannendes Interview mit dem Medientheoretiker Jeff Jarvis (hier sein Blog Buzzmachine). Jarvis sagt zum hundertsten Male, was Sache ist und was in Österreich keiner hören will. Jarvis sagt, dass sich die Verleger einen Zeitpunkt ausmachen sollten, an dem sie ihre Druckerpressen abschalten, denn Jarvis sagt, zum Abschalten wird es sicher kommen. Jarvis sagt, dass hunderttausende Jobs im Journalismus verloren gehen, da eine Regionalzeitung keinen Kinokritiker mehr beschäftigen muss. Und keinen Musikkritiker. Und auch keinen, der im Büro der Hauptstadt sitzt. Denn im Netz gibt es das alles schneller und origineller. Damit gehe, so Jarvis, aber mitnichten die Vielfalt verloren, da andere die Vielfalt ins Netz stellen, die verachteten Blogger beispielsweise. Diese müssten eben wieder von seriösen Medien kontrolliert werden. Eine Heidenarbeit, zudem ohne viel Verdienst.
Jarvis sagt auch, dass die Pressekrise keine Technologiekrise alleine ist, dass die Medien nur mehr unterhalten und nicht mehr informieren, geschweige denn aufdecken. Dass dieser Mangel an Recherche zu einem Verlust an gesellschaftlichen Einfluss führt, der den Konsumenten zu der Frage führt, warum er die Zeitung kaufen soll.
Und Jarvis sagt, dass die Besitzstandwahrer unter den Printjournalisten freilich keinerlei Interesse haben, dass sich ihr Universum verändert. Vielmehr, so denke ich, denken die, soll es mit ihnen untergehen. Selbst Hans Rauscher jammert im Standard schon über den Untergang der Qualitätszeitungen und vergleicht diese mit klassischen Orchestern. Nur was bewirkt der Standard, außer, dass man sich in seiner Meinung eventuell durch Rauschers und andere Kolumnen bestätigt fühlt? Nichts. Hat Journalismus im Standard Folgen? Keine. Ich lese Unterhaltung und Information, die ich vorher schon im standard.at gelesen habe. Wozu brauche ich eine gedruckte Qualitätszeitung, wenn ich eine Online-Qualitäts-Plattform habe? Und die auch noch gratis bekomme. Und: Warum fragt sich das keiner?

New York Times: Fünfzehn Pulitzer-Preise. Und im Oktober Vergangenheit. Niemand will noch investieren. Bertelsmann: Größter und überheblichster Medienkonzern Europas. Jetzt in den roten Zahlen. Vor einem Jahr undenkbar.
Erster Fehler, schlimmster Fehler und dümmster Fehler war es, das sagen Jarvis, Springers Döpfner und viele andere unisono, die Inhalte kostenlos ins Netz zu bringen. Stellen Sie sich vor, sagt Jarvis in einem Interview mit der FT, Sie sehen bei einem Klempner einen Wasserhahn aus edlem, handpoliertem Chrom. Doch der gleiche Hahn der gleichen Firma aus banalem Metall ist gratis. Noch dazu kommt das gleiche Wasser raus. Welchen Hahn werden Sie mit nach Hause nehmen? Den teuren aus Chrom? Oder die Gratis-Variante aus billigem Blech und mit geringem haptischem Vergnügen? Da muss man meist nicht lange raten.

Der Konsument von Zeitungen verhält sich wie jeder Konsument. Schon deswegen wäre es gut, wenn sich alle Verlage auf ein Bezahlmodell einigen könnten, um den Journalismus zumindest aus einem seiner Dilemma zu befreien. Ich weiß, das ist Illusion, denn auch im Untergang gibt es Einzelinteressen, die gewahrt werden müssen. Deswegen werden auch viele Verlage nicht überleben und von anderen Konzernen beseitigt werden. Unmöglich? Denkste, überall schwinden die Finanzreserven, wenn das Gesparte aufgezehrt ist, dann gibt es keinen Kredit mehr. Das ist den Besitzstandwahrern freilich egal, die gehen sowieso in Pension. Und mit ihnen der Journalismus, an dessen Gedeih sie längst kein Interesse mehr haben.
Früher oder später kommt das Teil, das die Zeitung ablöst. Ein E-Reader vielleicht. Oder etwas völlig anderes. Und mit diesem Device werden die Druckerpressen stillgelegt. Die der Tageszeitungen. Und die der Wochenmagazine. Der Journalismus wird daran nicht zugrunde gehen. Er wird nur nicht mehr in Händen traditioneller Verleger bleiben. Und angesichts der Lahmarschigkeit der heutigen Medien muss nicht schlecht sein, was da kommt.

PS: Wie immer muss ich erwähnen, dass nichts davon in Österreich geschehen wird, denn hier ist – laut Angabe der Verantwortlichen – von einer Medienkrise nichts zu spüren. Die Auflagen steigen, die Hausaufgaben sind gemacht, neue Zeitungen werden gegründet, alte nicht eingestellt. So ist es, ich freue mich.

18 Kommentare »

  • Terence Lennox sagt:

    ich hänge noch lesestoff dran:

    http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,622944,00.html

  • Max sagt:

    @Österreich

    Wenn man in den letzten Jahren, deutsche und amerikanische Blogs gelesen hat, fühlt man sich mit digitalen Versionen auch nicht alleine (das Cluetrain-Manifest ist über 10 Jahre alt). Auf derstandard.at/etat jedoch das tägliche 90iger-Retro-Erlebnis, was mich wundert, geht man in anderen Ressorts doch auch mit der Zeit. Woher kommts?

  • herbert dietrichstein sagt:

    Am Ende des Tages geht es nicht darum, wie ich technisch etwas veröffentliche, sondern um die Qualität. Print wird es auch weiterhin geben, genauso, wie es trotz TV, Kino und Internet immer noch Bücher gibt.

    • Terence Lennox sagt:

      das ist der übliche irrtum. hier findet keine analog-analog-ablöse statt, sondern ein digital-analog-ablöse. soll heißen: unter dem technologiewandel leiden print, tv und kino gleichermaßen. und auch die digitale phonoindustrie leidet. überall in den alten medien schwinden die kauf- und seherzahlen, es ist nur eine frage der zeit, bis die ablöse kommt. alles, was wir kennen, nicht einmal das buch, wird es so, wie es existiert, nur mehr als haute couture geben. überleben wird alles, der jeweilige status wird exklusiver und geringer. die qualität der haptik und des inhalts wird nur mehr einer konsumnentenelite etwas wert sein. was das für demokratie und gesellschaft bedeutet, können sie sich ja denken..

      • herbert dietrichstein sagt:

        Ich wünschte Sie (ich und alle Interessierten) könnten 1000 Jahre alt werden, um das, was Sie vorhersehen eventuell erleben zu dürfen…

        • Terence Lennox sagt:

          diese entwicklung werden wir alle miterleben, ausser sie heißen dichand und sind 88 jahre alt..

          • lemaks66 sagt:

            ich kann grundsätzlich ihre meinung vertreten, denn print ist dann tot, wenn die hausaufgaben eben nicht gemacht wurden!

            dennoch muss zwischen qualitäts-journalismus und verkauf-berichterstattung unterschieden werden! all jene die ein „schönes“ produkt auf den markt bringen, abopreise zw. 2,50-7 euro verlangen, aber die inserate verschleudern, werden sterben!

            all jene die eine seichte berichterstattung publizieren mit dem anspruch, inserate zu verkaufen, die werden überleben!

            konzerne, die „schöne“ produkte um ein haufen geld auf den markt werfen nur um ihr eigenes image aufzubessern, die werden verlieren, weil das hält keiner finanz/wirtschaftskrise stand!

            somit ergibt sich eine klare trennung:
            die verlage die es schaffen eine co-exsistenz zwischen berichterstattung und werbekunden zu erlangen, die überleben ohne großes gewitter dieses „tief“ von finanz und wirtschaft!

            die meisten verlage sind konzerne mit zig medien und beteiligungen durch andere verlagshäuser oder banken. wenn das eine medium minus machte, fing es das andere auf! und zumeist gab es 2-3 cash-cows die alles am laufen hielten, aber jetzt spürt man den druck mit jeder einzelnen gedruckten seite!

            das umdenken ist bei den meisten, kleineren mitarbeitern da, aber was ist mit den bossen, den verlagsleitern, anzeigenleitern und wie sie alle heißen?
            aufebugeln – obetretn….das is die derzeitige charaktereigenschaft um nicht den heißgeliebten und überbezahlten job zu verlieren!

            möchte damit nur mitteilen, dass print nicht generell tot ist!
            nicht alle, aber einige wird es erwischen, weil sie zu starr sind und zuviel stolz haben und ja….das sind wir österreicher! zu stolz um neue wege zu gehen!

            ;-)

            • Emma sagt:

              Das was Sie beschreiben, hat nichts mit Journalismus zu tun und es wird sich auch nicht rechnen. Wenn Sie glauben, Sie können die Leser auf Dauer mit Ramsch abspeisen, kann ich ihnen versichern, davon gibt es schon genug und zwar gratis im Netz. Das ist doch gerade das Gute im Internet. Den Dreck gibt es dort gratis, aber für wertvolle Inhalte muss man auch weiterhin bezahlen! Das Geschäftsmodell, das sie hier vorschlagen, war Teil des Hypes vor der Krise. Agressives Marketing statt Qualität. Werbung statt Inhalte. In Wahrheit ist es eben genau das, was die Leute nicht mehr wollen. Und das was sie als „schönes Produkt“ bezeichnen, das angeblich nur Leute machen wollen, die zu stolz sind für den Ramsch, das ist Journalismus. Und das von dem sie schreiben, hat mit Journalimus nichts zu tun. Das ist Marketing. Und ich lese keine Zeitung um Marketing zu konsumieren, sondern um mich zu informieren!

      • derSauer sagt:

        aber – muss man das wirklich nur negativ sehen? ich meine, wenn es dann mal nurmehr gutgemachte, schöne print-produkte für eine überschaubare anzahl von leuten gibt, die es interessiert das zu lesen und die auch bereit sind, geld dafür auszugeben, also es sich leisten wollen – was ist so schlecht daran?

        die demokratie und gesellschaft sehe ich dadurch übrigens nicht gefährdet. Weil: bloße (gebrauchs-)info kommt ja dann eh, eigentlich auch schon jetzt aus dem netz, das alle haben können … und all jene, die im teuren printprodukt schreiben und was zu sagen haben, werden nebenher via blog meinung bilden

        erstmals bringt mir Ihr print ist tot eher good news …

        • Terence Lennox sagt:

          ..es braucht in der demokratie funktioniernde medien die recherchieren und aufdecken. mit dem tod der tageszeitung gehen diese medien zum teil verloren. investigativer journalismus muss über stiftungen und staatliche intervention finanziert werden. wo er erscheint, wie er sich ausdrückt, ist egal..

          • derSauer sagt:

            gerade hierfür wäre doch der blog in der von Ihnen skizzierten zukunft eine geeignete ausdrucksform! oder nicht?

            • Terence Lennox sagt:

              nein, ich glaube, dass der blog nur zukunft hat, wenn ihn journalisten innerhalb großer networks betreiben. der augeblickliche blog-hype ist die übertreibung des neuen. auch zib21 ist kein blog, sondern eine artikel und meinungsplattform…

      • Terence Lennox sagt:

        soll heißen: „auch das buch“ und nicht „nicht einmal das buch“, sorry

  • Erinnert fatal an die Irrungen und Wirrungen der Musikindustrie, die diemit etwa zehn Jahren Vorsprung in die Malaise geritten ist… und es heute immer noch nicht schafft, ein eigenes, umfassendes & attraktives Internet-Angebot bereitzustellen…

    • Terence Lennox sagt:

      aber es gibt immerhin schon i-tunes..

      • Eh. Aber bei iTunes – dem immer noch ungeschlagenen Prototyp eines Download-Stores – hängt Apple mit drin in der Wertschöpfungskette. Dem Konsumenten ists egal, Künstler und MI schmerzt es.

        • sakristan biringer sagt:

          eine frage: warum darf apple nichts daran verdienen, wenn sie itunes entwickelt haben? das verstehe ich nicht …

    • saxolady sagt:

      Wie wahr!

      Weil:
      wenn jeder alles kann
      kann keiner nix
      wenn jeder nix kann
      kann keiner alles
      wenn niemand nix kann
      kann jeder alles.
      wird noch ein spsß:-)

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