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Georg BironDie Freiheit des Wortes

Von | 13.05.2009, 7:00 | 4 Kommentare

Wir Literaten hatten noch nie so viel Möglichkeiten, Haltung zu zeigen. Nur leider ist Haltung in Verruf und damit aus der Mode gekommen. Endlich … endlich haben wir sie … die Freiheit des Wortes. Wir können schreiben, was wir wollen. Unsere Schriften werden nicht von Diktatoren und ihren Arschkriechern verboten und ins Feuer geworfen. Und […]

deleteWir Literaten hatten noch nie so viel Möglichkeiten, Haltung zu zeigen. Nur leider ist Haltung in Verruf und damit aus der Mode gekommen.

Endlich … endlich haben wir sie … die Freiheit des Wortes. Wir können schreiben, was wir wollen. Unsere Schriften werden nicht von Diktatoren und ihren Arschkriechern verboten und ins Feuer geworfen. Und zumindest im guten alten Europa werden heutzutage schreibende Frauen und Männer nicht im Morgengrauen von der Polizei verhaftet … eingesperrt … gefoltert … und mit oder ohne Prozess umgebracht. Zum Glück leben wir nicht in Russland, Myanmar, China oder an den anderen Schauplätzen der Welt, wo Worte als subversives Saatgut betrachtet werden … wo Literaten eine Kugel wert sind.

Wir können schreiben, was wir wollen. Die Schriftstellerei war noch nie in der Geschichte der Menschheit ein so freies Gewerbe wie heute. Und wir sind dabei völlig unabhängig von Verlegern, Redakteuren, Lektoren & Kritikern, weil wir mit unseren Romanen, Erzählungen, Gedichten oder Essays in den Management-Etagen der multinationalen Medienkonzerne niemandem gefallen und keinen überzeugen müssen … weil wir der Zensur durch den so genannten guten Geschmack oder der Verhinderung durch falsch verstandene „political correctness“ weitgehend ausweichen können … weil wir als leidenschaftliche Wortfabriken einen demokratischen und direkten Zugang zu den Produktionsmitteln haben … weil wir unsere Bücher nicht nur unbehelligt schreiben dürfen, sondern sie sogar selbst herstellen und zum Beispiel bei Veranstaltungen wie dieser über den hübsch arrangierten Büchertisch oder … besser noch … auf dem virtuellen Marktplatz im Internet verkaufen können.
Ganz nebenbei müssen wir die Differenz zwischen Verkaufspreis und Produktionskosten mit niemandem abteilen. Wir brauchen uns nicht mit dem bei Verlagen üblichen Autorenhonorar von zehn oder zwölf Prozent des Nettoverkaufspreises zufrieden zu geben … wir stecken alles, was vom Tage übrig blieb, in die eigene Tasche. Wir sind im marxistischen Sinn aufgestiegen – vom elenden Schreiberproletariat zum selbständigen Wortproduzenten.
Noch nie war es so einfach und so billig, Bücher … oder Kulturzeitschriften … selber herzustellen und auch kleine Auflagen kostengünstig zu drucken. Und schließlich können wir sogar gut und gerne darauf verzichten, unsere Worte auf Papier unter die Leute zu bringen.
Literatur braucht heute weder in Buchform zu erscheinen … noch muss sie in raschelnden Zeitschriften publiziert werden. Die ganze Welt steht uns und unseren Leserinnen und Lesern im Internet offen … 24 Stunden am Tag … sieben Tage in der Woche … zwölf Monate im Jahr. Als Schriftsteller kann ich heute unmittelbar auf das Leben reagieren und jeden, den es interessiert, an meiner Sicht der Welt … der Politik in wirklich spannenden Zeiten … und wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten, uns in Wort und Bild öffentlich mitzuteilen. Ohne dafür ein Honorar zu erhalten.

Endlich … haben wir sie … die Freiheit des Wortes. Wir können schreiben, was wir wollen. Aber: Es interessiert niemanden … oder sagen wir es so: immer weniger Menschen wollen wissen, was die Schriftsteller so denken über Mächte, die uns lenken.
Eine virtuelle Flut aus Wörtern und Bildern, die alle die gleiche Gültigkeit haben, führt allmählich zur Gleichgültigkeit. Die Mehrheit des Publikums ist erschöpft und macht es sich im Biedermeier-Mainstream gemütlich. Viele greifen zu einem Buch und wollen sich bei der Lektüre vor allem wohl fühlen. Das ist gut gegen Nordwind. Die Literatur tritt verstärkt als gesellschaftspolitisches Ablenkungsmanöver auf. Inhaltliche Irritationen sind in der Kunst nicht mehr gefragt. Das Formale wurde in den Vordergrund gedrängt. Werte stehen schon lange nicht mehr zur Diskussion. Literatur hat keinen politischen Anspruch. Es herrscht ein klarer Konsens darüber, was gut und was schlecht, was richtig und was falsch ist. Delfine sind gut, mehr Rechte für die Frauen und ein befreites Tibet. Naturgemäß. Schlecht sind die Waffenhändler, H.C. Strache und die Umweltverschmutzung. Nur die EU ist gut und schlecht zugleich. Wer von solchen Bahnen abweicht, muss mit Konsequenzen rechnen.
Es gab einmal eine Zeit … und ich kann mich noch daran erinnern …, in der das Wort von Schriftstellerinnen und Schriftstellern in unserer Gesellschaft ein philosophisches Gewicht hatte. Weil sie die Welt mit anderen Augen sehen als der durchschnittliche Fernsehzuschauer. Weil sie das, was sie rundherum erkennen, auch innerlich wahrnehmen … manchmal unter Schmerzen … und weil sie es formulieren … analysieren … und in einen Zusammenhang bringen können. Weil Schriftstellerinnen und Schriftsteller eine Haltung zum Leben und zur Welt haben, sind sie in Verruf und aus der Mode gekommen. Weil es in Verruf und aus der Mode gekommen ist, Haltung zu haben und sie auch zu zeigen.

Wir hatten noch nie so viele Möglichkeiten, Haltung zu zeigen. Und wenn wir uns heute hier und jetzt an die Bücherbrennungen der Faschisten erinnern und zur Kenntnis nehmen müssen, dass am vergangenen Wochenende bei einer Veranstaltung in der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Ebensee … Neonazis aufmarschiert sind und die Opfer verhöhnt haben, dann ist es höchste Zeit, dagegen zu halten. In diesem Sinne verabschiede ich mich mit den Worten: „Gott erhalte H.C. Strache … Jörg Haider hat er schon erhalten …“

Anmerkung: Diesen Text habe ich im Wiener Literaturhaus zum Gedenken an die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten am 10. Mai 1933 gelesen.

4 Kommentare »

  • sakristan biringer sagt:

    der biron hat recht.

    nur:

    wer liefert uns einen schrottfilter, der die gute schriftstellerei von der schlechten, platten, hinterfotzigen, überflüssigen trennt?

    klar wird viel geschrieben. klar wird viel publiziert. und LEIDER so einfach möglich wie nie zuvor. klar, dass da der leser in deckung geht. und sich an seichter unterhaltung ergötzt, die ihm ausnahmsweise mal nichts zu sagen versucht. oder ihn auf den rechten weg führen mag …

    was also tun, herr biron? ausser auf honoriscausa losgehen … ?!?

  • karottERL sagt:

    jo sir!

    aber:

    Jetzt ist die Zeit
    in der der Schlaf aufhört
    und unser Traum beginnt.
    Jetzt ist die Zeit
    in der die Wahrheit
    einen letzten Kampf gewinnt.
    Jetzt ist die Zeit
    den Kopf zu heben
    und mir selbst ins Herz zu sehen.
    Jetzt ist die Zeit
    den Weg fern aller Straßen
    für mich selbst zu gehen.
    Jetzt ist die Zeit

    Der Schlaf, der uns gefangen hielt
    war nichts als eine Illusion,
    der Traum, der aufbricht und uns füllt
    verspricht die neue Dimension.
    Was galt als unverrückbar richtig
    und als Wesen dieser Welt
    verblasst, verweht, ist nicht mehr da,
    ist nichts mehr, was im Grunde zählt.

    Jetzt ist es Zeit.
    yes we can8-)

  • truetigger sagt:

    Wie es einem Schriftsteller geht, kann ich nicht beurteilen – ich kenne *durchzähl* etwa 0 in meinem weiteren Bekanntenkreis. Inwieweit also die Künstler unter den Wortakrobaten von den geänderten Lesegewohnheiten und der Konkurrenz einer wahren Heerschar oft zu Recht verkannter Hobby-Schreiberlinge, die ihre Kurzgeschichten und Gedichte stolz im WWW präsentieren, betroffen sind, kann ich maximal raten. Mag sein, dass Schriftsteller früher, in den Zeiten ohne Fernseh-Helden, die Idole der Jugend waren – doch auch früher verstarben nicht wenige dieser Zunft erfolglos und verarmt.

    Bei Journalisten – ich nenn sie der Einfachheit halber mal die Handwerker unter den Wortakrobaten – macht sich eher Unmut über die Alles-Umsonst-Mentalität des Internet bemerkbar. Terence verdient mit dem Äussern dieses Unmuts ja seine Brötchen. Liegt der Niedergang der Printmedien an der Konkurrenz oder an der allgemeinen Wurschtigkeit, am Hang nach Seichtigkeit, an der Sehnsucht nach Oberflächlichkeit?

    Heutzutage ist es schwieriger geworden, als Schriftsteller gleichzeitig intellektuell anspruchsvoll UND provokant zu sein – bis auf einen freundlichen Elfenbeinturm-Hinweis erntet ein kluges Statement zur Lage der Nation keinerlei Kritik mehr. Billige Polemik bringt mehr Publicity, nicht jeder mag sich aber dafür hergeben. Und richtig erfolgreich gemessen an Verkaufszahlen ist man, wenn man so schreibt wie Hollywood Blockbuster konstruiert: kurzweilig, aktuelle Themen streifend ohne allzu politisch zu sein, eine Lovestory darf nicht fehlen und das Ende muss zumindest offen genug sein, um dem durchgehend positiv besetzten Protagonisten zumindest eine Chance auf einen Ausweg zu lassen.

  • markus sagt:

    Im Großen und Ganzen sehr treffend beschrieben! Doch ich bezweifle, dass früher so viel mehr Menschen etwas auf die Einschätzung von Schriftstellern gegeben haben. Und nur weil sich jemand so nennt, heißt das noch lange nicht, dass er/sie auch recht hat. Dass sich der Großteil der Menschheit immer schon hauptsächlich für das Angenehme, auch in der Literatur, interessiert hat, war auch früher nicht viel anders. Die Möglichkeiten, zu publizieren und tatsächlich gehört zu werden, waren jedoch noch nie so groß wie heute. Und das sollte man vielleicht ausnutzen, solange es geht und mit guten Ideen überzeugen!

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