Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Denkzeit » Die Grünen und ich: Es ist aus!
Share

Die Grünen und ich: Es ist aus!

Von | 11.05.2009, 0:15 | 7 Kommentare

Was ist eigentlich mit den Grünen los? Eine gute Frage, die ich da gestern nicht beantworten konnte. Dabei bin ich doch ein klassischer Grün-Wähler. Oder genauer: Ich war einer. Ich habe einen Uni-Abschluss. Obwohl ich es längst besser wissen sollte, träume ich mit Mitte dreißig noch immer von einer erfüllten Zukunft. Ich fahre mit dem […]

Dieses Rad ist eine Fehlkonstuktion. Foto: Flickr/dugsprWas ist eigentlich mit den Grünen los? Eine gute Frage, die ich da gestern nicht beantworten konnte. Dabei bin ich doch ein klassischer Grün-Wähler. Oder genauer: Ich war einer.

Ich habe einen Uni-Abschluss. Obwohl ich es längst besser wissen sollte, träume ich mit Mitte dreißig noch immer von einer erfüllten Zukunft. Ich fahre mit dem Rad durch die Stadt. Ich trinke hin und wieder mit großer Freude Milchkaffee. Und ich habe in den vergangenen Jahren fast ausnahmslos grün gewählt, so wie die meisten meiner Freunde und Bekannten, von denen ich solche Details weiß.

Nun haben die Grünen eine Frau an der Spitze, die mit 40 ihr zweites Kind bekommt und daher auf dem Sonntagskurier von gestern den Muttertag am Cover ins Land trage durfte. Diese Frau tut mir ein bisschen leid, weil sie oft kluge Dinge sagt und umsetzen möchte, aber dann in Interviews über ihre Schwangerschaft und ihre Erziehungsmethoden sprechen muss. Da kann Eva Glawischnig tun, was sie will – sie wird nach diesen Gesprächen immer als privilegiertes Mädchen wirken, das keine Ahnung hat, welche Hürden anderen Müttern im richtigen Leben so unterkommen.
Frau Glawischnig passt gut zur Identität, die bekennende Grünwähler in meinem Umfeld so schätzen. Im Kontext eines Lebens zwischen Naschmarkt, Museumsquartier und Selbstverwirklichung wirkt sie einfach richtiger als die Chefs anderer Parteien. Keinen würde es überraschen, sie plötzlich am Nebentisch des Stammlokals sitzen zu sehen.

Grün zu wählen ist über die Jahre zu einem Reflex verkommen. Und der hat dafür gesorgt, dass die Grünen – ich spreche hier von meiner Wiener Wahrnehmung – zu einer Art Wellnesspartei für Milchkaffeetrinker mutiert sind. Man zieht in pittoresk abgewohnte Immigrantengegenden, treibt die Mieten in die Höhe und fragt sich nach ein paar Jahren verwundert, wo denn plötzlich die romantische Mulitkulti-Kulisse hingekommen ist. Man hat genug Zeit und Geld, um sein Leben irgendwie nachhaltiger zu gestalten. Und man hat auf dem Weg dorthin irgendwann das Denken aufgegeben, kreuzt gehorsam bei jeder Wahl die Grünen an und und lässt die Truppe ansonsten in ihrem eigenen Saft schmoren. Praktisch ist obendrein, dass sie wohl nie in einer Regierung sitzen werden – da lässt sich das Kreuzerl zusätzlich mit aufmüpfigem Schwung hinkritzeln.

Mit solchen Wählern kann keine Partei der Welt Profil gewinnen. Mit solchen Wählern können auch spannende Initiativen (so wie diese) nicht umrühren. Und mit solchen Wählern bleibt alles, was es immer war: Wellness für die, die eh gesund sind.
Der Freund, der mir gestern die Frage nach der Befindlichkeit der Grünen gestellt hat, will übrigens zur Europawahl im Juni hingehen. Er weiß auch schon, was er wählt. „Grün. Was soll ich denn sonst tun?“ Das war dann die zweite Frage, die ich ihm nicht beantworten konnte.

7 Kommentare »

  • joschi mukel sagt:

    das ist das echte Gesicht eines GRÜNEN Führers in Form einer Teufelsfratze.

  • markus sagt:

    Die Grünen sind mittlerweile zu einer ganz „normalen“ Partei verkommen. Statt nachzudenken, nachhaltige Lösungen auszuarbeiten und Demokratie auch in der eigenen Partei zu leben, setzen sie auf Populismus, Stumpfsinnigkeit und verraten ihre Wähler. So auch in Graz, wo ihre Wahlversprechen großteils Lippenbekenntnisse geblieben sind. Wie es scheint, haben sie sich auch schon ganz gut mit dem politischen und wirtschaftlichen Establishment arrangiert und lassen machtlose Grazer Anrainer ins Messer laufen (http://www.kpoe-graz.at/54.2824.0.0.1.0.phtml). Bald knallen sie uns einen 21-Stockwerke hohen Turm vor die Nase, in ein Wohngebiet, wo die höchsten Gebäude nicht einmal halb so groß sind (http://steiermark.orf.at/stories/243154/). Wer da nicht verzweifelt, dem muss alles egal sein.

  • Woyt'sa Vadshn? sagt:

    Leider habe ich mich dabei ertappt, auch so ein grüner „Stammwähler“ zu sein, wobei erschwerend hinzukommt, dass ich rote und schwarze „Stammwähler“ immer als kritiklose „Stimmviecher“ abqualifiziert habe, wohl deshalb, weil sie Parteien anhängen, die schon demonstriert haben, wie man in einer Regierung komplett versagen kann – und sie dann trotzdem gewählt haben.

    Jetzt, wo das Fass am überlaufen ist, die Roten ihre Klientel inhaltlich nicht bedienen und den Schwarzen ihre Stammwähler wegen des Schrumpfens des Mittelstandes fast zwangsweise abhanden kommen, fällt den Grünen, von denen man als einzige erwarten kann, dass sie nicht in St. Rache’s trübem Wasser fischen und daher mein Wahlverhalten ein weiteres Mal bestätigt hätten, nach van der Bellens Abgang nur die undemokratische Krampfhennen-Bobo-Partie ein, die sich völlig abgehoben von der Realität auf rasanter Talfahrt zur Zwergerlpartei befindet.

    Aber ich bin lernfähig…

  • shiraz sagt:

    mich stört weniger das interview, wo glawischnig über ihr leben als mutter redet (bei einem mann ist vatersein ja kein thema, zumindest nicht in der politik).

    vielmehr stört mich die eu-politik der grünen. ein wahl-plakat, das unüberlegt (und vor allem ohne anlass) den jeanne d’arc-topos zitiert und auf mich bildsprachlich wirkt wie…ein betonblock (und mit genau dessen charme).

    und eine parteivorsitzende, der in einem interview zur eu nichts einfällt, außer: „absolut. wir sind die europa-fans – ohne wenn und aber.“

  • truetigger sagt:

    Als Grazer habe ich bei der letzten Kommunalwahl Lisa Rückner mitgewählt – und ihr so zur grünen Vizebürgermeisterschaft verholfen. Nach ein paar grossen Tönen zu Anfang ist es in der Zwischenzeit sehr, sehr ruhig um sie und ihr grünes Team geworden, fast fragt man sich, was dort im Rathaus ausgeheckt wird.

    Aber es gibt auch Lichtblicke: in der Pressestunde in ORF2 hatte sich Ulrike Lunacek überraschend gut verkauft. Sie stotterte nicht um die Auswirkungen ihrer Pläne herum (Schulden, spürbare Änderungen für einige), biederte sich nicht an, wirkte kompetent und dennoch nicht (allzu) arrogant. Auch wenn es momentan unpopulär ist, begründete sie ihre Überzeugung zum Lissabonner Vertrag, und sie verteidigt die Mitgliedsgespräche der Türkei wesentlich intelligenter als die anderen Parteien die Ablehnung derselben.

    Noch dazu ist das Wahlprogramm (ja, Papier ist geduldig, und als Opposition hat man gut reden) nach wie vor eines mit interessanten Ideen.

    Mag sein, dass die neue Boheme (in Berlin nennen wir diese Gutmenschen-Yuppies „Prenzlwichser“, da sie sich im ehemaligen Szenebezirk Prenzlauer Berg zusammenrotten und meinen, sie wären was besonderes) inzwischen die Seitenblicktauglich getunte Glawischnig-Partei wählen und sich dabei ach so avangardistisch vorkommen. Und ja, ich vermiss Van der Bellen auch. Aber noch geb ich als Grünen-Sympatisant NICHT auf, auch wenn ich mir ENDLICH mal ein paar ernsthafte Lebenszeichen der Bewegung wünsch.

  • karottERL sagt:

    ziemlich treffend
    da werde ich mir einfach erlauben, diesen äußerst interessanten kommentar aufs diskussionsforum meiner wahl zu verlinken!
    herzlichst
    karotterl

ZiB21 sind: unsere Blogger