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Damals

Von | 01.01.2007, 21:26 | Ein Kommentar

Ich habe viele Jahre mit einem Kollegen zusammen gearbeitet, den ich hiermit und heute – hei, das wird ihn freuen – einen väterlichen Freund nenne. Über diese Jahre hinweg hat sich ein kleiner Running Gag entwickelt, der immer dann zum Tragen gekommen ist, wenn der Freund von goldenen Zeiten erzählte. Von den Siebzigern und von […]

Ich habe viele Jahre mit einem Kollegen zusammen gearbeitet, den ich hiermit und heute – hei, das wird ihn freuen – einen väterlichen Freund nenne. Über diese Jahre hinweg hat sich ein kleiner Running Gag entwickelt, der immer dann zum Tragen gekommen ist, wenn der Freund von goldenen Zeiten erzählte. Von den Siebzigern und von den Achtzigern. Als er nach Asien reiste. Als er beim wiener begann. Als er HipHop nach Österreich brachte. Als er mit einem legendären Fotografen gemeinsam legendäre Reportagen verfasste, um die sich noch heute in der ganzen Welt zahlreiche Legenden ranken … ja, manchmal hat er ein bisschen übertrieben, aber das ist auch Teil des Spiels gewesen.

Doch zum Running Gag. Der hat einfach nur „Damals“ geheißen und das Wort hat mit verdrehten Augen vorgetragen werden müssen, eine Art Reaktion, die Urgroßvätern entgegengebracht wird, wenn sie vom Krieg erzählen. Damals als Punk kam. („Oh Gott, schon wieder!“) Damals als er in England Häuser besetzte. („Ich schlafe gleich ein …“) Damals als er ganz vorne dabei war, als eine große Subkultur entstand. Da ich den väterlichen Freund beim wiener kennen gelernt habe, gab es viele Geschichten zu erzählen, die mit „damals“ begannen. Denn damals, in der ersten Hälfte der 80er-Jahre war der wiener ein grandioses Blatt, innovativ, spannend, der neueste Scheiß. Damals bewegte er noch. Damals regte er noch auf. Damals erfand er den Journalismus für sich neu.
Das war der wiener alles nicht mehr, als ich dabei war. Doch M., so heißt mein Freund, war noch immer dabei, was das viele Damals erklärt. Ich will es ihm nicht nehmen und noch weniger will ich mich darüber lustig machen, wenn er nicht dabei ist. Im Gegenteil: Ich gönne es ihm, ich schätze es, und zwar immer mehr.
Denn ich habe über die Feiertage ein Buch gelesen, das mich wieder in ein „Damals“ geholt hat, dem auch der gute M. angehören hätte können. „Als wir unsterblich waren“ von Tony Parsons. Es handelt von London im Jahr 1977. Von einem jungen Musikjournalisten namens Terry, der mit den neuen Stars herumhing. Mit den Sex Pistols, mit The Clash, mit Chrissie Hynde. Es handelt von jenem Jahr, in dem Punk gewann. Es ist – wiewohl alle Charaktere erfunden sind – ein autobiografisches Buch, denn Parsons kam damals, also 1977, als junger Bursche zum New Musical Express, jenem Musikblatt das von Anfang an auf die von New York ausgehende DIY-Revolution setzte und damit sensationelle Auflagensteigerungen hinlegte. Parsons wurde damals auch ein wenig berühmt, weil er mit all den neuen Helden ausging. Und weil er mit Julie Burchill zusammenkam, was dann so eine Art Punk-Chronisten-Paar ergab.
Heute ist die Beziehung ebenso Geschichte wie 1977 und Parsons schreibt revisionistische Kolumnen in der Boulevardzeitung „Daily Mirror“, doch die Liebe zu seinen Wurzeln, zu seinem „Damals“ ist ihm geblieben. Und die hat er in einen hübsch zu lesenden, sehr autobiografischen Roman gepackt, der in jener Nacht spielt, als Elvis stirbt und eine neue Musik die alten Langhaardackel mit den Schlaghosen in die Schranken verweist. Dabei wird viel verklärt, sicher. Aber wer damals dabei war, darf sein Damals für die Dramaturgie auch gerne ein wenig verklären.
Auch M. habe ich immer wieder in Verdacht, dass er sein Damals verklärt. Und auch er darf das, denn es waren sicher große Momente dabei, geschichtsträchtige, und seien es nur die frühen Jahre des wiener gewesen. Jeder darf sein Damals verklären – wenn er denn eines hat, das sich verklären lässt.
Die Lektüre von Tony Parsons Roman hat mich nämlich auch ein wenig traurig gemacht. Er war 24, als ihm sein 1977 passierte, also im richtigen Alter für die Revolution. Als ich 24 war, saß ich in einem Lehrgang des Nachrichtenmagazins profil, das gerade einen recht kruden – und brunzlangweiligen – Kurs fuhr.
Ich war damals stolz darauf, weil sie mich aus vielen genommen hatten, aber 1977 war mein 1997 keines. Und auch vorher und nachher: nichts, was sich dereinst als gute Anekdote für die Verklärung meines Damals anbieten könnte. Ich bin so richtig punktgenau in den faden Speck der langen 90er-Jahre hineingewachsen. Jugend im österreichischen Voralpenland. Die Musicbox auf Ö3 und MTV sind der Draht in die Welt. Die Konzerte bahnbrechend schlechter Provinz-Rockbands erden mir das dort eworbene Wissen. Dann Wien, Studium und irgendwann im Journalismus gelandet. Kein Damals, über das es sich zu berichten lohnt. Kein 1977. Kein 1984. Kein was weiß ich.
Soll heißen: Tony Parsons hat mich über die Feiertage traurig gemacht. Und Tony Parsons hat mir gezeigt, wie gerne ich es eigentlich habe, wenn mir M. von seinem Damals erzählt. Ich werde ihn gleich anrufen.

Ein Kommentar »

  • sax sagt:

    Wie gesagt,
    Scheiße, so a lungenentzündung,
    Fast so scheiße wie das balifieber
    Damals, in seventy-nine,
    Aber gottseidank hats
    Damals
    Dann glei gregnt,
    Und de püz san gwachsn
    Und zwa dog späda
    Samma schi gfoahn
    Am mount agung …

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