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Gladius 05. Keine Frau, keine Tränen.

Von | 10.05.2009, 16:09 | 10 Kommentare

Ein Bekannter erzählte mir, dass der Münchner Erzbischof Richard Marx gern Reggae hört, und zwar am liebsten „No Woman, No Cry“ von Bob Marley.

Orpheus & Groupies Das Bekenntnis eines dem Zölibat verpflichteten Mannes zur popkulturellen Weisheit „Keine Frau, keine Tränen“ sei amüsant, ja, sogar schräg, meinte der Bekannte.

Nun, abgesehen vom Umstand, dass jener – in der Karibik angeblich wie ein Hohepriester verehrte – Herr Marley mit den Zeilen vermutlich nur „Nein, Frau, weine nicht“ sagen wollte, ist an der Liebe des Bischofs zu diesem Lied eigentlich gar nichts schräg. Es ist ganz simpel theo-logisch.

Es gibt Tage, an denen gestattet sogar der härtest gesottene katholische Geistliche den gebärfähigen Weibern ein paar sentimentale Gedanken. Leider ist die ihm empfohlene Auswahl eine ernüchternd begrenzte. Da wäre mal, erstens, die Urmutter Eva, nur teilt er diese mit den Juden und außerdem war sie ein Gfrast. Verbotene Frucht, Schlange, Feigenblatt – ein Disaster jagt da in der Genesis das nächste. Bleibt also, zweitens, eine Almah (= junge Frau) namens Maria, und bei Erwähnung derselben wird einem beruflichen Christen jedweder irdische Spaß gleich mal gründlich verdorben. Für einen Mann Gottes gilt da noch immer die „Bulla Ineffabilis Deus“ des Papstes Pius IX aus dem Jahr 1854. Demnach ist die Überlieferung, wonach unsere Gottesmutter Maria frei von jeglicher Erbsünde ist, eine „von Gott enthüllte“ Tatsache und damit basta. Über die unbefleckte Empfängnis der Maria fährt die Eisenbahn.

Natürlich werden jetzt die üblich verdächtigen, mehr oder weniger gottlosen Seelen sofort einwenden, dass Empfängnis ohne vorherige Samenspende schlichtweg unmöglich ist, nur geht es hier nicht um Unmöglichkeit. Es geht um Notwendigkeit. Damit Marias Balg Jesus uns arme Seelen von allem Übel erlösen kann, muss er selbst von göttlichem Samen gezeugt sein. So ist das nun mal in der Theologie. Wir Menschenkinder sind alle die Kinder Adams und somit nicht nur die zufälligen Früchte eines hoffentlich hinreißenden Erlebnisses unserer Zeuger, sondern dadurch auch mit dem Mangel der Erbsünde behaftet. Aber mithilfe eines von den Worten und Werken Jesu befruchteten Lifestyles sollte für Katholiken anlässlich des Lebensendes alles paletti sein. So Gott will.

Warum aber ist es unbedingt notwendig, dass jenes Licht, das uns den Weg weist, göttlicher Herkunft ist? Das hat damit zu tun, dass auch Theologen und Kirchenfürsten letztlich nur mit Wasser kochen. Als es in den Jahrhunderten nach Christi Tod darum ging, eine starke Eingott-Religion neben Zeus alias Jupiter und Co zu etablieren, fiel urchristlichen Denkern wie Klemens von Alexandria und Augustinus von Hippo eben auch nichts anderes ein, als sich von Geschichten der Griechischen Mythologie inspirieren zu lassen. Zum Beispiel von der Orpheus-Sage. Dessen Abstieg in die Unterwelt wurde mit dem Abstieg Christi in die Totenwelt verglichen, der Rest war ein kleiner Spin: Während Orpheus letztlich das Zeug fehlte, seine Geliebte unversehrt dem Hades zu entreißen, erwies sich Jesus als mächtiger. Er zerbrach die Höllenpforte und kann uns Sünder seither in den Himmel geleiten.

Aber weiter mit Orpheus, den schon Augustinus den „Poeta Theologus“ nannte, und der dann ab dem 5. Jahrhundert sogar als „Prophet Christi“ beschrieben wurde. Der war sehr wohl ein Gott, und nicht etwa einer vom Nebengleis. Seine Mutter war die Nymphe und Zeustochter Kalliope, der Vater gar der multitalentierte Apollo, dem unter anderem das Licht, der Frühling und die Künste gehorchten. Seinem Sohn Orpheus vermachte Apollo die göttliche Leier, und so wurde der Filius in der Griechischen Mythologie das, was oben erwähnter Marley in Jamaika ist – der Big Daddy von Musik und Tanz. Mit seinem göttlichen Gesang, so hieß es, betörte er Götter und Menschen und Tiere, sogar die Bäume neigten sich ihm zu, wenn er spielte. Klar auch, dass ihn zeit seiner aktiven Laufbahn als Sänger die Nymphen umschwärmten wie heutzutage die Groupies den Popstar. Eine dieser Nymphen war die saugeile holde Eurydike, welche dem Barden ordentlich unter die Haut ging, bekanntlich aber vorzeitig an einem Schlangenbiss (!) verstarb. Wodurch Orpheus in die Unterwelt stieg, um mit seinem Gesang – seinem Liebesleid für Eurydike – das harte Herz des Hades zu erweichen (theoretisch eine Unmöglichkeit), damit er sie mit ihm ziehen lasse. Rock´n´Roll, sag ich da nur.

Es ist daher wenig erstaunlich, wenn Erzbischof Marx bekennender Fan von Bob Marley ist. Es gibt Musiker, deren Gesänge göttlich anmuten, und für den Münchner Geistlichen ist der Mann mit den interessanten Zöpfen wohl so jemand. Zu Orpheus fehlt einem hohen Kirchenmann da nur noch ein Gedankensprung. Weil die Geschichte des Griechengottes mit jener von Jesus innig verknüpft ist, muss der Erzbischof deswegen nicht einmal ein schlechtes Gewissen haben. Das sollte erst aufkommen, wenn er in der späteren einschlägigen Literatur schmökert, wo ein verbitterter Orpheus sich von der Liebe zu Frauen lossagt und zum Weiberverächter wird. Das wäre dann die Abteilung „Keine Frau, keine Tränen“. Dafür kann zwar der arme Marley nichts. Aber Marley-Fan Marx wird eventuell mit dieser süßen Pein leben können. Man gönnt sich ja sonst nix.

10 Kommentare »

  • sakristan biringer sagt:

    gratis: ja. ins haus: nein. man muss es sich holen das teil. und es ist nicht schlecht gemacht …

    erstmals weckt ein satz der Ihren bei mir irgendwas auf:„Und ja, es ist nun mal so, dass dort, wo keine Versuchung ist, ein Gottesmann nichts verloren hat.“

    wie stehts um die seelsorge? wird die immer nur durch versuchungen nötig gemacht? oder kann es einem auch mal einfach nur so, ganz ohne versuchung, so schlecht gehen, dass man zuspruch nötig hat …?!?

    • Frater Gladius sagt:

      „einfach schlecht gehen“, Herr biringer? Seelisch gesehen? Nicht in der kirchlichen Theorie. Da braucht man im allgemeinen nur tief genug zu schürfen und irgendwann kommt der dreck zu Tage. Aber natürlich gibt es (körperliche) „Pflegefälle“, nur ist das was für Nonnen und alte Pfaffen. Nix für Schwerträger. Die wollen an die Fronten der Seele. Ihr FG

      • sakristan biringer sagt:

        ich fürchte, ich komme Ihrer verworrenen gedankenwelt langsam näher und empfinde so etwas wie … hm …. neid …?!?

  • karottERL sagt:

    frater, ich bin gerührt!

    so eine schöne predigt aber auch!
    vor allem muss ich gestehen, dass mit weibszeugs und kirche und jesus und anderen gottesmännern interessiert ja schon sehr!
    mich nämlich!
    und die maria vor allem!!!
    also, nicht die frau mama! die frau gefährtin, die magda…
    muss gestehen, frater, da geht mir leicht die fantasie durch…
    das war ein besonderes mädl, wenn die herren pfaffen gar so einen aufstand um sie machen. wär ja wirklich interessant, zu wissen, was das fräulein mit dem hippie vom ölberg alles erlebt hat. also nein!! nicht was Sie denken, verehrteseter!! ich würde doch niemals meinem helden unzüchtigkeit oder rebellion unter der kutte, dem talar oder wie immer sein fummel sich nennen mag, unterstellen. niemals nicht!!
    aber trotzdem, irgendwie grummelts da wie feinster dünger an meinen wurzeln, wenn ich mich sanften tag-und nachtträumen hingeb..
    ähm..aber das gehört eher zur beichte.
    amen.
    vergelts Gott!
    8-)
    Ihr KarottERL

    • Frater Gladius sagt:

      KarottERL, Sie haben recht, das gehört in den Bereich der Beichte. Und was man sich da so manchmal anhören muss, das können Sie mir glauben, geht auf keine Kuhhaut. Was aber die „besondere Beziehung” zwischen der Magdalena und dem Nazarener anbelangt, kann ich Sie nur auf NT Johannes, 8.1 verweisen. So mancher christliche Denker geht davon aus, dass es sich bei der „Ehebrecherin“ um die Magda handelt, und es ist wohl eine Beziehung, die von „oben“ arrangiert sein muss, wenn des Nazareners Unterbinden ihrer Steinigung ihm mit der spontanen Findung eines die Jahrtausende überdauernden Klassikers wie „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ belohnt wird. Dieser Satz erwies sich als Schutzschild, und nachdem eine Ehebrecherin tatsächlich dazu verdammt war, nirgendwo Schutz zu genießen, spricht vieles dafür, dass sie dem Nazarener fortan nicht mehr von der Seite wich. Ihr FG

      • KarottERL sagt:

        liebe frater!

        ich gestehe ich habe mich vertieft, eines wurzelgemüses angemessenes verhalten, wie ich schüchtern einwenden darf.
        und meine studien hab ich halt weniger von johannes oder paul oder wie immer die herren da heißen sondern von christopher.
        moore nämlich.
        und seiner bibel nach biff.
        und die magda da ist außerordentlich verehrungswürdig, ich gestehs…
        gerne frech wie ich bin zu diensten und in freudiger erwartung Iher kommenden Predigt..
        wurzelzeugs

        • Frank'n'Furter sagt:

          dem kann nur uneingeschränkt zugestimmt werden, die magda stellt sich da als so richtig, nun ja, ähm, hold dar, dem wenn auch nur temporären gedeihen der groben form nach dem wurzelgemüse nicht unähnlicher objekte recht zuträglich.
          den kanonischen quellen indes ist lediglich zu entnehmen, er habe ihr sieben dämonen ausgetrieben, eine aufgabe mit der sich letzlich jeder mann konfrontiert sieht, so er denn nicht sein leben dem herrn weiht, ein durchaus verständlicherweise gewähltes schlupfloch, sehen doch daneben die herkulischen aufgaben wie aufwärmtraining aus, man vergegenwärtige sich nur die nervenzerfetzende situation beim schuhdealer. wer von euch frei ist von gucci werfe den ersten stiletto, würde er heute wohl sagen.
          was aber nobel verschwiegen wird, ist dass die möglicherweise doch dem allzu heftigen kontakt mit jungen petros-sen – bet-rossen – bet-eseln nur knapp entronnene sich mit komplementären herausforderungen konfrontiert sah, die obsession etwa, ständig hier und da samen zu verstreuen war wohl nicht leicht zu kurieren, von der fixen idee ganz zu schweigen an allem schuld zu sein und die sünde hinwegnehmen zu müssen, aber nagelt mich da nicht fest.
          was täten wir bloß ohne die sünde, nichts zu bereuen, und wir knien doch gerne, wenngleich statt zähren der reue anderes vergießend, aber dieses – holde – bemühen gehört nicht hierher.
          oder vielleicht doch, scheint sich doch alles um das sexte gebot zu drehen, ein verbot eigentlich, alles was spass macht ist entweder unmoralisch oder macht dick, und so nimmt auch die diskussion zu einer der erbauung dienenden predigt den sattsam bekannten verlauf, nichts schmeckt besser als die kirschen aus nachbars garten und des nächsten weib hat die attraktivsten lactatspender. so erweist sich die mär von der sakramentbrechenden später gefährtin als knieschuss, steht doch der heroische heiland offenbar dem problem denkbar mitfühlend gegenüber, zeigt statt einem herz aus gold ein solches für ehebrecherInnen und absolviert uns damit von schuldgefühlen, die allfällig mit dem wohligen kitzel an der spitze des wurzelgemüses oder ähnlichem einhergehen mögen.
          was die kraft des glaubens so alles vermag.
          don’t dream it, be it.
          jo.
          :D

          • Frater Gladius sagt:

            Interessant. Herzlichen Dank für den Exkurs. Ich kann mich erinnern – zu Zeiten vor meiner Berufung zur Wanderung, als ich noch in einer Klause unweit von Passau beheimatet war – dass ein Buch mit dem Namen Moore drauf unter Brüdern einmal herum gereicht wurde. Der Titel dazu hieß „Island of the Sequined Love Nun“, und die Insel war irgendwo in Mikronesien angesiedelt, also diesseits der International Dateline und der Umstand, dass man dort binnen einer halben Stunde vom Dienstag in den Montag fliegen kann, erschien mir über die Maßen faszinierend. Allerdings verhieß der Titel so absolut jenseits aller Subtilität Unzweideutiges, dass ich das Machwerk auf Distanz hielt. Letztlich hat eine Herausforderung nur dann Sinn, wenn man sich ihr wenigstens halbwegs gewachsen fühlt. Ihr FG

  • sakristan biringer sagt:

    einmal abgesehen davon, dass Ihr bekannter sein halbwissen aus der gratispostille „wienlive“ bezieht (mutmasslich …): frater, sie pflegen wohl, wenn es Sie am rechten ohr juckt die linke grosse zehe zwecks kratzens auszufahren …

    warum krampft es Sie stets derartig, für weltliche versuchungen geistlicher leute – Sie selbst eingeschlossen – so ungemein komplizierte herleitungen zu konstruieren? mich dünkt, Ihr stetes jucken unterm talar ist Ihnen selbst so unangenehm, dass sie tagein tagaus nichts anderes im sinne haben, als es so treffend wie möglich zu abstrahieren.

    die hygienischere lösung wäre zweifelsohne, in einen weltlichen beruf zu wechseln. vorschlag: sexkolumnist …

    • Frater Gladius sagt:

      “wienlive”, Herr biringer? Tut mir leid, noch nie gehört. Eine Gratispostille, sagen Sie? Versteh ich da richtig, mir einen Postwurf vor zu stellen, der in dein Haus gelangt, auch wenn du gar nicht willst, dass er in dein Haus gelangt? Ach. So ist es also zu verstehen, wenn einer „mit der Kirche ums Dorf fährt“ (zumal ja das Dorf immer seltener in die Kirche gelangt). Und ja, es ist nun mal so, dass dort, wo keine Versuchung ist, ein Gottesmann nichts verloren hat. Wir brauchen die Versuchung, wie die Mühle das Wasser braucht. Aber dass ich die Auseinandersetzung dann auf das Niveau der Eurydike bringe, anstatt bei Trutscherln wie Britney oder Angelina herum zu grundeln, werden Sie mir doch wohl nicht vorwerfen, oder? Ihr FG

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