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Wehret den Anfängern, das Sequel: Feedback aus der Unterwelt.

Von | 04.05.2009, 16:20 | 3 Kommentare

Ah, die unruhige Jugend, protestierend, schreiend, in Scharen vaziert sie wieder durch die Straßen. Bald rottet sie sich von Langeweile und Untätigkeit ausgehöhlt zusammen und stürmt mitten in das Allerheiligste der Faymänner und Berlusconis, ballt die Fäuste und reißt Götzenbilder nieder, stürmt Opernhäuser, wirft mit Steinen. Leicht formbare Masse, Frater, der Stoff, aus dem das […]

Dirt Devils Antwort auf den Frater vom Vortag.

Devil Dirts Antwort auf das Frater-Wort vom Vortag.

Ah, die unruhige Jugend, protestierend, schreiend, in Scharen vaziert sie wieder durch die Straßen. Bald rottet sie sich von Langeweile und Untätigkeit ausgehöhlt zusammen und stürmt mitten in das Allerheiligste der Faymänner und Berlusconis, ballt die Fäuste und reißt Götzenbilder nieder, stürmt Opernhäuser, wirft mit Steinen. Leicht formbare Masse, Frater, der Stoff, aus dem das nächste dunkle Zeitalter erwächst, vom spontanen Trotz zur Kettenreaktion und weiter zur weltumspannenden Straßenschlacht. Auch mein schwarzes Herz jubelte bei diesen Bildern, wie bei jeder hirnlosen Regung, die den Samen der Gewalttätigkeit in sich trägt.
Obwohl sich diese Saat mit dem vorgebrachten Faulheitspostulat gar nicht gut verträgt.
Also sprach mein Chef, betrübt, besorgt in dieser frohen Stunde: Ich bin mir nicht sicher, Dirt, ob diese Meute Planungssicherheit verspricht. Unstet sind diese jungen Kreaturen, geblendet von flackernden Bildern aus unseren gut gemeinten Maschinen. Früher, in der großen Zeit des Egoshooters, konnte man noch auf die unheilsbringende Kraft der Maschinen bauen. Computer, Playstation, X-Box, wir dachten, diese Spielzeuge hätten Potenzial. Doch heute? Sieh, was daraus geworden ist! Unser Nachwuchs verliert sich in Online-Rollenspielen, virtuellen Phantasien und Social Networking, irrt entgeistert herum, sauft sich ins Koma, schreit sinnentleert nach einer Freiheit, die aus purer Faulheit und Ignoranz besteht. Ich fürchte, wir haben uns geirrt, auch die kleinen Telefone und Musikgeräte, deren Erfindung wir einst vorbehaltlos unterstützt haben, sind unserer Sache nicht dienlich. Genausowenig wie all das Gemetzel in den heutigen Killerspielen, brrrr, dass ich nicht lache. Was nützen uns die paar Amokschützen pro Jahr, wenn der große Rest der Meute wie eine blökende Schafherde umherirrt und schon zufrieden ist, wenn eine Fernsehkamera die lauthals vorgebrachte Forderung nach weniger Schule einfängt.
Ich bin enttäuscht, da steckt keine Kraft dahinter. Da fehlt mir das verheerende Feuer, das in den Herzen lodert und das große Bild der Zerstörung verheißt.
Gemach, gemach, entgegnete ich. Und der advocatus diaboli in mir, der ja in Wahrheit ein dummdreister Provinzpolitiker ist, erging sich augenblicklich in Worthülsen und Planspielen: Vielleicht müssen wir noch ein weiteres Maßnahmenpaket verabschieden, Förderungen in Aussicht stellen, Spitzenkandidaten abwerben, Wahlen vorziehen. Pah, entrüstete sich der Chef, welche Wahlen? Wir müssen was unternehmen, und zwar schnell! Wir brauchen einen neuen Unheilsbringer, der was taugt. Und wenn wir den nicht finden, dann zumindest einen Märtyrer.
Vielleicht einen dieser Kidults, von denen der Frater sprach, wagte ich einzuwerfen. Einer, der von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde, seinem Vater ins Drogenmilieu folgte, später eingekerkert und vorzeitig entlassen wurde. Einer, der total verbittert ist, verwahrlost am Dachboden des elterlichen Hauses dahinvegetiert, nach Jahren der Entbehrung zufällig von einem Schulsprecher entdeckt und als Opfer eines bildungsfeindlichen Systems der Öffentlichkeit präsentiert wird? So einer?
Meinetwegen, sagte mein Chef mit schwacher Stimme. Irgendeine Identifikationsfigur halt. Aber eine, die was taugt. Und die den sofortigen Untergang einleitet. Hassparolen, Gräueltaten, Vernichtungskriege – du weißt schon, das ganze Programm.
Ich setze sofort alle Hebel in Bewegung, versicherte ich dem Gebieter, wohlwissend, dass ich einen großen Schmarrn tun würde. Denn diese Dinge erledigen sich praktisch immer von selbst. So faul und träge kann die nachfolgende Generation gar nicht sein, dass sie diese Chance nicht wahrnehmen würde.
Und ich, Frater, hocke dann in meinem Erdloch und lausche dem Geräusch der großen Reinigung. Die Tonlage ändert sich im Lauf der Jahrhunderte, müssen Sie wissen. Und doch ist es immer wieder das gleiche Heulen und Knirschen, das mir zarte Schauer eines wutentbrannten Fiebers über den Rücken jagt.
Soviel zu meiner kleinen Geschichte aus den letzten Tagen des April. Eine köstliche Geschichte, wie ich meine, denn letztlich kann es das Jungvolk keinem recht machen: Ihnen nicht, und meinem Chef natürlich auch nicht.

Leben Sie wohl, Frater. Und loben Sie Ihren Herrn, denn er weiß, wie man sich nobel zurückhält.

Ergebenst,
Ihr Devil Dirt

3 Kommentare »

  • KarottERL sagt:

    erlöser sagen sonst immer die, die mich auszupfen wollen, oder loslöser? auslöser?
    na wie auch immer, rohrbenutzer der schmutzigsten art. ich harre der dinge die da kommen und genieße den frischen dünger, der diesmal aus erdigster tiefe hochsteigt. vielleicht wird ja doch noch eine richtige karotte aus mir!
    und fürcht dich halt nicht. dieses phallussymbolgehabe, dass meiner einer da immer unterstellt wird, ist schall und schmeck;-)

    auf wortgewaltiges vorspiel…..

  • karottERL sagt:

    ha!
    welch wohlerzogener schmutzfink er doch ist! sollt dem provinzpolitiker doch zu denken geben, dass nicht mal der scheffe weiß, wofürs gut ist!
    der eine nicht und der andere auch nicht.
    nicht umsonst sagten schon klügere oder doch zumindest ältere voraus, dass die häuser der generationen doch sehr verschiedene sind. und wer die gäste sind? und wer die herren? und wie der hausbrauch so und überhaupt?
    wenn wer nur wüsste, wies weitergeht.
    aber häme und schadenfreude stehen dir schon gut, schmutzfink. das bisserl neid, dass da mitschwingt in meinem dingsda gilt deiner so uneitlen ausdrucksweise…wer weiß, vielleicht weck ich den narziss ja doch in dir, auf dass die öhrchen nach innen lauschen statt dem gesäusel der tobenden massen. fragt sich nur, woher die wohl kommen sollen.
    programmiert auf leistung und mammon hat das ja ganz gut funktioniert, da wußten die lieben heranwachsenden wenigstens, wos lang geht. aber wenn da plötzlich einem einfällt, dem goldenen bruder den rücken zu kehren und doch dem staubigen herrn zu dienen…und seis mit dem schwert in der hand und im mund…jaja, da sollte dir doch die pflicht in die adern fahren. wer weiß schon, ob nicht die faulheit und das geforderte recht auf dummheit mehr sind, als euer werkzeug, die trägheit.
    mir schmeckt das wachsen so gut wie das gedeien, seis drum!
    lehne mich zurück und beobachte aus wunderbar erdnaher perspektive das winden der würmer und stürmen der hasen und freu mich, dass sich was tut!

    • Devil Dirt sagt:

      Ja, Karottenwesen, nun begegnen wir uns also hier, in einer neuen, komfortablen Arena, fern von Patern und Fratern und dem Rest der klerikalen Brut. In ihrer grenzenlosen Weisheit und Güte haben die Schöpfer dieses Blogs ein Sprachrohr in die Erde gerammt, um meinen Worten mehr Raum und Fülle zu verleihen. Ich fürchte, sie wissen nicht, auf welch teuflischen Pakt sie sich da eingelassen haben. Und ich persönlich weiß nicht, warum du mir Trägheit unterstellst! Genau das Gegenteil ist der Fall, ich dulde keinen Stillstand. Mag sein, dass andere für mich zur Tat schreiten. Mag sein, dass ich zwischenzeitlich meine müden Knochen im Dreck wälze und über das Feuer hänge. Doch mein höllisches Verlangen treibt mich weiter, immer weiter, tapfere Erdenfrucht. Hüte dich vor falschen Hasen und dummen Bauern, nähre dich von erdnahen Textzeilen und sei bereit für meine unermessliche Gier nach frisch gepflücktem Rot!
      Dein Erlöser, D. Dirt

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