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Gladius 04. Wehret den Anfängern. Kids, Kidults & Demokratie.

Von | 03.05.2009, 15:20 | 4 Kommentare

Die Umstände waren wie ein köstlich warmes Bad, das die Knochen belebt und neue Hoffnung knospen lässt, und die Wärme kam von zehntausenden jungen Menschen, die in unseren Städten auf die Straße gingen, um mit Bannern und Sprüchen lautstark zu demonstrieren. Mein Herz jubelte. Es ist soweit, frohlockte ich, und nicht zu früh, denn die […]

freiheit!

Liberté by Phillipe Leroyer

Die Umstände waren wie ein köstlich warmes Bad, das die Knochen belebt und neue Hoffnung knospen lässt, und die Wärme kam von zehntausenden jungen Menschen, die in unseren Städten auf die Straße gingen, um mit Bannern und Sprüchen lautstark zu demonstrieren. Mein Herz jubelte.
Es ist soweit, frohlockte ich, und nicht zu früh, denn die Welt liegt nun einmal im Argen. Alle ruinieren den Planeten, die Wenigen haben alles und die Vielen den Hunger und nun steuert das Gespenst der Rezession auch noch die Insel der Seligen an. Wer sonst als die Jugend sollte da beschließen: Wir haben es satt, wir machen nicht mehr mit, wir fordern Freiheit, Gerechtigkeit und Brüderlichkeit und zwar sofort. Nur die Jugend kann das tun, denn ihrer sind Unrast und Ungeduld. Seid gegrüßt, ihr Rebellen, dachte ich. Und dann kam die kalte Dusche. Von all den demokratischen Tugenden, die es zu fordern gibt, wollten sie nur eine. Freiheit. Von der Schulbank, von Bildung, von Mündigkeit. Zehntausende junge Österreicher gingen auf die Straße, um auf ihr „Recht auf Faulheit“ zu pochen, wie diverse Banner bekundeten. Faulheit? Verzeihung, aber ist das nicht der Zustand schlechten Obstes und verwesender Tiere?

Werte Demonstranten, geht es Euch gut? Habt Ihr noch alle Kekse in der Dose, damit Euch daraus bei Bedarf ein inspirierendes Mahl entstehe? Ich muss gestehen, ich habe keine verlässliche Ahnung über Eure Befindlichkeit, zu uns in die Klause kommen keine jungen Leute. Dahin kommen nur Väter und Mütter, die pausenlos jammern. Über erwachsene Söhne, die Erwachsenheit verweigern. Über fertige Magister, die wieder im Elternhaus einziehen, weil sie nun wissen, dass sie das, was sie studierten, nicht interessiert. Über Nesthocker, die nicht ausziehen wollen, weil die von den Eltern finanzierte Mietwohnung nicht ihren Erwartungen entspricht. Über Töchter, die nun zwar ihr Baby haben, aber auf die Mutterschaft dazu lieber verzichten würden. Die Liste der elterlichen Klagen ist endlos. Nur war sie das schon immer. Eltern jammern über den Nachwuchs, so ist das nun mal, deswegen höre ich da selten hin.  Unlängst sah ich welche. Ich war bei einer Familie zum Tee, und die Kinder dort machten seltsame Dinge. Sie standen vor TV-Geräten, fuchtelten mit weißen Dingern durch die Luft und ergingen sich in allen möglichen Erregungen. „Wii“ nannten sie das. Verblüffende Sache, aber dennoch, nach fünf Minuten war ich dann sehr müde.

Als dann die Eltern zwecks Empfang der Nachrichten die Herrschaft über das TV-Gerät erzwangen, verzogen sich die Kids auf ihre Zimmer. Zum Networking auf Facebook, erklärten die Eltern. Ich hab eine Facebook-Seite angeschaut, dort schrieb einer „ich werde jetzt mit der Lilliputbahn fahren“, ein zweiter kommentierte „Pass nur auf, dass dir nicht schwindlig wird“, und das wäre alles süß und töricht, aber wie sich heraus stellte, war der Lilliputbahnfahrer ein Mann jenseits der vierzig. Eindeutig kein Kind, aber sein Gemüt war ebenso eindeutig in kindlichen Bahnen unterwegs. Offenbar war das einer jener vielen Zeitgenossen, die sie jetzt „Kidult“ nennen. Ein Erwachsener mit Hang zu Teenagereien. Früher verstand man darunter Menschen, die am Peter Pan Syndrom leiden, so jemand wie den Berufsjugendlichen Heinzl. Und noch früher nannte man den Archetyp dazu den „Homo Ludens“, oder kurz: Luder.
Ich fragte einen Kidult, warum er so drauf ist, und er meinte „weil ich kann“. Er kann es sich leisten, er kann Sex haben, ohne Kinder zu kriegen, er kann gut ohne Verantwortung leben. Das ist angenehm. Unangenehm werde es nur, wenn er innehält und nachdenkt. Dann komme er sich lächerlich vor. Deswegen hält er nicht inne und denkt nicht nach.
Was kann man zu derlei Trägheit des Herzens sagen? Eigentlich jede Menge. Man könnte beschwören, dass Faulheit der Beginn aller Laster sei, aus der nur Feigheit und Ignoranz gedeihen, aber wer mit sowas kommt, der ist ein alter Sack. Man könnte in den Alten Schriften stöbern, wo  unter Moabitern ein Gott der Faulheit namens Belphegor sein Unwesen trieb, den man mit Gold fütterte und der dafür sorgte, dass aus den Moabitern nie mehr als ein unwesentlicher Absatz eines unwesentlichen Kapitels der Geschichte wurde. Man könnte den Belphegor entstauben und die Kinder damit schrecken, nur gab es das schon, in einem TV-Film der fleißigen 60er Jahre stellte der Belphegor arglose Besucher des Pariser Louvre beim Müßiggang und brachte sie um die Ecke. Allerdings schreckte das niemanden, es war lediglich spannend.
Man könnte den Kids und Kidults auch mit „Wehret den Anfängen“ kommen, dem Klassiker von Cicero, der mit diesem Satz beklagte, dass die vielen anständigen Bürger viel träger sind als die wenigen, die den Staat gefährden, dass also Trägheit die Demokratie ruiniert, wenn die Vielen nur zusehen, wie die Wenigen der Umwelt den Mittelfinger geben. Das alles könnte man sagen und es wäre richtig und wichtig. Nur höre ich, dass es in den Schulen keinen Cicero mehr gibt. Seltsam, dabei war doch grad der so spannend. Aber überhaupt geht den Kindern die Schule am Arsch vorbei und die Kidults lassen sich auch nicht so leicht zu einem Talk herab. Sie fahren grad Hochschaubahn, die Luder.

4 Kommentare »

  • karottERL sagt:

    kreuzteufel aber auch! da zersaust mir doch gleich der schopf!
    bitte ehrlichst um entschuldigung, aber verehrtester!
    der freie wille beugt sich dem diktat? obschon ich eure tiefe gläubigkeit und hingabe an des boss bewundere, frag ich mich doch…
    wess stimme ist es, die euch leitet?
    dringt sie in die ohren, ins herz oder gar tiefer?
    nun, es geziemt sich wohl nicht für ein einfaches kirchenmitglied so frech zu fragen, es deucht mich nur, frater, es deucht mich…

    sakra, schnell das kreuzzeichen und Euer Segen, Frater1
    Ihr verwirrtes
    Karotterl

  • dirtdevil 1313 sagt:

    Ah, die unruhige Jugend, protestierend, schreiend, in Scharen vaziert sie wieder durch die Straßen. Bald rottet sie sich von Langeweile und Untätigkeit ausgehöhlt zusammen und stürmt mitten in das Allerheiligste der Faymänner und Berlusconis, ballt die Fäuste und reißt Götzenbilder nieder, stürmt Opernhäuser, wirft mit Steinen. Leicht formbare Masse, Frater, der Stoff, aus dem das nächste dunkle Zeitalter erwächst, vom spontanen Trotz zur Kettenreaktion und weiter zur weltumspannenden Straßenschlacht. Auch mein schwarzes Herz jubelte bei diesen Bildern, wie bei jeder hirnlosen Regung, die den Samen der Gewalttätigkeit in sich trägt.
    Obwohl sich diese Saat mit dem vorgebrachten Faulheitspostulat gar nicht gut verträgt.
    Also sprach mein Chef, betrübt, besorgt in dieser frohen Stunde: Ich bin mir nicht sicher, Dirt, ob diese Meute Planungssicherheit verspricht. Unstet sind diese jungen Kreaturen, geblendet von flackernden Bildern aus unseren gut gemeinten Maschinen. Früher, in der großen Zeit des Egoshooters, konnte man noch auf die unheilsbringende Kraft der Maschinen bauen. Computer, Playstation, X-Box, wir dachten, diese Spielzeuge hätten Potenzial. Doch heute? Sieh, was daraus geworden ist! Unser Nachwuchs verliert sich in Online-Rollenspielen, virtuellen Phantasien und Social Networking, irrt entgeistert herum, sauft sich ins Koma, schreit sinnentleert nach einer Freiheit, die aus purer Faulheit und Ignoranz besteht. Ich fürchte, wir haben uns geirrt, auch die kleinen Telefone und Musikgeräte, deren Erfindung wir einst vorbehaltlos unterstützt haben, sind unserer Sache nicht dienlich. Genausowenig wie all das Gemetzel in den heutigen Killerspielen, brrrr, dass ich nicht lache. Was nützen uns die paar Amokschützen pro Jahr, wenn der große Rest der Meute wie eine blökende Schafherde umherirrt und schon zufrieden ist, wenn eine Fernsehkamera die lauthals vorgebrachte Forderung nach weniger Schule einfängt.
    Ich bin enttäuscht, da steckt keine Kraft dahinter. Da fehlt mir das verheerende Feuer, das in den Herzen lodert und das große Bild der Zerstörung verheißt.
    Gemach, gemach, entgegnete ich. Und der advocatus diaboli in mir, der ja in Wahrheit ein dummdreister Provinzpolitiker ist, erging sich augenblicklich in Worthülsen und Planspielen: Vielleicht müssen wir noch ein weiteres Maßnahmenpaket verabschieden, Förderungen in Aussicht stellen, Spitzenkandidaten abwerben, Wahlen vorziehen. Pah, entrüstete sich der Chef, welche Wahlen? Wir müssen was unternehmen, und zwar schnell! Wir brauchen einen neuen Unheilsbringer, der was taugt. Und wenn wir den nicht finden, dann zumindest einen Märtyrer.
    Vielleicht einen dieser Kidults, von denen der Frater sprach, wagte ich einzuwerfen. Einer, der von seiner Mutter sexuell missbraucht wurde, seinem Vater ins Drogenmilieu folgte, später eingekerkert und vorzeitig entlassen wurde. Einer, der total verbittert ist, verwahrlost am Dachboden des elterlichen Hauses dahinvegetiert, nach Jahren der Entbehrung zufällig von einem Schulsprecher entdeckt und als Opfer eines bildungsfeindlichen Systems der Öffentlichkeit präsentiert wird? So einer?
    Meinentwegen, sagte mein Chef mit schwacher Stimme. Irgendeine Identifikationsfigur halt. Aber eine, die was taugt. Und die den sofortigen Untergang einleitet. Hassparolen, Gräueltaten, Vernichtungskriege – du weißt schon, das ganze Programm.
    Ich setze sofort alle Hebel in Bewegung, versicherte ich dem Gebieter, wohlwissend, dass ich einen großen Schmarrn tun würde. Denn diese Dinge erledigen sich praktisch immer von selbst. So faul und träge kann die nachfolgende Generation gar nicht sein, dass sie diese Chance nicht wahrnehmen würde.
    Und ich, Frater, hocke dann in meinem Erdloch und lausche dem Geräusch der großen Reinigung. Die Tonlage ändert sich im Lauf der Jahrhunderte, müssen sie wissen. Und doch ist es immer wieder das gleiche Heulen und Knirschen, das mir zarte Schauer eines wutentbrannten Fiebers über den Rücken jagt.
    Soviel zu meiner kleinen Geschichte aus den letzten Tagen des April. Eine köstliche Geschichte, wie ich meine, denn letztlich kann es das Jungvolk keinem recht machen: Ihnen nicht, und meinem Chef natürlich auch nicht.

    Leben Sie wohl, Frater. Und loben Sie Ihren Herrn, denn er weiß, wie man sich nobel zurückhält.

    Ergebenst,
    Ihr Devil Dirt

  • KarottERL sagt:

    frater!!!
    verehrtester!!!!!
    muss ich wirklich aus meinem schatten raustreten und erstaunt feststellen, dass der über alles geschätze gladiator der kanzel dem vor-und nachdenker aristoteles nachzueifern pflegt und die heutige jugend auf ihre blödheiten abklopft?

    es ist ja nicht so, hoch- und kraftwürden, dass ich Ihnen überhaupt nicht zustimmen möchte. die trägheit resultierend aus der geizistgeil-rangordnung nervt das gemüse seit geraumer zeit, keine frage. aber den 40jährigen kidult mit den unschuldigen Schülern in einen Topf zu werfen ist nahezu gladiunwürdig! zum thema faulheit erlaub ich mir einen kleinen hinweis aus meiner kindheit. http://www.youtube.com/watch?v=E00xSY3r35s – ist es denn so verwerflich, dieser tugend zu fröhnen, wo doch sie es sein soll, die der kreativität den weg bereitet?

    sehen Sie einem karotterl sein freches mundwerk nach, bei dieser frisur….was soll man da erwarten.

    mit spuren von reststolz leicht zerknittert
    Ihr
    KarottERL

    • Frater Gladius sagt:

      KarottERL,
      Wenn Sie nur wüssten, wie sehr mich manchmal meine Meinung nervt. Es ist ja nicht so, dass ich beim sonntäglichen Schreiben denke. Ich folge einem Diktat, und nicht immer freien Willens. Eigentlich nie. So ist es mit Kuttenträgern. Ihnen aber sehe ich das freche Mundwerk gerne nach. Tatsächlich bin ich Ihnen bei dieser Frisur …. so gut wie ausgeliefert. Ihr Gladius, Frater.

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