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Dunkelkammermagie

Von | 19.03.2016, 12:37 | Kein Kommentar

Erich Reismann. Portrait des Meisters einer verlorenen Kunst.

Rudolf Nurejew by Erich Reismann

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick, die kam zehn Minuten später, als er sich die erste Zigarette anzündete. Time takes a cigarette, sang Bowie, und manchmal bricht so eine Zigarette auch das Eis.

Das Dumme war, dass Erich Reismann gerade frisch vom Friseur kam, und so blieb mir zunächst verborgen, womit ich es zu tun hatte. Frisch getrimmtes und geföntes Haar passt nicht zu einem Jungen Wilden, und Reismann war ein Junger Wilder. Einer der aufregenden jungen Fotografen, die in der boomenden Medienszene der 80er Jahre gerade begannen, ihre Handschrift zu hinterlassen. Die Zeit war günstig, sie gehörte den Yuppies, die hochglänzende Medienbabys wie Wiener und Cashflow schufen, ideale Plattformen für jene Bildkünstler, die ihre Subjekte nun so scharf ins Bild rückten, dass nicht einmal die Anzahl ihrer Nasenhaare verborgen blieb.

Es waren die goldenen – und in Österreich viel zu kurzen – Jahre für Schwarzweiß-Fotografie in den Printmedien, nur konnten wir das nicht wissen, bekanntlich wird nach vorne nur gelebt, was erst im Rückblick verstanden wird.

Das Nette war, dass ich Erich im Rahmen einer gemeinsamen Arbeit kennen lernte. Ein Fotograf, das war für mich zuvor lediglich jemand, der nur auf den Knopf drücken musste, um ein Resultat zu haben. Und so geriet ich unvermutet in eine faszinierende Lehre. Von der Kunst, mit Licht umzugehen, dem Subjekt der Begierde die Befangenheit zu nehmen, es zu „öffnen“; von der Geduld auf den richtigen Moment zu warten und vieles mehr, da waren Momente, die mich an einen Jäger denken ließen, und in der Tat ist Reismann der Sohn eines Försters.

Die wahren Unvergesslichkeiten aber kamen, als die Abenteuer vorbei schienen, sie kamen im Rotlicht der Dunkelkammer, in von Chemikalien geschärfter Atmosphäre. Das Goldene an den Zeiten war ihre Analogie. Die Magie des Transfers von einem Negativ in ein positives Resultat ist etwas, das sich mit nichts vergleichen lässt, Reismann war ein Meister dieser heute verlorenen Kunst, und ich persönlich bin einer, der jenen analogen Zeiten hemmungslos nachweint.

Nichts gegen die digitale Gegenwart, aber die Fotografie in Zeiten des Fotoshops kommt mir ein wenig wie Schifahren auf Carvern vor: Jeder Trottel kann heutzutage wedeln. Was bleibt, für einen wie mich, ist der Trost des unfassbar Privilegierten. Beim Betrachten des obigen Bildes von Nurejew sehe ich nicht nur ein exzellentes Portrait. Ich sehe ein zunächst weißes Blatt, das langsam graue Konturen gewinnt und plötzlich dramatisch in die Tiefe geht. Ich sehe gekrümmte Daumen und Zeigefinger, die in kreisförmigen Bewegungen Licht ins Dunkel zaubern. Ich sehe Reismann im weißen Labormantel.

Ich sehe ein Bild für Götter.

INFO

Die englische Version dieser Zeilen finden Sie HIER.

Empfehlung: Homepage Erich Reismann.

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