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Was heißt da sexuell?

Von | 01.03.2016, 17:10 | Kein Kommentar

Sex ist ein kommunikativer Prozess. Das ist gegenseitige Bedeutungsvermittlung. Und schließt Missbrauch aus.

Es war immer kompliziert. Es war nie einfach, auf die ersten Signale deiner aufgescheuchten Hormone sinnvoll zu reagieren, um daraus einen netten sexuellen Reim zu machen. Du bist auf First Base, in deinem Blut macht sich das Stresshormon Adrenalin wichtig und lockert quasi nebenbei auch ein paar Endorphine, also fühlst du dich so irgendwie und weißt nicht wieso. Allerdings mischt sich bei etwas Pech auch das Limbische System in die verwirrende Sache und lenkt deine Aufmerksamkeit per Dopamin- und Noradrenalinausschuss in zielgerichtete Bahnen: Ach ja, da war doch dieser interessante Blick, Absender weiblich; keineswegs ein abfälliger, „hm-sicher-ein-potenzieller-Gewalttäter-mit-irgendeinem-Hintergrund“-Blick, sondern ausgesprochen angenehm. Vielleicht hatte der Absender auch noch ein paar wohltemperierte Worte nachgelegt, und egal, was sie sagte, der Klang ihrer Stimme hatte es in sich, dieser Klang hallte nach, er ging an die Nieren – und jetzt hast du den Hormonsalat. Adrenalin, Endorphin, Dopamin – das macht in Summe Betörung, Männer sind ja ziemlich simpel gestrickt.

Du musst jetzt nicht erst auf eine Erektion harren, um dich zu fragen: Wie wird aus der verwirrenden Betörung ein akzeptables sexuelles Ereignis? Die Frage kommt wie von selbst. Der Gedanke an Sex ist immer gleich nebenan.

Tatsächlich brauchst du morgens nur aufzuwachen, um zunächst gleich einmal an Sex zu denken, ganz ohne Hormone. Aber dieser biochemische Stimulus, den sie dir verpassen, ist wichtig. Er ist wie eine Flamme, die gern Feuer wäre. Du brauchst das Hormonspektakel, sonst wird dir nicht warm. Der Rest ist ohnehin eine Odyssee mit ungewissem Ausgang. Weil das zivile Leben nicht Porno ist. Es wird keine Mia Khalifa an deine Haustür klopfen und sich als neue Putzfrau vorstellen, die dir fünf Minuten später gleich mal einen bläst, weil sie beim Abwaschen patschert war und einen Teller zerbrach. Leider nein. Das Leben hat andere Drehbücher, zumal heute. Es ist heute alles viel komplizierter. Die Welt ist kompliziert, Frauen sind kompliziert, und Sex ist auch kein Brösel.

Allein der Begriff „sexuell“ ist heute toxisch. „Sexuell“ hat miese Presse. Wenn das Wort im Tagblatt Schlagzeile macht, steht daneben immer gleich „Missbrauch“ oder „Gewalt“ oder Ähnliches. Irgendwas Ekliges, das dich runterbringt. „Sexuell“ kommt nie sexy rüber. Es ist wie Sprachverwirrung. Sex ist bereits kompliziert, noch ehe die zwischenmenschlichen Komplikationen beginnen. Wer braucht das?

Also: Ich bin dagegen. Dagegen, dass von „sexuellem Missbrauch“ geredet wird, wenn sich irgendwo – heuer medienaktuell: amerikanische Universitäten, englische Schulen, deutsche Bahnhöfe etc – Männer mit zivilisatorischen Lernschwierigkeiten bzw aggressive Mobs an Frauen vergreifen. Das ist Missbrauch, das ist kriminell. Aber es ist nicht „sexuell“. Es geht und ging dabei nicht um sexuelle Befriedigung sondern um die inszenierte Erniedrigung Anderer. Das ist kein sexueller Akt. Sex ist ein kommunikativer Akt, das heißt, die am sexuellen Akt Beteiligten vermitteln einander Bedeutung, mit weitgehend nonverbalen Mitteln. Sie sind tendenziell befreiend und ermächtigend unterwegs, sie zelebrieren Best of Gemeinsamkeit. Sowas hat mit den Aktionen obiger Mobs nichts zu tun. Die sind nur kriminell.

Es gibt gute Gründe, den „sexuellen Missbrauch“ wenigstens als Oxymoron zu outen. Als widersprüchliche Wortnachbarschaft. Wie der „alte Knabe“ oder der „stumme Schrei“. Nur ist das zu wenig. „Sexuell“ braucht keinen miesen Beigeschmack, dafür ist der Akt, mit dem dieses Adjektiv in Zusammenhang steht, zu elementar. Und für kongeniale Zwischenmenschlichkeit braucht es die richtige sexuelle Haltung. Das heißt, es gibt ein paar Bedingungen, ohne die es nicht geht.

Somit zurück zur First Base. Zum betörenden Stimulus, den der weibliche Absender triggerte und nun zwecks Abklärung gern einen Respons hätte. Du brauchst zwischenmenschliche Nähe, um zu kommunizieren. Ein Date oder was. Vor allem deine Nase braucht Nähe. Es ist eigentlich ein Glücksfall, dass die erste sexuelle Kommunikation passiert, ohne den Beteiligten bewusst zu werden. Unsere Pheromone – körpereigene Duftstoffe – sind wesentliche Entscheidungsfaktoren beim Ja oder Nein zum Sex. Egal, welcher Schmarrn deinem Mund im Smalltalk entfährt: Wenn dein (männliches) Androstenon sie ausreichend beeindruckt, um ihre Schweißdrüsen zur Entfaltung von Kopulinen zu animieren (betörend!), ist die Second Base in Reichweite. Allerdings ist die Chance auf Sex auch von ihrem Major Histokompatibilitäts-Komplex (MHK) (4) abhängig, einem genetischen Träger der sexuellen „Erkennungsmoleküle“, der unsere Kopulation steuert, also signalisiert, ob eine eventuelle Genverschmelzung „gesund“ ist. Nur kann dir das egal sein. Es fällt dir nicht auf. Außer, man kann einander nicht riechen.

Die wichtigste Bedingung aber kommt vor dem eigentlichen Akt. Sex bedarf der Einwilligung aller Beteiligten. Vier von fünf einschlägigen Fällen, die zum massiven Konflikt werden, haben damit zu tun, dass ein „nein“ nicht als „nein“ akzeptiert wird. Also, Monsieur: Wenn du dich trotz ihrer Ablehnung an einer Frau vergreifst, hast du weder Sex, noch bist du in irgendeiner Form sexuell unterwegs. Du bist lediglich kriminell.

Aufmacherfoto: Leon Israel, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Foto 2: porno-screenshot

 

 

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