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Assads Grausamkeit, ein Nährboden für ISIS

Von | 11.11.2014, 20:37 | Kein Kommentar

Wir dürfen nicht weiter auf einem Auge blind sein. Auch Assads Mörderbanden müssen in den Fokus unserer Aufmerksamkeit.

Die Grüne Gruppe im Außenpolitischen Ausschuss veranstaltet das nächste ExpertInnen-Hearing zu ISIS und Syrien im EP – und schön langsam beginne ich zu verstehen, warum die Sicht auf die Situation bei vielen Syrern ganz anders als “unsere” ist. Ich gebe sie mal wieder zusammengefasst wieder, ohne Rechtfertigung oder Verteidigung, nur um es verständlich zu machen:

Assad ist ein Diktator, in seinem Kampf um die Herrschaft tötet er seit Jahren zehntausende Menschen, treibt Millionen in die Flucht, zerstört ganze Städte und Landstriche. Und niemanden im Westen interessiert das.

Dann kommt ISIS, tötet im Verhältnis dazu nur einen Bruchteil an Menschen und der Westen ist in heller Aufregung.

Die Schlußfolgerung: Das Assad-Regime ist alawitisch, ISIS sind Sunniten, deshalb greift der Westen an.

Diese Erklärung passt auch auf die Vorgänge im Irak: Saddam war Sunnite, nach seinem Sturz haben die Schiiten die Macht übernommen, die Sunniten alles verloren. Jahrelange interne Konflikte waren dem Westen egal, aber kaum sind die Sunniten (ISIS) wieder auf der Siegerstraße, greift der Westen ein. Und wem hilft er? Schiiten, Kurden, Jesiden, Christen… allen, nur nicht Sunniten.

Dass die große Empörung, die der Islamische Staat im Westen auslöst, von dessen Medienarbeit befeuert wird, versteht man wiederum nicht. Der syrische Bürgerkrieg war für die Menschen dort natürlich immer präsent, immer wichtig, hat immer die Nachrichten dominiert. Dass das bei uns jahrelang nicht so war und sich (auch) durch Hinrichtungsvideos westlicher Journalisten geändert hat, bestätigt nur die Meinung: Das Sterben der Sunniten war dem Westen egal.

Meine eigene Arbeit befeuert dieser Erklärungsmuster übrigens auch: Ich habe mich im Juni entschieden, in die Syrien und Irak-Delegationen des EP zu gehen, um zum Bürgerkrieg und der Flüchtlingskrise zu arbeiten. Das war bevor ISIS die Grenze zum Irak überschritten hat, aber aktiv wurde ich erst im August und zur Unterstützung der Jesiden. Ich hätte mich auch für syrische oder irakische Sunniten eingesetzt – ich hätte, aber ich habe es nicht getan. Das ist dem Ablauf der Ereignisse geschuldet, aber die Außenwirkung ist eine andere. Oder könnte eine andere sein, wenn man schon mit diesem Filter draufschaut…

Man kann das jetzt wegwischen und über diese Sicht der Dinge den Kopf schütteln, oder man nimmt diese Erzählung der Sunniten ernst – ohne die Erklärung deshalb richtig zu finden. Ich glaube nicht im Geringsten, dass der Westen anti-Sunni und pro-Schiiten oder pro-Alawiten oder pro-Kurden ist, schon aus dem einfachen Grund, weil die wenigsten Menschen das Multikulti-Geflecht des Nahen Ostens kennen.
Aber ernst nehmen sollte man diese Sichtweise, denn Assads Grausamkeit und des Westens Gleichgültigkeit dazu sind der Nährboden der sunnitischen Unterstützung für ISIS. Oder zumindest ein wichtiger Nährboden, monokausale Erklärungen greifen natürlich zu kurz.

Es wird immer deutlicher, dass wir nicht weiter auf einem Auge blind sein dürfen, auch Assads Mörderbanden müssen in den Fokus unserer Arbeit. Dabei geht’s nicht um ein Aufrechnen, ob nun Assad oder ISIS schlimmer sind – beide sind jenseits der roten Linie, die wir als Westen ziehen müssen. Assads Massenmorde an Sunniten dürfen nicht weniger Aufmerksamkeit bekommen, als sie verdient haben. Und Assad kann keinesfalls Verbündeter gegen ISIS sein – ein besseres Mobilisierungsprogramm könnte für das “Kalifat” kaum starten.

Foto: syrianist, Lizenz: gemeinfrei

Quelle: dem michel reimon sein blog

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