Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Jetztzeit » Ein Doppler Moral
Share

Isabella NittnerEin Doppler Moral

Von | 18.10.2014, 15:15 | Kein Kommentar

Aufregung im Alkoholikerland Österreich, weil drei Kinder – elf, dreizehn und vierzehn Jahre alt – sturzbetrunken ins Spital eingeliefert werden mussten.

Wenn es um Alkoholismus geht, herrscht in Österreich eitel Doppelmoral. Das Bier am Fußballabend mit Freunden, auf Kirtagen, Dorffesten oder eben mal bloß so; die euphorischen Berichte in den Zeitungen, dass Österreich in der Liste der Länder mit dem höchsten Bierkonsum ganz weit oben steht; Politiker, die auf jeder Veranstaltung (also an ganz normalen Arbeitstagen) mit alkoholischen Getränken anstoßen; dieser Damenspitz, der etwas Tolles und Lustiges ist. Dort in der Disco ist auch der Hobby-Alkoholiker wieder stehend bewusstlos, weißt du was, zeichnen wir ihm einen Penis ins Gesicht, lass uns die kranke Sache fotografieren und online auf Facebook stellen. Ist zum Schreien komisch, sorgt ewig für Gesprächsstoff und Gelächter im Freundeskreis. Und jetzt noch unsere Lieblingssongs, hey DJ, hast du „Alkohol“ von der EAV oder „Zehn kleine Jägermeister“ von den Toten Hosen? Eine legendäre Nacht also.

Ist man die einzig nüchterne Person in einer Runde Betrunkener, verliert sich der Spaß irgendwo in der Übersetzung. Was deine angeschwipsten Freunde gerade köstlich amüsiert, lässt bei dir etwas hochkommen, das sich wie Fremdschämen anfühlt, und vom Anblick der spastischen Bewegungen auf der Tanzfläche, sowie der „Sich-den-Abend-nochmals-durch-den-Kopf-gehen-lassenden“, daher also speibenden Kurzweiler nicht beschwichtigt wird.

Alkoholismus, eine Krankheit. Alkohol, das Suchtmittel. Jack Nicholson bezeichnet ihn in Besser geht’s nicht verliebt als die „letzte legale Droge„. Die hohe Dunkelziffer noch gar nicht berücksichtigt, ist die Zahl der jährlichen Todesfälle, die auf Folgen des Alkoholismus zurückzuführen sind, zu erschreckend, um sie noch ernst zu nehmen. Die Bagatellisierung von übermäßigem Alkoholkonsum ist also etwas, das wiederum mich dazu veranlasst mir „etwas nochmals durch den Kopf gehen zu lassen“. Ich finde es wirklich zum Kotzen!

Böse Zigaretten und böses Marihuana, da sind wir uns alle einig. Alkoholismus wird hingegen kaum thematisiert. Außer natürlich, die Medien berichten von drei Kindern, die betrunken ins Spital eingeliefert werden mussten. Das ist dann fürchterlich. „Wie konnten diese Kinder überhaupt an Alkohol gelangen?“ und „Warum glauben sie, Alkohol sei etwas so Tolles, dass sie ihn schon in diesem Alter ausprobieren müssen?“, gibt man sich erschrocken. Nicht auszuhalten, in Wahrheit, denkst du nüchtern darüber nach. Erst mal ein Drink.

Foto: Jarmoluk, Lizenz: gemeinfrei

 

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger