Jetztzeit

Reality-Check: die Gegenwart in Wort und Bild

Netzzeit

Geschichten aus dem Leben mit dem Netz

Sexklinik

Alle Zeit bereit: Quality Time zum Thema Nummer Eins

Auszeit

Kultur & Freiheit: Doping zur Bewältigung des Alltags

Denkzeit

Die Welt ist kompliziert. Reden wir darüber

Sie sind hier: Home » Girl Friday - Buch des Bösen » Girl Friday – Buch des Bösen 36. Hotel für gewisse Stunden
Share

Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 36. Hotel für gewisse Stunden

Von | 18.04.2014, 2:37 | Kein Kommentar

In dieses Hotel, sagte er, ging er nur, wenn es um das Eine ging. Langsam wurde ich neugierig.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

 Da saß ich also, auf meinem Sessel. In Frankfurt. Schon wieder. Ich zündete eine Zigarette an, trank meinen Tee und redete.

Schiphol, Hotel van der Valk, Holland.

Ich kenne diesen Mann, der als Techniker beim Film arbeitet. Manchmal arbeitete ich in derselben Produktion wie er, und weil wir Nachbarn waren, fuhren wir gemeinsam zur Arbeit. Wir fuhren täglich am Flughafen Schiphol und den angrenzenden Motels vorbei. Am dritten Tag erzählte er mir gleich nach der ersten Tasse Kaffee, dass eines der Hotels jenes war, in welches er Girls zum Bumsen abschleppte. Ich wusste, dass er verheiratet und ein Familienmann war, und war ob der Ansage verwirrt. Aber mir war auch klar, dass er nicht vorhatte, mich ins Hotel zu laden, als Aufrissspruch wäre diese Meldung einfach zu bescheuert gewesen. Also fand ich es okay. Wir redeten nur über den Tag, der vor uns lag, und was am Filmplan stand. Aber den ganzen Tag über blickte ich den Typen an und dachte daran, wen er wohl ins Hotel mitnahm und wie er die Girls einlud und was er mit ihnen machte.

Am Rückweg übermannte mich, ehe wir am Hotel vorbeifuhren, die Neugier. Ich wollte es wissen, also fragte ich ihn: „Wer sind die Mädchen, die du dort bumst, sicher nicht deine Frau, oder?“

Nein, ganz bestimmt nicht seine Frau, sagte er, sondern Girls vom Film-Set, aus der Make-up – oder Kostümabteilung, mit denen machte es am meisten Spaß. Und wenn sie nicht zur Verfügung standen, bediente er sich bei Girls aus der Produktion, die waren immer willig, wenn auch nicht so amüsant. Schauspielerinnen, sagte er, waren über seiner Liga, die waren für die Kamerachefs und Regisseure reserviert. Ich war etwas verblüfft, wie nüchtern und ernsthaft er darüber sprach und musterte ihn eindringlich, um zu sehen, ob er mich nicht auf den Arm nahm. Tat er offenbar nicht. Er rümpfte seine Nase nicht, wie er es üblicher Weise machte, wenn er scherzte.

Er antwortete gerade heraus, so, als hätte ich ihn nur gefragt, ob er Zucker zum Kaffee nimmt oder nicht. Wahrscheinlich hätte ihn so eine Frage weit mehr verblüfft als diese intime, die ich ihm stellte. Ich hätte auch gern gewusst, ob seine Frau über sein Treiben im Bilde war, aber noch mehr interessierte mich, ob er immer in dasselbe Hotel ging oder ob die Plätze, wo diese Ficks passierten, im ganzen Land verstreut waren.

An diesem Punkt begann er unsere Unterhaltung zu genießen. Er hatte mehrere Hotels. Dieses hier war ganz in Ordnung, aber eigentlich nicht billig genug. Er bevorzugte die billigen Formel-1-Motels, wo du nur eine Kreditkarte brauchtest, um ein Zimmer zu bekommen.

Aha.

„ … aber dieses hier ist wirklich ganz gut. Wenn ich ein Girl mag und glaube, dass es Spaß mit ihr machen wird, nehme ich das Zimmer mit Swimming-pool, verstehst du, es hat seinen eigenen Pool. Aber meistens nehme ich ein normales Zimmer. Das Swimming-pool-Zimmer ist dazu da, um ein Mädchen zu beeindrucken. Und weißt du, manchmal denke ich nicht wirklich daran. Und dann steckst du im Straßenstau. Dann denke ich, wir könnten jetzt hier sitzen und frustriert über den Verkehr sein. Oder wir könnten ihn einem anrüchigen Zimmer eine Party haben. Und dann weiß ich wieder, was mir lieber ist.“

Wir schwiegen, gute fünf Minuten lang. Ich blickte aus dem Autofenster, schaute den vorbeifahrenden Autos nach und überlegte, ob die Leute in diesen Autos je einen trafficjamslambang erleben würden. Angesichts der charakterlosen Gesichter und der staubigen blaugrauen Anzüge und der eigenschaftslosen Karren war ich mir sicher, dass sie zu sehr mit Groschenzählen beschäftigt waren, um sich je so einer ausufernden Fantasie hinzugeben. Ein Fahrer starrte mich an, als wir ihn überholten, und einen Moment lang fürchtete ich, er könnte meine Gedanken lesen, also wendete ich mich ab. Der Ausdruck in meinem Gesicht muss ziemlich schräg gewesen sein.

Fortsetzung folgt. In circa einem Monat. Girl Friday macht Pause.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 36. The Motel klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

Kommentare sind geschlossen.

ZiB21 sind: unsere Blogger