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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 35. TrafficJamSlamBang

Von | 10.04.2014, 23:50 | Kein Kommentar

Auf Deutschlands Straßen kannst du rasen. Aber wie krank musst du drauf sein, um so schnell wie möglich ausgerechnet Frankfurt zu erreichen?

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Die Fahrt zurück nach Frankfurt war mörderisch. R. war am Steuer. Ich konnte nur Teile seiner Unterhaltung mit Maiko verstehen. Sie waren über die krankhaft lauten Techno-tracks gestreut, die Maiko in die CD-Anlage geschoben hatte. Sie schrien einander Erinnerungen zum Tag in die Ohren. Draußen war es finster, die Lichter der anderen Autos blendeten meine Augen. R. fuhr wie auf Speed, die überholten Autos schwirrten nur so an uns vorbei. Ich tat mein Bestes, mich zu überzeugen, dass wir nicht in einen LKW vor uns krachen würden, oder auf die Gegenfahrbahn geraten. Meine Augen fixierten den Tacho, um ihn mit schierer Willenskraft zu zwingen, unter der 200kmh-Marke zu bleiben. Unter der 200kmh-Marke würden wir sicher sein. Ich wollte in Sicherheit sein. R. und Maiko gaben sich freudig erregt, ihr Meeting in Köln war offenbar ein Erfolg gewesen. Ich zählte in Gedanken die gemachten Kilometer mit, um abschätzen zu können, wie lange ich noch mit den beiden Männern im Auto sitzen musste. Bei unserer Geschwindigkeit sollte es wohl nicht länger als eine Stunde dauern.

Die Städte, an denen meine Familie in den Sommerferien der 70er und 80er Jahre langsam im Verkehrsstau vorbeifuhren, schienen zu verschwinden, noch ehe wir sie erreichten. Ich begann zu beten, dass R. langsamer fährt, und hoffte, dass er vielleicht aufs Klo gehen müsse oder was, nur damit ich zwei Minuten habe, um meinen Atem wieder zu erlangen. Die Luft drohte meine Lungen zu verstopfen und klammerte sich an mein Brustbein und trommelten wie ein Gegenbeat zum Sound der House-Musik in meinen Ohren. Bang Bang, machten die Snare-drums, und meine Ohren trommelten zurück. Wir brausten weiter.

Die ganze Fahrt lang wurden wir nur einmal von einem Auto überholt. Das schien die zwei Männer schwer zu beeindrucken. R. drehte sich zu mir: „Hast Du diesen Kerl gesehen? Verrückt, sag ich Dir, total verrückt. Erstaunlich, findest Du nicht?“

Maiko sah mich ebenfalls an und lächelte. Jede Zehntelsekunde, die sie die Straße ignorierten, brachte uns der unvermeidlichen Zerstörung ein Stück näher. Ich war wie gelähmt. Meine Kiefer machten unabsichtliche Kaubewegungen. R. schenkte seine Aufmerksamkeit wieder der Straße, drehte sich aber gleich wieder um zu mir.

„Verrückt!“

Mir fehlte der Mut, ihn zu bitten, den Fuß vom Gas zu nehmen. Wahrscheinlich hätte er ohnehin nur gelacht, oder wär gar noch schneller geworden. Ich bemühte ein Lächeln und zählte die Lichter, die an uns vorbeirasten, und subtrahierte den Abstand zwischen den Lichtern von der Distanz, die noch vor uns lag. Ignorierte den ganzen Verkehr.

Ich hab mal gehört, dass BMW ein besonderes Geschenk für die reichen Chinesen auf Lager hatte. Nach Kauf eines Wagen wurden sie zu einer Testfahrt eingeladen. In Bayern. Dort gibt es keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Eine Straße dort ist als „Panorama-Highway“ bekannt. Sie führt durch eine Märchenlandschaft. Aber die Hauptattraktion ist die Straße selbst. Sie schmiegt sich wie eine Girlande an die Berge. Jede Menge Kurven, Biegungen und Tunnels. Die Kunden werden von einem Rallye-Profi begleitet. Sie können so lang und so schnell fahren, wie sie wollen. Ohne Polizeistrafe, alles nur totaler High-Speed-Spaß.

Als wir endlich das Hotel erreichten, wollte ich gleich zu Bett. Aber R. hatte andere Pläne. Er wollte eine Geschichte. Und danach, sagte er, werden wir ausgehen. Dort saß ich also, in meinem Sessel. In Frankfurt. Ich zündete mir eine Zigarette an und machte mir eine Tasse Tee. Und begann zu reden.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 35. TrafficJamSlamBangklicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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