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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 34. Gib mir Unsterblichkeit

Von | 03.04.2014, 22:43 | Kein Kommentar

Große Gebäude sind eigenartig. Sie verraten uns, wer die Macht hat(te). Und ihre Sehnsucht nach dem Unmöglichen.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Trotz ihrer Unheimlichkeit war die Kapelle von seltsamer Schönheit. Ich versuchte die Büsten und Köpfe zu zählen, aber es waren ihrer zu viele, mindestens elftausend. Es gibt keine historische Evidenz zur Legende von Ursula, aber diese Kirche hatte ihr Bestes getan, sie glaubhaft zu machen. Gebeine in Kreisen, in Dreiecken, in Quadraten. Lateinische Worte, aus Knochen geformt. Schädel. Goldene Schaufenster mit noch mehr Knochen drinnen. Vergoldete Hände, die Gebeine der Märtyrerinnen halten. Die Form eines Herzen und einer Sonne, alles aus Knochen.

Im Lauf der Jahrhunderte war modischer Krimskrams hinzu gefügt worden. Barocke Engel hatten sich zu den groben mittelalterlichen Formen gesellt, was die sonnenbestrahlte Kammer mit ihrem schwarzweißen Marmorboden nur noch düsterer erscheinen ließ. Den ganzen Tag lang war ich die einzige Person in dieser Kammer. Die Tage, als Menschen hierher kamen, um für die Rettung ihrer Seelen zu beten, sind vorbei.

Gebäude sind eigenartig. Ich meine die großen Gebäude. Sie verraten uns, wer die Macht hat, oder hatte. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit war immer mit den Gebäuden der Macht verknüpft.

Die großen alten Gebäude in Europa sind Kirchen und Kathedralen. Die Regimes der Katholischen Kirche hielten die Menschen in ihren unerbittlichen Klauen. Wahre Hingabe war gefragt. Vom vorgegebenen Pfad abweichen konnte bedeuten, dass du von ebendieser Kirche gefoltert wurdest. Aber die wahre Strafe blühte im Leben nach dem Tod. Die Hölle. Nur durch feurig und tugendhaft angelegten Glauben konntest du dir einen Platz im Himmel buchen. Die Suche nach Unsterblichkeit war in jenen Tagen allgegenwärtig. Die Katholische Kirche bot die Unsterblichkeit der Seele feil. Warst du gut, wurdest du mit dem Ticket zum Himmel belohnt und konntest ein netter kleiner Engel werden. Sünder und ungetaufte Kinder hatten die Wahl zwischen Hölle und Fegefeuer. Heilige waren unsterblich, ihre Gebeine wurden vergoldet bis zum Tag des jüngsten Gerichts aufbewahrt, dann sollten sie wahre Gläubige wie Ursula und ihre Jungfrauen ins Himmelreich geleiten. Egal, wie hart das Leben war – warst du gut, hattest du deinen Platz im Himmel gebucht.

Und obwohl diese Idee der Unsterblichkeit – oberflächlich gesehen – eine recht philosophische Sache schien, hatte der Glaube in mittelalterlichen Zeiten eine sehr körperliche Basis: Die Körper aller Menschen, die je auf Erden lebten, würden aus ihren Gräbern steigen. Jene der Heiligen würden makellos und jung und stark sein. Deswegen wurden die Überreste der Heiligen so oft in den Kirchen verankert, schon der Knochensplitter eines Heiligen reichte, um ihn am Jüngsten Tag wieder ins Leben zu rufen, während die Sünder verfaulten und von Würmern zerfressen wurden, ehe sie schließlich der Teufel abholt.

Die Kirche hielt sich lange an der Macht, aber langsam änderten sich die Zeiten.

Nach der Renaissance kamen die Kaiser und Könige. Sie bemühten das architektonische Vokabular der alten römischen Reiche und der Kirche. Das Göttliche wurde in die Paläste übersetzt, die sie sich erbauen ließen. Sieh dir Versailles an, wo der Sonnenkönig residierte. Die Kaiser wollten selbst unsterblich werden, die Menschen sollten sie für immer erinnern. Die Paläste sollten die Tod-bezwingende Omnipotenz der Herrscher spiegeln. Wer mit dem Kaiser war, der war dort, wo Gott wohnt.

Auch die totalitären Regimes des Zwanzigsten Jahrhunderts liebten es riesig. Hitler, mit dem neoklassizistischen Stil des Albert Speer, der sich der griechischen und römischen Architektur bediente, um eine gefälschte historische Evidenz für die Rechtmäßigkeit der tausendjährigen Miete des Dritten Reiches aufzutischen. Hätten die nationalsozialistischen Architekten einen logischen historischen Pfad eingeschlagen, wären die Gebäude wie die Hütten der altgermanischen Stämme dahergekommen. Natürlich hätte das die Glaubwürdigkeit der Größe und Weisheit der Ideologie ein wenig untergraben.

Kim il Sung, der auch einen Gott-ähnlichen Status für sich beanspruchte und den Kim-il-Sungismus zur Staatsreligion ausrufen ließdie bis heute in nordkoreanischen Schulen gelehrt wird – ließ einen Turm entwerfen, der bis in den Himmel reichen sollte, allerdings nie gebaut wurde. Ceausescu in Rumänien. Die afrikanischen Diktatoren. Je größer, umso besser. Ihre Gebäude waren oft nur magere Kopien der Konstrukte anderer Diktatoren. Ceausescu wurde nach einem Besuch Nordkoreas in den Siebziger Jahren zu seinem „Volkspalast“ inspiriert. Dieser Palast in Bukarest ist noch immer das zweitgrößte Gebäude der Welt, gleich nach dem Pentagon.

Idi Amin. In Uganda. Der sich niemals bemühte, die Gerüchte um seinen Kannibalismus zu dementieren, sondern sagte, dass das Blut, in dem er badete, ihn unverwundbar und unsterblich machte. Für seine Paläste sollte es ein Mix aus griechisch-römisch-stalinistisch sein …

Am Ende des Millenniums gelangte ein ganz anderer Muskel an die Macht: das Neue Geld. Plötzlich waren es nicht mehr die Paläste und Regierungsgebäude, die überdimensional daher kamen. Es waren Banken und globale Konzerne, die sich ihre Tempel mit Geld und Gier finanzierten. Hohe, schlanke und gläserne Moloche wurden in jeder Stadt von Welt errichtet. Binnen weniger Jahre verkörperte das neue Geld auch die neue Macht, während nun abgetragene Teppiche und abgelutschte Möbel die Regierungsgebäude zieren. In diesen Regierungsgebäuden wird nicht mehr regiert. Die Kirchen und Paläste von früher sind nun Museen. Wann immer ich anlässlich meiner Reisen eine Kirche besuche, sehe ich nur Touristen – und den gelegentlichen alten Mann oder die alte Frau beim verzweifelten Gebet.

Mit der neuen Macht der Multinationalen entsprang auch eine neue Religion. Wenn du sie aber genau betrachtest, tritt auch nur die alte Sehnsucht nach Unsterblichkeit zu Tage: die Anbetung des ewig jungen Körpers Altern ist nun ein Verbrechen, ein Makel, ein Zeichen von Mangel. Eine Sünde, die nicht zum Image des neuen Kapitalismus passt.

Schönheits-Chirurgen sind die neuen Hohepriester, Fitness-Center die neuen Kirchen, wo die Neue Heilige Messe zelebriert wird: „Verehre deinen Körper in seiner Jugendhaftigkeit! Entsage dem Teufel des Verfalls oder du wirst für deine Schwäche bestraft!“

Diese heilige Messe des Jugendkults kommt mir wie eine einsame Sache vor. Diese verzweifelten Versuche, das Unmögliche zu erreichen. So auszusehen wie jene photo-geshoppten Bilder, die dir täglich via Werbung verfüttert werden. All diese Menschen in den Gesundheitsklubs, wo sie auf ihren Fitnessmaschinen sitzen wie Ratten in ihren Käfigen

Traurig.

Ich bin gespannt, wohin uns die nächste Revolution führt. Aber eines weiß ich: Sieh dir die Institutionen an, die dann große Gebäude bauen. Dort sitzen die neuen Machthaber.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 34. Give Me Immortality klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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