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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 33. Die Kapelle

Von | 28.03.2014, 1:28 | Kein Kommentar

Ich kann überall einsam sein, nur nicht in Frankfurt. Ein Tag in der Goldenen Kammer zu Köln.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Maiko begann die Unterhaltung zu dirigieren.

„Ich finde nicht, dass sie eitel ist. Scheu, vielleicht. Schüchtern. Sicher selbstkritisch, aber narzisstisch? Das bist eher Du,. mein lieber Freund. Und vielleicht willst Du, dass sie so ist wie Du.“ –

„Gut möglich, Maiko. Vielleicht will ich, dass sie ist wie ich. Das Mädchen in mir. Nur ist sie das nicht. Vielleicht ist sie wie Du?“ –

Maiko bezweifelte das.

„Na gut, das wär dann geklärt. Sie ist sie. Was ist jetzt mit Köln? Fahren wir jetzt hin, oder erst morgen früh?“ –

Ich fragte, was das soll mit Köln.

„Dort fahren wir hin. Sollte nicht lange dauern. Morgen nacht sind wir wieder zurück, oder spätestens am Tag danach.“

Wollte R. mich hier zurück lassen? In Frankfurt? Gott, ich kann in jeder Stadt einsam sein, nur nicht hier in Frankfurt.

„Was wollen Sie dort machen?“

Die Frage klang dumm.

„Geschäfte. Verstehst Du. So sind wir, nicht wahr? Wir machen Geld. Damit ich Dich für Deine kleinen Geschichten bezahlen kann.“ –

„Ja ja. Deswegen verdienen Sie Ihr Geld.“ –

„Nun, Du bist nicht billig. Erstens die Tickets. Dann hast Du außerdem Dein eigenes Zimmer. Das Essen. Und Dein Honorar. Also wirklich …“

Maiko fand das alles sehr lustig. Er begann sich sogar für meine Geschichten zu interessieren. „Du erzählst R. Geschichten? Versteh ich das richtig?“ –

„Ja, ich erzähle ihm Geschichten.“ –

„Und er bezahlt Dich gut?“ –

R. schaltete sich ein. „Wir haben einen fairen Handel, der nur uns angeht. Sie macht ihre Sache großartig. Aber sie sollte mehr essen.“ –

Die Eroberung der Unsterblichkeit. Wie Gebäude die Jugend beschwören. Die Ursula-Kapelle, Köln, im Winter.

Wir nahmen ein Auto nach Köln, es war früh am Morgen

Ich  wollte keine Minute länger in Frankfurt bleiben. Maiko saß vorne im Auto, neben R. Sie unterhielten sich während der ganzen Fahrt. Dann hatten sie ein Meeting in einem Hotel unweit des Bahnhofs, ich ging unterdessen spazieren.

Ich fand eine Kirche. Natürlich gibt es jede Menge Kirchen in Köln, zum Beispiel den Dom. Aber ich meine eine andere Kirche. Ich verbrachte den ganzen Tag dort, es war eine Kapelle der Heiligen Ursula. Die Goldene Kammer, um genau zu sein.

Die Wände waren mit Gebeinen und Schädeln und anderen Artefakten der Heiligen Ursula und ihrer Gläubigerinnen bedeckt. Die Wände führten hoch nach oben, und die Gebeine mit ihnen, soweit das Auge reichte.

Laut einer Legende war die gläubige Katholikin Ursula mit dem heidnischen König von England verlobt. Er liebte sie so innig, dass er wegen ihr zum christlichen Glauben übertrat, also willigte sie ein. Aber vor der Eheschließung pilgerte sie mit einer Frauengruppe nach Rom. Nach der Legende träumte sie dort, dass sie von Hunnen massakriert werde. Dennoch setzte sie ihren Weg fort, begleitet von ihrem Gefolge. Die Legende erzählt, dass sie in der Tat massakriert wurden. Dass der Hunnenführer sie begnadigt hätte, wäre sie nur sein gewesen. Aber sie verweigerte sich. Also wurden Ursula und ihr Gefolge brutal geschlachtet, sie wurden enthauptet, ihre Körper von unzähligen Pfeilen durchlöchert und dem Verbluten preisgegeben. Genau dort, wo uns die Kirche erzählt, dass die Kapelle gebaut wurde.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 33. The Chapel klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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