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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 32. Dinner für drei

Von | 21.03.2014, 0:19 | Kein Kommentar

Wenn du mit zwei Männern essen gehst, verlierst du beim Smalltalk leicht den Faden. Es ist schwer, etwas zu sagen, wenn du plötzlich die Story bist.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Frankfurt, Hotel Hessischer Hof.

Im Hotelzimmer sperrte ich das Halsband in den Safe. Die Zeit bis zum Dinner verkürzte ich mit Blättern in den Magazinen, die ich für R. gekauft hatte. Ich las die holländische Zeitung. Ich hatte vergessen, die Füllfeder schön einpacken zu lassen. Ich brauchte Geschenkpapier, also riss ich eine Seite aus der Zeitung und wickelte die Feder darin ein.

Um halb acht rief R. an, um mir zu sagen, sofort zum Dinner zu kommen, er sei bereits im Restaurant. Ich schlüpfte in ein Kleid, nahm das Päckchen mit der Füllfeder und ging runter. Das Restaurant war voll mit Unmengen von Tischen mit barockem Besteck drauf. Alle Wände waren mit Glaskästen drapiert, in welchen die Teller hingen. Konsequente Dekoration.

R. teilte seinen Tisch mit einem anderen Mann. Sie redeten. Als er mich sah, stand er auf und rief: „Hey Puppe, da bist Du ja. Lass mich Dir meinen Freund Maiko vorstellen!“

Die anderen Gäste im Restaurant blickten kurz auf und widmeten sich wieder ihren Gesprächen und ihrem Essen.

„Maiko und ich müssen noch ein paar Sachen besprechen. Bestell Dir doch inzwischen was Nettes zum essen.“

Er winkte einen Ober herbei, der mir die Karte brachte. Maiko sah mich etwas zu lange an und gönnte mir ein flüchtiges Lächeln.

„Maiko ist mein Mann für die harten Deals, und wir müssen diesen hier zu Ende bringen, ehe jemand anderer den Vertrag in die Hände kriegt. Aber solange Du hier bist, können wir ja Smalltalk machen. Dieses Girl versteht was von Smalltalk, mein Freund, und von Bigtalk auch.“ Beide grinsten.

Ich suchte verzweifelt nach einer höflichen Frage, die ich Maiko stellen könnte, aber mir fiel nichts Vernünftiges ein. Ich fragte, ob sie schon lange Kollegen sind.

„Ach, wir kennen uns seit Jahren“, sagte R. Maiko nickte bestätigend. Sie schienen einander gut zu verstehen.

„Wenn das Geschäft geschmeidig läuft, verfeinere ich den Prozess ein wenig und poliere die Dinge. Bei den harten Bandagen kommt Maiko ins Spiel. Da poliert dann er. Und sehr fein.“

Beide lachten. Der Ober kam, um meine Bestellung aufzunehmen. Ich entschied mich für Salat und Gnocchi. Auf meinem Schoß lag noch immer das Geschenk, aber ich wollte es R. nicht geben, solange er noch in Gesellschaft war. Eigentlich war es kein Geschenk, ich hatte es ja mit seinem Geld gekauft. Ich wünschte, die Füllfeder würde sich in Luft auflösen.

„Dieses Girl isst wie ein Vögelchen“, sagte Maiko plötzlich. „Warum isst Du so wenig, gibt Dir das Essen nichts?“

R. unterbrach Maiko.

„Eigentlich kann ich mich nicht erinnern, dass sie in meinem Beisein je einen Bissen zu sich genommen hat. Tee, Kaffee, Zigaretten – das ist mehr nach ihrem Geschmack, oder?“

Ich antwortete, dass ich sehr wohl auch esse.

Maiko sagte, dass ich nur essen soll, was ich will und wann ich will. „Na gut“, sagte R, „ja, das sollte sie. Solange sie es nicht nur tut, um Aufmerksamkeit zu erregen. Heulen vor Hunger, verstehst Du. Hunger nach Zuwendung.“ Er lachte. „Weißt Du, sie ist etwas eitel.“

Ich hatte keine Ahnung, wie er zu diesem Schluss kam. „Wie meinen Sie das?“, fragte ich.

„Ach, weißt Du, wie nennt sich das, wenn Eitelkeit ins leicht Geisteskranke umschlägt?“

Ich sagte nichts, aber Maiko zeigte sich allzu bereit, an meiner statt zu antworten. „Du meinst die griechische Legende von Echo und Narzissus. Einen Narziss.“

R. zeigte sich erfreut über die Antwort.

„Ja. Ein Narziss. Bist du eine Narzisse? Ich glaube schon. Ja. Du musst eine sein.“

Ich sagte, dass ich das keineswegs bin. Aber kaum hatte ich es gesagt, überfielen mich Zweifel. Gebe ich mit meinem Dementi nicht automatisch zu, dass ich schuldig im Sinn der Anklage war?

R. setzte fort. „Ich bin sicher, dass Du genau weißt, wie Du aussiehst. Und wie Männer Dich ansehen. Dass Dir immer bewusst ist, dass sie Dich ansehen. Sie starren Dich an. Und Du willst, dass sie Dich anstarren. Du willst, dass sie Dich hübsch finden. Dass sie Dich wollen. Nicht notwendiger Weise sexuell. Aber dass sie Dich sehen – als das, was Du glaubst, dass Du bist. Du bist haargenau diese Art von Mädchen. Ein Mädchen, das sich immer in ihrem eigenen hübschen kleinen Gesicht verfängt. Du schaust in jedes Fenster, an dem Du vorbeigehst. Und siehst immer zuerst Dein Spiegelbild und erst danach, vielleicht, auch die Produkte, die dort ausgestellt sind. Du musst in jeden Spiegel blicken und sehen, ob Dein Make-up noch in Ordnung ist und nicht irgendwo ein Flecken im Gesicht. Wann hast Du das letzte Mal so in den Spiegel geblickt? Du kannst Dich sicher nicht erinnern, wann das war. Weil Du das immer so machst, ohne dass es Dir auffällt.“

Das Geschenkpapier mit der Füllfeder drinnen lag jetzt vollkommen zerknüllt und nass in meinem Schoß. Ich suchte nach etwas, das ich sagen könnte, um das Gespräch von dem wegzubringen, was mir gerade eingefallen war. Das Erlebnis vom Vortag. Im Museum. Als ich das blutige Spiegelbild des Gemäldes gesehen hatte. Denn daran konnte ich mich sehr wohl erinnern. Es war das letzte Mal, als ich eigentlich nur in den Spiegel sah, um mein Make-up zu checken.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 32. Dinner For Three klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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