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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 31. „Ich gehöre zur Band.“

Von | 14.03.2014, 1:01 | Kein Kommentar

Wie du lernst, Anarchie zu verstehen, wenn du mit einer englischen Band auf Tournee gehst und in einem Squat in Amsterdam landest.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

In jenem Sommer lernte ich mehr über Anarchie. Ich zog mit einer englischen Band herum. Wir reisten im schwarzen Minibus eines Freundes. Die Band trat in einer Bar unter einem Squat in Amsterdam auf. Wir durften im Squat schlafen. Während der Sänger und ich es uns auf einem Sofa bequem machten, ging der Rest der Band einkaufen.

Dann war es Zeit für den Soundcheck. Ich hing eine Weile herum und betrachtete die Posters in der Bar. Es war eine finstere Hütte, nur ein paar Glühbirnen hingen von der Decke runter. Der Platz roch so gelbgrau wie die Wände. Ich setzte mich auf einen Stuhl an der Bar und gab mir die Musik. Einer der Squatters sprach mich an. Das heißt, er stellte mir Fragen, für die er nicht wirklich Antworten brauchte.

Der Squatter, der sich mir nicht vorstellte, gab sich besorgt. Ob mir nicht auffällt, wie sexistisch ich sei? Das war mir tatsächlich nicht aufgefallen. Ich fragte ihn, wie er das meinte. Er begann zu erklären. Ich sei doch ein Girl? Ja, musste ich zugeben. Ein Girl, das außerdem Make-up trug? Ja, stimmte auch. Und noch dazu ein Girl, das einen bunten kurzen Rock anhatte. Er betonte insbesondere zwei Worte. Bunt. Rock. Er wies auf meine Beine, während er das sagte. Dann starrte er mich an. Und seine Freundin gesellte sich dazu. Sie trug ein riesiges graues T-shirt und Militärhosen. Ihre Achseln waren unrasiert, sie trug kein Make-up. Die Freundin flüsterte etwas in sein Ohr und stand dann hinter ihm, mit den Armen um seine Leibesmitte.

Der Typ setzte fort. Dass sie mich den ganzen Nachmittag beobachtet hatten und von meiner Anwesenheit in ihrer Hütte angewidert waren. Eine Frau sollte kein Lustobjekt abgeben, für niemanden. Meine Art, mich zu kleiden, war ganz offenbar ein sexistischer Versuch, Aufmerksamkeit zu erregen. Der Umstand, dass ich sogar meine Beine rasiere, unterstreiche das am deutlichsten. Eine Frau ist eine Frau, Punkt. Ich verstümmele meinen Körper, wenn ich meine Beine rasiere. Vielleicht, meinte er weiter, war mir das nicht einmal bewusst. Wahrscheinlich hat mir die TV-Werbung das Gehirn gewaschen. Wahrscheinlich hatte ich Probleme, mit denen ich nicht fertig wurde. Vielleicht meinte ich das alles gar nicht so, also werde man mir einen Vertrauensvorschuss gönnen, immerhin war ich mit dieser Band unterwegs. Einer Band, die er und seine Freundin kannten und wegen ihrer wahrhaftigen anarchistischen Haltung bewunderten.  Trotzdem, es wäre nett, wenn ich mir was weniger Auffälliges anziehe und jedenfalls meine rasierten Beine bedecke, solange ich Gast in ihrem Squat war.

Er rollte sich eine Zigarette.

Der Sänger hatte den Soundcheck erledigt und gesellte sich zu uns. „Hat wer eine Zigarette?“  Der Squatter erwiderte, dass er ihm einen „Shag“ anbieten könne (so nennen die Holländer ihren Rolltabak).

Der Sänger meinte, er stehe nicht auf Sex mit Männern.

Von da an gings bergab. Die Squatters hatten uns was zu essen gekocht. Die Musiker aßen den Fraß und packten nebenher die Sachen aus, die sie am Nachmittag gekauft hatten. Pornomagazine. Die Kerls hatten ihren Augen nicht getraut, Holland war ja so ein verdammt großartiges anarchistisches Land. Die Pornofreiheit war Klasse, solche Magazine kriegtest du in England nie. Sie tauschten die Magazine unter einander aus und betrachteten die Bilder und zeigten einander und den Gastgebern die heftigsten. Diese Gastgeber starrten mich mittler Weile so boshaft an, als sei ich die Wurzel allen Übels …

Das Konzert war übrigens ein Hammer.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 31. “I´m with the Band.”klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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