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Blog aus Bagdad 05. Mutanabi – die Friedensoase.

Von | 27.04.2009, 2:44 | Kein Kommentar

Zur Mutanabi Straße kommst du über einen engen Weg, der voll mit Shops ist, die Zeitungen und Büroartikel verkaufen. Diese kurze Passage ist der Eingang zu Bagdads größtem Büchermarkt – al Mutanabi. Der Anblick ist erfrischend – die Straße, durch welche sich einst Ladenbesitzer und Kunden mit Autos kämpften, ist jetzt Fußgängerzone. Die verkohlten und […]

Mutanabi StraßeZur Mutanabi Straße kommst du über einen engen Weg, der voll mit Shops ist, die Zeitungen und Büroartikel verkaufen. Diese kurze Passage ist der Eingang zu Bagdads größtem Büchermarkt – al Mutanabi. Der Anblick ist erfrischend – die Straße, durch welche sich einst Ladenbesitzer und Kunden mit Autos kämpften, ist jetzt Fußgängerzone. Die verkohlten und zerstörten Häuser wurden mit traditionellen Ziegeln renoviert, alles glänzt wie neu. Aber das beste sind die alten Gesichter, die hinter ihren Bücherstapeln sitzen und mit den Kunden feilschen.
Als ich vor zwei Jahren Bagdad verließ, war dort gerade eine Bombe hoch gegangen, genau in der Mitte von Mutanabi. Ich war fertig, das war immer meine Lieblingsstraße der Stadt. Es ist nicht nur das Herz des intellektuellen Lebens hier, aber über Jahrzehnte hinweg, als Saddam keine ausländische Literatur ins Land geraten ließ, war dies der Platz, wo ich sogar eine Ausgabe von Salman Rushdie´s „Satanischen Versen“ finden konnte, versteckt unter einem Stapel von harmlos wirkenden Texten über Häuserbau.
Die Bombe hatte 40 Menschen getötet und ein Stück der Geschichte Bagdads zerstört. Dieser uralte Markt hatte das Regime überlebt und Jahrzehnte des Krieges, aber an jenem einen Tag, als die Bombe explodierte, schien der Mutanabi Markt am Ende und mit ihm das ganze kulturelle Leben des Iraks.

Es herrschte große Begeisterung, als die Straße nach den Bauarbeiten wieder eröffnet wurde. Es war eine wunderbare Nachricht, die symbolische Bedeutung der Rückkehr des Marktes war überragend. Und vergangenen Freitag war ich wieder einmal dort. Ich musste ganz einfach wieder in Büchern stöbern.
Ich kam durch den dunklen Weg ins Licht, und da war wieder der alte Geist des Marktes, einen Moment lang war alles perfekt. Ein alter Mann rezitierte mit lauter Stimme ein Gedicht in klassischem Arabisch, eine Liebeserklärung an Bagdad. Mein Herz schwoll mit den Worten und ich war nicht allein. Das Feilschen stoppte und alle begannen zu lauschen. Wenn Bagdad dich betören will, ist sie eine umwerfende Stadt.
Mutanabi Straße, SeitenwegIn Wahrheit war dies nur eine winzige Pause von der Realität. Als ich nach ein paar Minuten andächtigen Lauschens um mich sah, bemerkte ich, was alles getan wurde, um die Sicherheit zu garantieren. Soldaten spazierten ständig auf und ab, am Ende der Straße parkte ein Militärhumvee. Der Platz ist praktisch eine Militärzone, es wird ständig patrouilliert. Und die Bauarbeiten? Eigentlich nur Oberflächenmaskerade aus dünnen Ziegeln – dahinter ist alles abgetakelt und dreckig. Und am Ende der Straße torkelte ich ohne Vorwarnung gleich wieder in das verwüstete Bagdad, mit zerrissenen Mauern und den heulenden Sirenen der herum flitzenden Sicherheits-Konvois, deren aufmontierte Geschütze in alle Richtungen zielten, eine stete Erinnerung an die Gewalt, die auf diesen Straßen herrschte.

Aber warum sich von diesem traurigen Anblick runter bringen lassen? Es gab keinen Grund, warum ich die Mutanabi Straße verlassen sollte, also hing ich herum, wühlte in den Kisten und feilschte um die Bücher. Als ich genug hatte, ging ich mit ein paar anderen Bagdadis ins salam-cropped-small1Shabandar Teehaus, wo der freundliche Abu Daud einen köstlich starken Tee serrvierte, angereichert mit Kardamom und einem extra Löffel Zucker. Hier, umgeben von alten Fotos der Stadt auf den Wänden des Teehause, schmökerte ich im Buch, das ich erstanden hatte und vergaß einen Moment, wie weit der Rest der Stadt noch vom Frieden dieser kleinen Oase entfernt ist. Ende.

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