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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 30. Nur tote Terroristen sind gute Pop-Ikonen

Von | 07.03.2014, 15:20 | Kein Kommentar

Zeiten ändern sich, die Menschen mit ihnen. Und Ulrike ging Pop.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Die Rote Armee Fraktion änderte sich. Ihre Methoden und ihr Vokabular verwandelten sich nach und nach in ein verdrehtes Duplikat jener Faschisten, die sie so unermüdlich bekämpften. Ulrike Meinhofs Pamphlete klangen wie Göbbels Ansagen anno Zweiter Weltkrieg. „Wir geben mit Stolz bekannt, dass unsere leidenschaftlichsten Mitglieder im Kampf gegen die kapitalistischen Schweine einen heroischen Tod starben.“ So erinnere ich eine ihrer Botschaften. Die Nazis verkündeten den Tod ihrer Soldaten nicht anders.

Die Aktionen wurden immer brutaler, das deutsche Volk verlor alle Sympathie für die RAF, die Gruppe wurde nur noch gefürchtet.Die Regierung fühlte den Druck, sie unbedingt fassen zu müssen. Ein riesiges Einsatzkommando wurde gebildet und die Gruppe gefasst und verurteilt.

Ulrike Meinhof wurde 1976 erhängt in ihrer Zelle in Stammheim aufgefunden. Nach dem Kidnapping von Hanns Martin Schleyer stand die RAF täglich in der Zeitung. In Holland auch, seit ein RAF-Mitglied in Utrecht einen Polizisten niedergeschossen hatte. Und dann, als sich das Kidnapping als sinnlose Taktik, die Freilassung der gefangenen Genossen zu erzwingen, erwies, fand man Baader, Ensslin und Raspe am 18. Oktober 1977 tot in ihren Zellen. In jener Nacht wurde Schleyer von der RAF exekutiert.

Meine Eltern lieferten sich heftige Debatten über die Entführung und das Schießen und den Prozess und die angeblichen Selbstmorde. Ich verstand nichts, was sie sagten. Sie waren mehr an den legalen Umständen interessiert. Der Tod Schleyers kümmerte sie wenig und die Motive der Roten Armee Fraktion sowieso nicht. Mein Vater las laut das Urteil eines Gerichtsprozesses vor, und Mutter nannte den zuständigen Paragraphen der Verfassung. Nichts davon hatte mit den Bildern zu tun, die ich im Fernsehen und in der Zeitung sah. Diese Menschen waren hart, sie kämpften mit einer Vehemenz, die ihre kleine Armee ausreichend ermächtigte, um dem deutschen Bundeskanzler Schockzustände zu verpassen. Ich wusste nicht, ob ich Baader Meinhof bewundern oder verachten sollte. Meine Eltern wussten es auch nicht. Ihre Diskussionen brachten für mich kein Licht in die Sache. Wollte ich der Gruppe beitreten, kämpften sie für eine bessere Welt, für eine Welt des Friedens, wie meine Lehrerin einmal sagte? Oder sollte ich, wie die Polizei es von mir wollte, die Gruppe fangen und dafür die Belohnung einstreifen? Aber nach und nach geriet die Gruppe aus den Schlagzeilen der Tageszeitung.

Dann, Mitte der Achtziger Jahre, zahlte es sich für einen Punk wieder aus, etwas von der Baader Meinhof Gruppe zu wissen. Ich geriet unter Leute, die Deutschland unter Umständen umarmen würden. Das war neu und sensationell. Natürlich musste es das richtige Deutschland sein. Das linke Deutschland. Heinrich Böll,  Margaretha von Trotta. Die waren gute Deutsche. Ich musste mich zu einer völlig neuen Person umerziehen. Meine Schulkollegen im College büffelten Grammatik, Geographie und Mathematik, ich dagegen machte mich in Sachen Kommunismus und Anarchie schlau, lernte Liedtexte von Gruppen wie Birthday Party und Einstürzende Neubauten auswendig. Mein Grundkurs expandierte in die Filmwelt, ich gab mir Eisensteins Potemkin und Fritz Langs Metropolis. Leider legte im Kino der Mann hinter dem Projektor die Filmrollen in falscher Reihenfolge ein, sodass niemand im Publikum wusste, worum es in diesem Film geht. Ich kriegte sogar einen kleine Rolle in Berthold Brechts „Dreigroschenoper“. Brecht war 1985 auch ein guter Deutscher. Alle Punks in unserer Stadt waren ziemlich gleich drauf. Wir kamen alle aus wohlhabenden Familien und versuchten den Umstand, dass wir in großen Häusern mit großen Gärten aufwuchsen, so gut wie möglich zu verbergen. Wir gehörten zum Proletariat. Ich glaube nicht, dass wir eine Revolution anzetteln wollten, aber wir brauchten ganz einfach sowas wie Ideale. Und Hippies waren total aus der Mode, also waren wir Punks.

In jenem Sommer lernte ich mehr über Anarchie. Ich ging mit einer englischen Band auf Tournee. Wir reisten im schwarzen Lieferwagen eines Freundes. Wir hörten uns Reggae-songs und Neue-Deutsche-Welle-Lieder an und sangen mit. Der Lieferwagen war grau übermalt und hatte auf beiden Seiten ein Graffiti: einen roten Stern mit dem Gesicht von Ulrike Meinhof in der Mitte. Das Graffiti kam wie ein Bild von Andy Warhol  rüber.

Die Märtyrer-Terroristin hatte sich in eine Pop-Ikone verwandelt.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 30. Ulrike Goes Pop klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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