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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 29. Die guten Deutschen

Von | 28.02.2014, 1:30 | Kein Kommentar

In meinem Dorf waren die Dinge einfach. Sprachst du mit deutschem Akzent, warst du halber Nazi. Außer dein Name war Baader. Oder Meinhof. Oder …

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

ALLES MUSS WEG!

Ich war noch nicht zehn, als ich das erste Mal von der Roten Armee Fraktion hörte, der Baader Meinhof Gruppe. Es war nicht leicht mit Schweizer Eltern, die Deutsch sprachen, in Holland aufzuwachsen. Wer in den 70er Jahren Deutsch sprach, war ein halber Nazi. Wenn ich mit meiner Mutter einkaufen ging, flehte ich sie immer an, holländisch zu sprechen. Manchmal tat sie mir den Gefallen. Aber es machte keinen Unterschied. Ihr Akzent verriet ihre deutschen Wurzeln, und die Leute starrten uns an, ohne ihre Abscheu zu verhehlen. Der Umstand, dass die Eltern meiner Mutter erst Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg von Deutschland in die Schweiz ausgewandert waren, hat auch nicht eben geholfen. Es war falsch, deutscher Herkunft zu sein. Wir waren die Leute, die verantwortlich für Anne Frank und all die anderen Kriegsopfer waren. In den Augen unserer Mitbürger und meiner Klassenkameraden hatten wir deutsche Identität, wir waren sowas wie Kollaborateure des Nazi-Regimes, es sei denn, du konntest beweisen, dass deine Großeltern Mitglieder einer Untergrundorganisation waren und ermordet wurden. Das traf auf unsere Familie nicht zu.

Unser Fernseher hatte deutsche Kanäle, und ich liebte die deutschen Programme, aber das erzählte ich meinen Freundinnen nicht. Ich liebte den Persil-Mann, einen Mann aus der Waschmittelwerbung. Er saß auf einem Thron von Sessel und sagte, es sei wissenschaftlich erwiesen, dass Persil deine Produkte weißer wäscht als jedes andere Produkt.

Eine andere Lieblingssendung von mir hieß Aktenzeichen XY ungelöst, da ging es um echte Verbrechen. Die Show war unglaublich langweilig. Ein Mann mit großen Brillen und braunem Anzug stellte Verbrechen vor. Diese Verbrechen geschahen immer an Orten, die weit weg waren, ich hatte das Gefühl, in Sicherheit zu sein, wenn ich da zuschaute.

So lernte ich eines Nachts eine Gruppe von Leuten kennen, die wegen terroristischer Verbrechen gesucht wurden: Ulrike Meinhof, Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Brigitte Mohnhaupt und der Rest der Bande. Die Rote Armee Fraktion. Vorher waren Verbrecher für mich immer Männer in Nadelstreifanzügen gewesen. Oder Männer mit dunklen Brillen. Männer, denen du ansehen konntest, dass sie böse waren. Aber die Rote Armee Fraktion war anders. In dieser Gruppe gab es viele Frauen, die ebenso bereit waren, das Gesetz zu brechen, wie ihre terroristischen Freunde. Ich fand das ebenso aufregend wie furchterregend. Es faszinierte mich total. Die Polizeistation in unserem Dorf hatte dieses Fenster vor der Eingangstür, mit Posters drin, die Belohnung für gesuchte Verbrecher versprachen. Kurz nach der XY-Show wurde ein Poster aufgehängt. Sie suchten die Gruppe nun auch in Holland! Die Bande sah unglaublich toll aus. Lange Haare, Bärte, die Frauen trugen dunkles Augen-Make-up. Solche Halunken hätte ich gern gefangen, um der Polizei zu helfen.

Aber in Deutschland herrschte damals andere Stimmung. Die Rote Armee Fraktion genoss große Sympathie, vor allem anfangs. Endlich beschäftigte sich mal wer mit den Überbleibseln des Zweiten Weltkriegs. Endlich sagte mal wer, dass Deutschland sich ändern müsse. Und sie sagten es mit klaren Worten. Überfälle, terroristische Angriffe, Entführungen. Durchgezogen von dieser charismatischen Gruppe. In einer Umfrage sagten viel deutsche Haushalte, dass sie Baader und Meinhof und all den Leuten Unterkunft geben würden. Wenn eine deutsche Familie gebeten wurde, sie zu verstecken – dass sie das tatsächlich gerne machen würden.

Die PR-Abteilung der RAF war smart und effektiv. Wenn sie eine Bank ausraubten, um ihre Überfälle und die Trainingslager in Palästina und Jordanien zu finanzieren, verglichen sie sich mit Bonnie und Clyde, das war damals der Kassenschlager im Kino. Sie waren das deutsche Äquivalent von Faye Dunaway und Warren Beatty, mit einem Hauch südamerikanischer Frivolität, sie ließen sich vor einem Che Guevara-Poster fotografieren.

Das war nicht alles. Nichts wurde dem Zufall überlassen. Andreas Baader hatte einen Grafiker, der mit dem Logo des Roten Sterns und Schusswaffe davor anrückte. Egal, wie brutal ihre Aktionen auch waren, es gab viele Deutsche und viele Europäer, die ihre Sympathisanten waren. Sie waren die Ersten, die darauf hinwiesen, dass die meisten Politiker und Gesetzemacher in Westdeutschland ehemalige Nationalsozialisten waren. Besonders für die Generation, die den Krieg nicht erlebt sondern nur von den Gräueltaten gehört hatte, war die Baader Meinhof-Gruppe eine Offenbarung. Eine Großstadt-Guerilla, die mit der Schweinerei Schluss machen wird. Diese Revolution wird den Faschismus in Deutschland endgültig ausradieren. Die Leute von der Roten Armee Fraktion waren revolutionäre Rockstars.

Aber in der Realität waren sie bald genauso kleinkariert unterwegs wie die Leute, die sie verändern wollten …

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 29. The Good Germans klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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