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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 28. Platin bevorzugt

Von | 20.02.2014, 23:33 | Kein Kommentar

Der Juwelier zeigte mir ein rubinbesetztes Platinhalsband. Es kostete 200 000 Euro. Ich hatte keine Ahnung, was ich wollte. Aber ich hatte seine Kreditkarte.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

 Das Geschenk. Für R.´s Frau. Ich war hungrig, konnte aber nicht essen. Das Geschenk nervte mich. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, wagte aber nicht, nichts zu kaufen, nachdem ich seine Kreditkarte schon für mich verwendet hatte. Ich wanderte durch eine teuer wirkende Straße und sah den Leuten beim Shopping zu. Die waren das offenbar gewöhnt. Ein Hauch von Langeweile in ihren Gesichter, der Anflug eines Lächelns, aber immer untertrieben. Sie trugen Taschen mit Labels all dieser Marken aus der Werbung. Die Leute kauften tatsächlich diese Marken, die beworben wurden. Es war mir nie aufgefallen, dass sie das tun. Ich folgte zwei Frauen in Pelzmänteln. Sie wussten sicher, wo es einen guten Juwelier gab, dachte ich. Sie betraten Shops und kamen wieder raus. Rein und raus, die ganze Zeit. Ich wartete draußen, sah manchmal durchs Fenster hinein. Wenn eine der beiden einen Sweater oder Mantel anprobierte, zündete ich eine Zigarette an und setzte mich auf eine Bank.

Ich wurde zum Shopping-Detektiv, wenn auch anders als jener Mann, der mich mal verfolgte, als ich vierzehn war. Der Typ hatte mich fertig gemacht. Ich liebte es, in die besten Shops unserer Stadt zu gehen. Betrachtete die Stoffe, blätterte in Magazinen, genoss die Farben der Waren, die so schön arrangiert waren. Der Warenhausdetektiv hielt mich wahrscheinlich für eine Diebin, ich war damals ein Punk. Er folgte mir durchs ganze Shop. Nahm ich den Lift nach oben, machte er das auch. Ging ich die Treppe runter, war er gleich hinter mir. Er war nicht immer dort, wenn ich das Geschäft besuchte. Aber wenn er dort war, klopfte mein Herz schneller. Ich hatte Angst vor dem Typen. Obwohl ich nichts falsch machte. Möglich, dass er ein Perverser war, geil auf minderjährige Mädchen oder was.

Ich warf die Zigarette weg und ging den Frauen nach. Bald hatten sie die Hände voll mit Taschen. In manchen Shops schien das Personal sie zu kennen, sie wurden mit Küsschen auf die Wange begrüßt. Und mit einer Tasse Kaffe bedient. Oder einem Glas Champagner

Die Verkäufer in den Shops hatten mit den Frauen was gemeinsam – die Mienen im Gesicht, das flüchtige Lächeln, die leicht erhobene Augenbraue. Als ob sie zu den – leicht narkotisierten – Mitgliedern eines geheimen Klubs gehörten.

Die Frauen verließen die Straße. Gingen zu ihren Autos, beide fuhren einen BMW. Sie verstauten die Einkaufstaschen auf die Rücksitze und fuhren los. Mein Plan war im Eimer.

Ich kehrte zur Teuerstraße zurück. Betrat den nächsten Juwelierladen. Ein Mann näherte sich. Ob er mir helfen könne? Flüchtiges Lächeln, kein Erkennen. Das heißt, er erkannte sofort, dass ich keine Käuferin war.

Ich erfand eine Geschichte. Dass ich R.´s persönliche Assistentin sei.

Der Mann gab sich servil. Fragte mich, wie alt R.´s Frau war. Einundvierzig, sagte ich. Ihre Farbe? Ich verstand die Frage nicht. Meinte er ihre Hautfarbe, oder ihre Haare?

Der Verkäufer erklärte, dass manche Frauen Gold bevorzugen, andere Silber. Nicht Silber wie das Material sondern Silber wie Platin, erklärte er. Es habe damit zu tun, ob sie cool oder heiß erscheinen wollen. Oder cool mit heißem Kern. Und wenn sie Silber bevorzugen, also eher cool unterwegs waren, dann würde Platin den heißen Kern besorgen.

Wenn sie unter fünfzig war, sagte er weiters, sind Diamanten wahrscheinlich keine gute Idee, es sei denn, die Dame hat keinen guten Geschmack. Und ist sie ein sportlicher Typ, muss das Metall geschmeidig sein und die Steine inkrustiert, nicht nur eingelegt. Perlen sind was für Witwen, aber Rubine empfehlenswert. Vielleicht ein Halsband mit Rubinen und Blutkorallen? Das sei heuer angesagt, meinte er.

Er zeigte mir ein Goldhalsband mit Rubinen und polierten Blutkorallen. Es kostete 200 000 Euro. Ich war schockiert. Ich hatte nicht gewusst, dass so ein teures Halsband überhaupt existierte. War es das, was R. wollte? Ich konnte mich nicht entscheiden. Am Ende winkte ich ab. Zu teuer, sagte ich, es kann gern etwas gewöhnlicher sein.

Der Verkäufer verlor sofort seinen Enthusiasmus. Er zeigte mir ein Platinhalsband mit Saphiranhänger, das von ein paar Perlen und Diamanten umsäumt war. All seine Theorien von Alter und Farbe und Geschmack und Witwenschaft spielten plötzlich keine Rolle mehr. Das Halsband kostete noch immer über zehntausend Euro, aber in seinen Augen war ich nicht mehr A-Schicht sondern lediglich ein Ärgernis.

Ich bat ihn, das Halsband wie ein Geschenk zu verpackenwiderstrebend erfüllte er meine Bitte.

Ich nahm ein Taxi zurück ins Hotel, mit solchen Wertsachen in der Tasche auf der Straße zu spazieren war mir unvorstellbar. Ich blickte aus dem Autofenster. Auf der Straße hängte ein Typ Poster auf. Er hatte die Straße voll tapeziert, überall hingen diese leicht verschrumpelten Poster, Rote Armee Fraktion-Ästhetik, mit rotem Stern und Schusswaffen-Symbol, darüber in Handschrift: ALLES MUSS WEG! 

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 28. Ladies Prefer Platinum klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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