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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 27. Mein Ikeatraum

Von | 14.02.2014, 9:00 | Kein Kommentar

Seine Kreditkarte in meiner Hand war verführerisch. Ich könnte eine Sekretärinnenbrille erstehen und Ikeamöbel kaufen. Ich könnte verschwinden.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

 Frankfurt, Hotel Hessischer Hof, Winter. 

R. sah auf, wenn auch an mir vorbei. „Du kaufst also morgen ein Geschenk für meine Frau? Vielleicht ein Halsband, sie mag keine Ohrringe. Sie hat schöne Ohren, vielleicht ist das der Grund, Ohrringe werden doch meistens von Frauen getragen, die ihre Ohren verstecken wollen.“

Ich wiederholte, dass sich das meiner Meinung nach nicht gehörte, ich könne keine Geschenke für seine Familie einkaufen, ich wusste ja nicht mal, was seine Frau mochte und was nicht.

R. stand auf und zog eine Brieftasche aus seinem Mantel. Ich dachte, dass er mir jetzt ein Foto von seiner Frau zeigen wollte. Oder von ihm mit ihr und den Kindern. Falsch. Es war seine Kreditkarte. „Hier, nimm das. Und gib soviel aus, wie Du für richtig hältst.“

„Aber ich weiß doch nicht, was Ihrer Frau gefällt. Ich weiß nichts über sie.“ –

„Mach Dir keine Sorgen, es muss nicht hübsch sein. Es muss nur aussehen, als hätte es eine fünfstellige Summe gekostet, dann ist sie glücklich.“

Ich fühlte mich total unwohl. „Können Sie ihr nicht etwas am Flughafen kaufen?“ –

„Hast Du hier was vor?“ –

„Nein, eigentlich nicht.“ –

„Na, dann geh los und kauf was ein. Kauf Dir selbst auch was Schönes. Ich bin den ganzen Tag mit einem Deal beschäftigt, wir können abends essen gehen, wenn Du willst. Wäre acht Uhr okay?“

*

Mit R.s Kreditkarte in der Tasche durch Frankfurt spazieren war Neuland für mich. Ich fühlte mich unwohl, ich hatte noch nie eine eigene Kreditkarte. Kaum anzunehmen, dass mir die Bank je eine anvertraut hätte, bei meinem unregelmäßigem Einkommen. Aber hier spazierte ich plötzlich, mit einer Kreditkarte, die mir nicht gehörte, um was zu kaufen für jemanden, den ich nicht kannte. Ich hatte Angst. Dass ich die Karte verlieren könnte oder jemand sie stahl. Ich versuchte so natürlich wie möglich zu wirken, nicht wie jemand auszusehen, der was hatte, das den Diebstahl wert war.

Nun, da ich ein aktiver Kunde war, änderte sich die Stadt. Sie fühlte sich wie ein riesiger Airport-terminal an, überall Shops und nichts anderes zu tun als Dinge einkaufen, um die Langeweile tot zu schlagen. Ich ging in ein Kiosk und kaufte eine holländische Zeitung, es fühlte sich mehr wie zuhause an, wenn ich holländische Worte las. Die Nachrichten selbst interessierten mich nicht, ich wollte nur vertraute Worte um mich haben, das war tröstlich. Es kam mir blöd vor, für so einen kleinen Betrag die Karte zu verwenden, also kaufte ich eine teure Füllfeder dazu, hoffentlich wird sie R. gefallen. Ich zahlte mit der Karte. Es klappte. Die Frau an der Kassa wünschte mir einen guten Tag. Ich errötete. Ich kam mir wie eine Betrügerin vor, es war ja nicht mein Geld, das ich da ausgab.

Ich verweilte noch ein wenig im Shop, sah mir die Magazine und Papierwaren an, sogar die Lichter am Plafond. Plötzlich fiel mir ein, dass ich eigentlich verschwinden könnte. Einfach aus meinem Leben austreten. Diesen Kiosk verlassen, wie ich es auch im normalen Leben mache, aber anstatt den richtigen Weg einzuschlagen, plötzlich einen anderen Weg wählen und nie mehr zu mir zurück zu kehren. Ich könnte das tun. Die Karte nehmen und Geld aus dem Bankomat ziehen und verschwinden. Eine neue Identität annehmen, in irgendeiner stinknormalen deutschen Stadt, wo mich niemand kannte. Meinen Namen ändern und eine neue Persönlichkeit für mich erfinden. Eine Sekretärin sein, oder Verkäuferin wie jene vom Shop, das ich grad verlassen hatte. Sie schien nicht unglücklich zu sein. Ich könnte ein normales 9bis5-Leben fristen, in welchem ich perfekt funktioniere und nie eine wirkliche Beziehung zu jemandem habe. Ich könnte allein sein mit meinem Geheimnis, mit meiner Vergangenheit. Ich könnte Ikeamöbel kaufen und meine Wohnung damit dekorieren. Sachen, die genauso aussahen wie im Katalog. Ein Sofa, das zum Teppich passt. Eine Tischlampe, die zum Tisch passt. Und dann den Katalog auf den Tisch legen.

Ich könnte mein Aussehen ändern. Meine Haare kurz schneiden. Brillen tragen, die brauch ich ohnehin schon lange, nur verlier ich sie immer oder setze mich drauf, oder sie brechen in der Handtasche. Ja, ich könnte Brillen tragen, und unauffällige Kleider. Ich könnte fernsehen, wenn ich nach Hause kam. Mir vielleicht den Luxus einer Orchidee leisten, die ich auf einen der Kaffeetische platziere. Mich in einen totalen Fremden verwandeln, auch mir fremd.

Plötzlich huschte mein Leben an mir vorbei. Wie lange es wohl dauert, bis die Leute mich vermissen? Bis sie erkennen, dass ich für immer weg war? Würden sie überhaupt so weit denken? Ich würde nie mehr ans Telefon gehen oder eMails beantworten. Ich würde ganz einfach nicht mehr existieren. Ich würde tot sein, aber weiter leben.

Die passende Versuchung zu diesen Gedanken wollte nicht so recht zur Blüte gelangen. Meine Fantasie zimmerte eine völlig neue Vergangenheit für mich zurecht ebenso wie diese erbärmliche Zukunft, die immerhin das Versprechen totaler Ruhe barg. Aber Schuldgefühle trieben die Gedanken wieder ab. Meine Eltern würden mich wahrscheinlich am längsten vermissen, ihre Sorgen könnten unerträglich für mich sein. Das ist es wohl, was die Biologie so anstellt, sie treibt eine Angst in deine Nächsten, die alle Vernunft verpuffen lässt und sie letztlich vielleicht zerstört. Ich konnte so etwas nicht durchdrücken.

Ich verließ das Shop und schlug den rechten Weg ein, zurück in meine eigene Existenz.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 27. My Ikea Dream klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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