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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 26. Schlaflos in Manhattan

Von | 07.02.2014, 0:00 | Kein Kommentar

Ich, mein Freund und ein Baum namens Roger. Es passieren seltsame Dinge, wenn du zwei Winterwundernächte in New York verbringst.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

The Waldorf Astoria, New York. „Mein guter Freund Flo und ich waren zu Weihnachten hoffnungslos pleite. Wir beide sind sehr talentiert, wenn es um Shopping geht. Beim Geldverdienen ist allerdings keiner von uns beiden sonderlich begabt.

Vergangenes Jahr gerieten die Dinge so außer Kontrolle, dass wir fast einen Wettbewerb daraus machten, wer von uns zwei höhere Schulden hat. Wir gaben damit an und lachten so unsere Sorgen weg: „Meine Miete ist seit fünf Monaten fällig“, sagt der eine, worauf der andere konterte: „Ja, aber meine Zahnarztrechnung steht auf 900 Euro, und ich hab noch keine Implantate.“ Man kann sich unseren Spaß vorstellen. Hinderte uns aber nicht am Shopping. Wir sind gut darin, stets neue nette Sachen zu entdecken, ohne die wir nicht leben können. Die `Souvenir de Paris´-Tischlampe, die ich kaufte, war ebenso unverzichtbar wie die Teekanne mit dem Flügelschwein, die Flo eines Nachmittags nach Hause brachte. Wir versuchten es mit nächtlichem Schaufenster-shopping, um die Dinge anzusehen, ohne sie kaufen zu können, aber es war zwecklos. Wir erinnerten die Geschäfte und schlugen am nächsten Tag zu. Was die Schulden anbelangt, waren wir im Herbst wohl gleichauf, das linderte aber nicht die Dringlichkeit, wenn die freundlichen Eintreiber vorbeikamen. Diese Eintreiber mochten uns eigentlich. Wenn sie an unsere Tür gerieten, hatten wir auch immer wieder mal Geld für sie und machten ihnen Kaffee.

Anfang Dezember erreichte unsere Situation abgründige Dimensionen, also beschlossen wir, würdig unterzugehen und den letzten Kredit auf der Kreditkarte los zu werden.

Wir buchten einen Flug nach New York und ein Zimmer im Waldorf Astoria. Zwei Nächte. Den Heiligen Abend und die Nacht darauf. Weihnachten! New York! Das Waldorf!

Wir erstanden ein Doppelzimmer und zogen ein. Das Hotel war über die Maßen weihnachtlich dekoriert, wir dachten, wir hatten endlich das Winterwunderland gefunden, nur war nicht klar, wer von uns beiden Alice war. Überall Schmuck.

Das Zimmer war aber eine riesige Enttäuschung. Keine Spur von Weihnachten. Nur ein Zimmer. Das nervte. Ich meine, eine Minibar kann nur vorübergehend interessant sein, bei unserer Selbstzerstörerlaune hält sowas keine zwei Stunden.

Vollkommen betrunken spazierten wir durch die Straßen von Manhattan und gerieten in den Central Park. Massive Langeweile überkam uns. Das war also New York. Wie man es aus dem Fernsehen kennt. Nichts konnte uns überraschen. Wir kannten die Gebäude, wir kannten den Central Park, all diese Bilder, mit denen wir von klein auf gefüttert wurden. Die Fernsehgeneration, das ist es, was wir sind. Und wir schämen uns, das zuzugeben. Hier waren wir also, in unserer persönlichen Sitcom, nur hatten wir vergessen, uns eine nette Kulisse zu verpassen.

Wir brauchten Action, ein Abenteuer. Vor allem aber brauchten wir einen Weihnachtsbaum. Es wurden noch ein paar Bäume in Manhattan angeboten, aber sie waren teuer und Geld nicht etwas, das wir in Fülle hatten. Dann erinnerte Flo sich an einen Freund aus New York, der ihm mal erzählt hatte, dass er seine Bäume immer in Brooklyn kauft, dort waren sie billiger.

Flo rief seinen Freund an und fragte nach dem Weg. Das sollten unsere besten Weihnachten aller Zeiten werden, wir würden mit dem Baum sicher mindestens zehn Dollar sparen. Und wie schon das erste Gesetz des Shopping bekundet: Sag niemals nein zu einem Sonderangebot.

Wir nahmen die U-bahn und fuhren los, von Station zu Station. Ich bin ein Feigling, aber Flo nicht. Nach ein paar Stationen leerte sich der Waggon zusehends, plötzlich erschien mir der Manhattan-Baum eigentlich erschwinglich. Aber Flo wollte weiterfahren. Also fuhren wir weiter. Er kannte das Ziel unserer Fahrt, sein Freund hatte es ihm genau erklärt.

Endlich kamen wir an. Ich glaube, wir waren eine Stunde unterwegs gewesen. Nun mussten wir nur noch die Straße finden, die der Freund empfohlen hatte, dann hatten wir den Baum.

Die Gegend hatte nichts von Dickens, wir spazierten unter den Geleisen, wir froren. Für mich wurde der Gedanke an das warme und gemütliche Minibarparadies immer verlockender, aber Flo wollte den Baum.

Endlich fanden wir die Stelle. Es gab ein paar Bäume dort, sie waren recht hübsch. Wir entschieden uns für einen ziemlich großen. Er war aus Maine, sagte der Verkäufer. Gut. Ich mag Maine. Ich war nie dort, habe aber in John Irvings Büchern darüber gelesen. Das war Qualität genug für mich.

Flo handelte zwei Dollar Rabatt raus, dann machten wir uns mit dem Baum auf den Weg Richtung Hotelzimmer.

Wir erreichten die U-bahnstation und kauften spaßhalber auch ein Ticket für den Baum. Der Baum war unser neuer bester Freund, wir nannten ihn Roger.

Hier waren wir also – ich, Flo und Roger. In der U-bahnstation. Als der Zug einfuhr, dämmerte uns, dass der Baum in der Tat etwas sehr groß war. Wir brachten ihn kaum durch die Waggontür. Wir mussten ganz schön ziehen und antauchen. Wir mussten lachen, erkannten aber bald, dass außer uns niemand lachte. Es war ein Scherz, für den ihnen der Humor fehlte, auf dem Weg nach Downtown.

Ich versuchte, Flo und Roger zum Singen von Weihnachtsliedern zu animieren, aber auch das kam bei den Fahrgästen nicht gut an. Dort saßen wir also, wir drei. Und fühlten uns fehl am Platz.

Als wir unsere Station erreichten, stiegen wir so schnell wie möglich aus. Der Baum verspießte sich wieder an der Waggontür, aber diesmal hatten wir es eilig und zogen ihn raus. Roger verlor ein paar Zweige.

Der Weg über die Stufen tat unserem armen Baum auch nicht sonderlich gut. Langsam aber sicher verwandelte sich Roger in einen sehr traurigen Baum, er war nur noch das spärliche Überbleibsel eines Baumes.

Wir zogen den geliebten Besitz hinter uns her und erreichten endlich das Waldorf.

Dort aber wurde uns verweigert, Roger ins Zimmer mit zu nehmen. Wir versuchten zu verhandeln, wir begannen zu betteln. Ich muss zugeben, dass ich sogar Tränen bemühte, aber es war zwecklos. Sie gaben nicht nach. Es stand uns frei, den Waldorfschen Weihnachtsbaum in der Lobby anzuhimmeln, aber unter keinen Umständen war es erlaubt, einen echten Baum in unsere Suite zu schleppen. Aus Gründen der Sicherheit, das würden wir sicher verstehen. Wir verstanden nicht.

Wir hatten das Gefühl, es würde unsere Lage nur verschlimmern, wenn wir jetzt auch noch verlangten, mit dem Management zu reden. Hier waren wir also: der Heilige Abend. Ein Baum. Und kein Platz, ihn aufzustellen.

Am Ende trugen wir das Ding zum Central Park und pflanzten es dort ein. Wir hängten ein paar der leeren Minibarflaschen daran und sangen unser Weihnachtslied. Irgendwie hatten wir das Gefühl, Roger sei wie der kleine Jesus. Den hatte auch keiner gewollt.

Es war fürwahr eine seltsame Weihnacht.“

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 26. Sleepless in Manhattan klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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