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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 25. Worte sind farbenblind

Von | 30.01.2014, 23:01 | Kein Kommentar

Es gibt Worte, die stricken einen guten Song. Aber kaum ein Wort bekennt Farbe.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

„Hast Du irgendwelche Favoriten, Du weißt schon, persönliche Nummer-Eins-Worte?“

Darüber musste ich eine ganze Weile nachdenken.

„Manchmal mag ich bestimmte Worte. Die einen guten Song machen. Gelegentlich verliebe ich mich in ein Wort, den Klang, die Bedeutung, seine Subtilität oder seine Geradlinigkeit. Wehklage … ich liebe Wehklage. Und lethargisch, zum Beispiel. Die Kombination der beiden in einem Satz sollte ich wohl bald einmal probieren. Und wie wäre es mit tragisch, tränenreich und Temperenzler, ah, die sind auch interessant. Aber sie müssen nicht automatisch immer Worte sein, die mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Moder und Erbrechen können auch ihren Charme haben, wenn du nachdenkst. Es kommt immer darauf an, wie ich sie verwende, wie ich sie zu etwas Neuem zusammen schweiße, etwas, das mich überraschen könnte. Lungenentzündung ist eines meiner Lieblingsworte der ersten Stunde. Eine Hochschulliebelei sozusagen. Ich erinnere mich, wie ich Klang und Bedeutung des Wortes kostete, ich muss vierzehn gewesen sein. Ich konnte mir vorstellen, dass es meinen Tod bedeuten könnte, es fühlte sich so romantisch an. Viel besser als etwa Herzinfarkt oder Arterienverstopfung. Hmm … filigran, Durcheinander und absurd. Ach, ich werde wohl den Rest dieses Abends bei letzteren drei Worten verweilen, schätze ich.“

R. lehnte seinen Kopf zurück auf das Kissen. Er deutete mir, ihm eine Zigarette zuzuwerfen und zündete sie an. Er inhalierte tief.

„Für mich würde Ambivalenz reichen.“

Ich fragte ihn, warum er gerade dieses Wort so interessant fand.

„Wir machen daraus jetzt nicht so ein Sessionding, oder?“

Ich weiß nicht, sagte ich.

„Weißt Du, wenn ich Dir jetzt von der Sehnsucht meines Herzens erzählen soll, nun, ich glaub nicht, dass sich mein Herz nach etwas sehnt. Es pumpt nur mein Herz, und das recht ordentlich. Das ist alles. Bleiben wir lieber beim Geschichtenerzählen, das ist entspannender. Also, was erzählst Du mir heute? Und erinnere mich bitte daran, morgen Weihnachtsgeschenke für meine Frau und die Kinder zu kaufen. Vielleicht hast Du eine Weihnachtsgeschichte für mich. Hast Du den Markt am Fluss gesehen? Wirklich schlechter Geschmack. Aber wenn ich ihnen sagen kann, dass die Sachen echte deutsche Weihnachtstradition sind, dann hab ich sie. Oder könntest Du ihnen etwas kaufen?“

„Ich glaube nicht, dass ich Talent habe, jemandem Geschenke zu kaufen, und ich kenne Ihre Familie nicht einmal, warum kaufen Sie ihnen nicht auch iPods?“ –

„Das ist eine gute Idee, bleibt noch die Gattin. Könntest Du Schmuck für sie kaufen, das wäre fein. Ich hab keine Zeit dafür. Also, eine Weihnachtsgeschichte, hast Du das drauf?“ –

„Ich weiß nicht, ich bin nicht wirklich ein Weihnachtsmädchen.“ –

„Hast Du nie Weihnachten zuhause gefeiert, mit Deinen Leuten?“

*

Haben wir schon, sagte ich. Aber die Erinnerungen an die Festivitäten sind dünn gesät. Die vergangenen zwei Jahre schaffte ich es durch die Feiertage, weil ich high oder auf Downers war, was immer ich kriegen konnte. Meiner Familie fiel auf, dass ich viel entspannter war. Drei Tage lang war ich im Dusel, genoss die Lichter und die Musik in meiner sehr privaten Blase. Ich kicherte über die obligaten Witze meines Vaters etwas zu lang und zu laut. Ich sang „Stille Nacht“ mit und dann, als die Stunde schlug, putzte ich mich heraus und nahm die Geschenke mit und ging auf Partys. So schaffte ich es. Es war nie Weihnachten, so war es mir recht, nüchtern oder breit, da war kaum ein Unterschied.

Als ich ein kleines Mädchen war, war es anders. Ich liebte den Duft der Kekse, die Mutter buk, ich liebte den Baum, aber irgendwie schaffte es meine Familie stets, die Nacht in was Übles zu verwandeln. Es wurde laut „Scheidung!“ geschrien, nur kam es nie dazu. „Hass“ flüsterte es aus jedem unausgesprochenen Satz. Einmal, ich muss so elf oder zwölf gewesen sein, trank sich Mutter einen fürchterlichen Rausch an und legte sich unter unseren Glastisch und rief mich zu sich, ich solle mich doch zu ihr legen. Vater und mein Bruder ignorierten sie und setzten ihre Diskussion über was Wichtigeres fort. Mutter lachte immer lauter und wurde ganz hysterisch, ich war sicher, dass sie ihren Verstand verloren hatte oder zumindest nahe dran war. Und niemand beachtete sie, oder schlimmer, sorgte sich um sie. Also setzte ich mich neben sie und versuchte sie zu überzeugen, sich wenigstens unter den Baum zu legen, oder auf den Teppich, das wäre so viel netter als unter dem Glastisch.

„Wärst Du ein Rechtsanwalt wie Dein Vater und ich, dann würdest Du verstehen, dass ein Glastisch viel passender ist“, bellte sie und lachte mich aus. Unsere Katze wurde nervös, fauchte die Mutter an und rannte weg. Ich saß einfach die ganze Nacht neben ihr, hörte ihr beim Lachen zu, und wie sie Witze riss, die keine Pointe hatten, ihre wirre Soliloquy dauerte Stunden. Ich versuchte ihr Haar zu streicheln, aber sie ließ mich nicht. Das war Weihnachten in meiner Kindheit. Manchmal wr mein Bruder betrunken und schlug mit der Faust ein Loch in die Tür. Mein Vater trank nie. Er sagte, Weihnachten sei ein Marktwerkzeug für fundamentale Christen. Der Rest der Familie ignorierte die Bemerkung, also ging er die Treppe hoch, in sein Büro.

So verlor ich meinen Glauben an Weihnachten. Zwei Jahre später schlug mein Glaube eine vollkommen andere Richtung ein. Ich stand total auf weibliche deutsche Terroristen. Und auf Christiane F.

Die einzige Weihnachtsgeschichte, die ich für R. aufbereiten konnte, war folgende:

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 25. Words Are Colourblind klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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