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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 24. Renoir im Spiegel

Von | 24.01.2014, 0:09 | Kein Kommentar

Was tun in Frankfurt? Ich besuchte das Museum, blickte in einen Spiegel und sah das Bild. Manchmal kannst du deinen Augen nicht trauen.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Ich beschloss das Museum zu besuchen. Angeblich gab es dort einen Vermeer, das war gut angelegte Zeit, dachte ich.

Der Vermeer war schön. Der Geograph. Ein junger Mann, über den Tisch gebeugt, mit Blick aus dem Fenster, beim Vermessen einer Landkarte.  Er wirkte so interessiert und optimistisch, es ging mir sofort etwas besser. Ich wandelte durch die Räume. Ruysdael, Rembrandt, das 17. Jahrhundert.

Manet, Munch, Courbet, das 19. Jahrhundert. Als ich den Raum des 20. Jahrhunderts erreichte, kam ich an einem Spiegel vorbei. Ich hatte an jenem Morgen nicht in den Spiegel geblickt, vielleicht trug ich noch immer das Make-up vom Vortag, mit Flecken übers ganze Gesicht. Es passiert mir oft, dass ich vergesse, am Morgen zu checken, wie ich aussehe, und später am Nachmittag fällt es mir wieder ein, die Schminke von gestern, verschmiert im Gesicht.

Ich hatte einen schwarzen Flecken unter meinem linken Auge. Ich wischte ihn weg, mit den Fingern und etwas Spucke. Mein Auge fiel auf ein verstörendes Bild, das an der Wand gegenüber hing. Zwei Frauen, eine schwarz angezogen, die andere weiß. Und ein Mann, der sich eine Zigarette anzündete und in glänzendem Sonnenlicht an einem Tisch saß, umgeben von Blumen. Das Kleid der Frau in weiß war mit Blutflecken bedeckt. In ihrer Hand hielt sie Eingeweide. Sowohl die Frauen als auch der Mann strahlten euphorisch. Ich drehte mich nach dem Bild um. Es war ein Renoir, aber ohne Blut und Eingeweide. Die Frau in weiß hielt so ein kleines Fläschchen. Ich blickte wieder von einem Winkel aus durch den Spiegel, da waren wieder deutlich die roten Flecken am Kleid. Ich sah nach, ob es irgendwo am Plafond eine Lichtquelle gab, die für die Abweichung verantwortlich sein könnte. Nichts. Ich jagte durch den Raum, um zu sehen, ob die anderen Bilder einen ähnlichen Effekt durch den Spiegel erzeugten, konnte aber nichts finden. Eine Gruppe Studenten betraten den Raum und ich eilte hinaus, sie sollten nicht sehen, wie seltsam ich mich benahm.

*

Ich nahm ein Taxi zum Hotel, es war noch früh, nicht einmal drei Uhr. Panik kam auf. Was, wenn R. mich auch heute Nacht nicht sehen wollte? Ich hatte keine Kreditkarte, ich konnte keinen Flug nach Hause buchen. Ich hatte kaum Bargeld, und der Magnetstreifen meiner Bankkarte funktionierte nicht. Ich konnte mir keine Bahnfahrt leisten. Ich war zwei weitere Nächte lang zum Geiseldasein in diesem Hotelzimmer verdammt. Ich wagte mich nicht mehr zurück auf die Straße. Es wollte mir nicht in den Kopf, wie es passieren konnte, dass ich das Blut am Kleid dieser Frau sah. Es sah so echt aus. Und es war nicht verschwunden, nachdem ich das echte Bild betrachtet hatte. Der Spiegel zeigte mir immer dasselbe Bild.

Ich stellte den Wecker auf sieben Uhr abends. R. würde mich nicht eher anrufen, also machte ich mir ein Bad. Ich ließ laufend heißes Wasser und Badeschaum ein und erfrischte das Wasser ständig, als ob ich die Nachbeben dieses verzerrten Bildes aus meiner Haut waschen wollte.

Als ich es endlich aus der Badewanne schaffte, sah ich die Nachricht von R. Neun Uhr. Es war sechs. Noch drei Stunden. Das könnte ich bringen. Das musste ich bringen. Ich legte mich nieder und schlief ein wenig.  Dann eilte ich in sein Zimmer.

Er hatte mir ein Geschenk gekauft. Einen iPod. „Gefällt er Dir? Ich hab schon ein paar Songs draufgespielt. Du liebst Musik so sehr, ich denke, das wird Dir gut tun.“

Ich liebte das Ding. Ich habe immer meinen Walkman genossen, das Musikhören während du gehst, es fühlte sich an, als wärst du in deinem persönlichen Videoclip. Die Straßen unter deinen Füßen, die Leute vor deinen Augen – du bestimmst Nahaufnahmen und Weitwinkel und Geschwindigkeit, und niemand weiß, dass sie von deinen Augen gefilmt worden waren.

R. erklärte den iPod, wie du Songs mischen kannst, wie du nach Interpret oder Genre auswählst. Wie du durchscrollen kannst. Er zeigte mir die Songs, die er bereits raufgespielt hatte: Beatles, Police, jede Menge Achtzigerzeug und ein Lied von Duncan Browne: The Wild Places. 

Ich dankte ihm. Es war wirklich ein großartiges Geschenk. Das weiße elegante Design, und auch die Musik. Er wirkte wahrhaftig glücklich, als ich den iPod in der Hand hielt. Dort neben ihm zu sitzen fühlte sich plötzlich wie Sicherheit an.

Ich fragte ihn, wie es ihm ging, ob alles in Ordnung war und warum er mich gestern nicht kontaktiert hatte.

„Wieso, hast Du mich vermisst?“

Er stand auf, öffnete seinen Aktenkoffer, stöberte in den Papieren. „Wo sind meine Brillen, oh hier.“

Er setzte die Brillen nicht auf sondern ging ins Badezimmer, versperrte die Tür und ließ das Wasser laufen. Dann öffnete er die Tür.

„Glaubst Du, dass ich ein selbstsüchtiger Mann bin? Ich meine, komme ich Dir egoistisch vor? Ich dachte immer, dass ein wenig Egoismus die Basis allen Glücks sei, aber ich bin mir nicht mehr so sicher.“

Er sah mich an, in Erwartung einer Meinung.

„Seit Neustem spüre ich diese seltsame Ambivalenz in mir … kennst Du die Bedeutung dieses Worts – Ambivalenz?“

„Ach, ich kenne viele Worte.“

Ja, das stimmt. Deswegen bist Du hier, Du gibst mir Deine Worte. Und ordnest sie netter Weise, damit sie Sinn machen. Ich komme mir sinnlos vor, wenn ich meine Arbeit verlasse. Die Verhandlungen und Zahlen, denen kann ich trauen. Aber ich möchte mir keine Sorgen wegen meiner Gedanken machen.“ Er lachte kurz auf. „Hast Du irgendwelche Favoriten, Du weißt schon, irgendwelche Einserworte?“

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 24. Renoir Through The Mirror klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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