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Gabbi WernerGirl Friday – Buch des Bösen 23. Frankfurt On My Mind

Von | 17.01.2014, 4:13 | Kein Kommentar

Frankfurt, ausgerechnet. Alte Häuser stehen neben neuen, Lifte gehen rauf und runter, Menschen essen Würstel. Kein Ausweg, bis auf Abruf.

Willkommen. Zu Geschichten aus vielen Hotelzimmern. Ich erzählte sie einem Mann, der nicht schlafen konnte. Ein Business-Deal. Er zahlte für meine Worte. Hier sind sie.

*

Frankfurt, Hotel Hessischer Hof, Anfang December. 

Ich verbrachte den ersten Abend in meinem Zimmer und wartete auf den Anruf von R. Kein Anruf. Um halb elf ging ich zur Rezeption. Fragte, ob er noch immer nicht angekommen sei, war sein Flug verspätet? Aber er war bereits da. Hatte er eine Nachricht für mich hinterlassen? Keine Nachricht. War er auf seinem Zimmer? R. war in der Tat auf seinem Zimmer, sagte der Rezeptionist, er habe um neun etwas zu essen bestellt und gebeten, nicht mehr gestört zu werden.

Na gut, dann werde ich ihn nicht stören.

Ich ging zurück auf mein Zimmer. Saß auf meinem Bett. Räumte den Koffer aus. Hängte meine Sachen auf. Mach ich sonst nie. Aber es gab sonst nichts zu tun – außer R. anzurufen. Ich fand seine Nummer raus und wagte nicht, ihn anzurufen. Ich rief meinen Boyfriend an, er hob nicht ab. Arbeitete wahrscheinlich noch im Restaurant. Ich nahm ein Bad. Sah nochmal am Handy nach.

Nichts.

Frankfurt war finster und kalt. Jetzt raus zu gehen wäre dumm gewesen. Ich hätte nicht gewagt, allein in eine Bar zu gehen. Und hätte ich es doch getan, wär ich dort allein gesessen. Was dann? Etwas trinken? Alkohol? Einen Cocktail, Champagner, Wodka? Und wenn mich wer angesprochen hätte? Wenn ein Mann versucht hätte, mich anzumachen? Oder dachte, ich wollte angemacht werden? Hätte ich was trinken können und trotzdem in Ruhe gelassen werden? Aber wäre ich allein geblieben, hätte ich mich sicher einsam gefühlt.

Also packte ich mein Necessaire aus, arrangierte mein Make-up am Spiegel.

Ich wartete bis Mitternacht, dann gab ich auf. R. rief mich nie so spät an.

Ich überlegte mir, eine Zeichnung hinter einem der Bilder zu machen, aber es war an die Wand geschraubt. Und R. wusste es. Dass ich diese Zeichnungen machte. Es fühlte sich nicht mehr so an, als würde ich etwas nur für mich machen.

Ich nahm ein Bad und hatte Tee. Checkte mein Handy. Keine Nachricht.

Ich setzte mich ans Fenster und blickte auf die Straße. Es gab nichts zu sehen. Manchmal fuhr ein Auto vorbei. Vor dem Hotel gab es einen kleinen Park, dahinter begann das riesige Messegelände.

Frankfurt, ausgerechnet. Ich war noch nie in dieser Stadt, bin nur zweimal vorbeigefahren, in den Achtzigern, mit dem Zug. In Frankfurt ging es um Industrie, um Pünktlichkeit. Eine pünktliche Stadt. Ein hartes Wort für eine Stadt. Das Zentrum des Geldes. Das Fehlen von Inhalten. Eine funktionierende, reiche, gut organisierte Stadt. Frankfurt. Eine Wurst war nach dieser Stadt benannt. Aus gutem Grund, wie ich erkennen sollte.

Ich ging zu Bett. Irgendwann holte mich der Schlaf ein, ich hatte im Fernsehen einen Kanal des Titels „Die schönsten Bahnstrecken Europas“ entdeckt.  Es war großartig. An die Lokomotive war eine Kamera montiert, welche die Strecke filmte. Das war alles. Nichts mehr als das. Ein Zug, der manchmal an einer Station hielt und manchmal beschleunigte, mit Fahrten durch einen Tunnel als Höhepunkt, oder auch das Passieren einer Kreuzung. Der Zug fuhr weiter und weiter, sein Rattern wiegte mich in den Schlaf.

Ich wachte gegen acht Uhr, nach höchstens vier Stunden Schlaf. R. hatte nicht angerufen. Kein SMS. Ich ging wieder zur Rezeption, fragte, ob es Nachrichten gab. Nein. Nach einigen weiteren Fragen informierte mich der Rezeptionist widerstrebend, dass R. das Hotel um sieben Uhr dreißig verlassen hatte.

Ich war zum Warten verurteilt. Wagte nicht, das Personal noch einmal zu fragen, wie auch, man könnte denken, dass ich R. beschatte oder was. Ich beschloss zu frühstücken. Irgendwie war es mein erstes Business-Frühstück, es war das erste Mal, seit wir zu reisen begonnen hatten, dass ich nicht verschlafen hatte. Ich hatte etwas Brot und ein gekochtes Ei. Tee. Es war schwer, das Brot zu kauen und zu schlucken, mein Mund war trocken. Der Tee war zu dunkel, fast schwarz und bitter. Das Ei war grüngekocht und hart.

Ausschließlich Geschäftsleute bevölkerten den Frühstücksraum, sie saßen zu zweit, manchmal zu dritt an den Tischen. Niemand saß allein. Ich war die einzige Frau hier, abgesehen von der Bedienerin. Die Männer aßen hastig, einige debattierten mit leiser Stimme, andere lasen die Zeitung. Um genau acht Uhr 45 löste sich die Menge auf. Nur ein Staubsauger surrte noch irgendwo im Hotel, und ein Geschirrspüler in der Küche. Ein Lift zog nach oben. Ich stand auf und nahm den Lift rauf und runter, warf den Mantel über und ging spazieren.

Ich nahm die Straße über den Fluss. Neue Häuser standen neben alten, ohne erkenntliches Muster. Hatte wohl mit dem Krieg zu tun, dachte ich. Die neuen Häuser waren wohl dort errichtet worden, wo alte Häuser zerbombt wurden. Plötzlich schienen die Ruinen, die es an den Straßen dieser Stadt gegeben haben musste, für mich sichtbar zu werden. Die neuen Häuser wurden durchsichtig und enthüllten die ausgebrannten Kadaver, die mal Wohnungen waren. Ich konnte die Vorhänge sehen, die mal an den Fenstern hingen, und die Frauen, die aus den Fenstern und auf die Straßen blickten. Jetzt war alles weg. Durch Glas und Beton ersetzt. Ich machte mir ein Spiel daraus, die Gebäude zu zählen, an denen ich vorbei ging: bombardiert, nicht bombardiert, explodiert, bombardiert. Sicher waren einige dieser Bürogebäude nur von Grundstücksmaklern gebaut worden, welche die alten Häuser abgerissen hatten, um Geld zu machen.

Jede Straße schien in einen windgepeitschten Park zu münden. An jedem Park stand eine Bar oder ein Restaurant, auf gut und gemütlich altdeutsch gestylt, wenn auch in einem neuen Gebäude.

Am Flussufer stand ein Weihnachtsmarkt. Holzhütten mit funkelnden elektrischen Lichtern. Es wurde laute Musik gespielt, alte deutsche Volkslieder, mit House-beat untermalt. Eine Hütte hatte bereits offen, dort wurden Würste verkauft, sie hingen an einer Stahlspirale, die über einem Feuer rotierte. Der Geruch des Fetts kam bis zu mir rüber. Ekelhaft. Die Leute schoben sich die Würste in die Münder. Ich sah sie an, wie sie die Würste verzehrten. Bis sie sich umdrehten und meine Blicke erwiderten. Sie mussten meine Miene gesehen haben, sie hatten aufgehört zu kauen. Ich ging weg.

Fortsetzung folgt. Am nächsten Freitag. Jeden Freitag. Ab 9.00h.

Link zur Englischen Originalfassung: auf  Girl Friday – the Book of Bad 23. Frankfurt On My Mind klicken.

Artwork: Gabbi Werner

Übersetzung ins Deutsche: Manfred Sax

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